Peymanns „Lear“ am Schauspiel Stuttgart Theaterdonner und herausgerissene Augäpfel

Von Nicole Golombek 

Claus Peymann inszeniert fürs Staatsschauspiel Stuttgart William Shakespeares Tragödie „König Lear“ mit Martin Schwab in der Hauptrolle.

Stuttgart - Am Ende liegt die Tochter tot in seinen Armen. Und der Vater, Ex-König Lear, sieht nach zeitweisen Anfällen von Irrsinn und Demenz klar: längst weiß er, er hat den falschen Töchtern vertraut - und sieht sich gestraft. Das Reich verwüstet, die liebe Cordelia im weißen Engelskostüm tot, das Herz, es bricht. Ob die Jungen, Glosters guter Sohn Edgar, es besser machen und die Staatschose wuppen wird, die Blindheit Lears und seines eigenen Vaters korrigieren wird? Wer weiß.

Lear und seine Tochter sterben am Freitag in Claus Peymanns „Lear“-Inszenierung in weißen Westen. Die Bühnenwelt (von Karl-Ernst Herrmann) dagegen: schwarz, schlicht, abstrakt. Eine Welt, die in Trümmern liegt, eine Welt voller Blut, Tränen, Zerstörung. Wie es dazu kommen konnte, erzählt William Shakespeare in dieser Tragödie, deren märchenhafter Charakter der Regisseur betont. Es ist die Geschichte von einem mächtigen Mann, der es bitter bereuen wird, aus Eitelkeit und Verblendung zwei Töchtern sein Reich anvertraut und die eine Tochter enterbt zu haben, die ihn liebt, dies aber nicht so blumig ausdrücken will.

Die Rückkehr des Regisseurs Claus Peymann

Es ist eine Stückauswahl mit ironischem Augenzwinkern: Claus Peymann hat selbst im Sommer eine Art Königreich abgegeben - seine Intendanz im Theaterkönigreich Berliner Ensemble. Und er hat für seine erste Arbeit als freischaffender Künstler Stuttgart gewählt, wo er bis zu seinem Weggang 1979 als Intendant und Regisseur einige Jahre große Erfolge feierte - und bis heute verehrt wird: fast alle Vorstellungen sind bereits vor der Premiere ausverkauft. Auch, weil diese Inszenierung eine Wiederbegegnung mit Martin Schwab ermöglicht, 80 Jahre alt ebenso wie der Regisseur, und dem Stuttgarter Publikum von damals noch bestens bekannt. Er steht im Zentrum dieser Arbeit.

Vermessenheit, Egoismus, Selbstmitleid, Altersstarrsinn, all diese Facetten kommen bei Martin Schwabs Interpretation des Lear zu Tage. Sein Lear ist ein bisschen hüftsteif, aber er reckt und streckt sich immer wieder, versucht gelenkig zu bleiben, hüpft und tanzt zunächst, als er von der Bürde des Regierens befreit ist, schiebt aber schon bald wütend sein Kinn vor, wenn die Dinge anders laufen als er will, den Kopf in den Nacken geworfen, wenn er sich ärgert. Ein Mann, selbst wie eine schwankende Weidenrute, die er später dem Irrsinn nahe als Krone benützt.

Die Bösen sind geschniegelt und gestriegelt

Alle anderen Schauspieler assistieren, dienen Lear und der Geschichte: Schwab, weißer Leinenanzug, als würde er demnächst auf einen Segeltörn gehen, will das Ruder abgeben, hängt die Krone an einen von der Bühnendecke baumelnden Haken: Dort blinkt und glänzt sie bühnenbeherrschend auch in den dunkelsten Stunden. Dieser Lear stellt fröhlich, selbstbewusst seine Töchter im Saal so nebeneinander auf, wie es ihm gefällt. Sie und ihre missmutig Maulaffenfeil haltenden Gatten lassen sich wie Marionetten umherschieben.

Für Regie und Dramaturgie ist die Sache klar: Lear ist ein unberechenbarer, oft ungerechter Kerl - aber im Grunde ein guter Mensch. Ja, das macht er klar, Lear hat die zwei älteren Töchter Goneril (Manja Kuhl) und Regan (Caroline Junghanns) stets weniger gut behandelt als die Jüngste (Lea Ruckpaul), weshalb er die Damen kühl grüßt, während er Klein-Cordelia herzt. Dennoch zeigt allein schon die Kostümierung (Margit Koppendorfer) an - das sind die Guten, das die Bösen: Lea Ruckpauls Cordelia ist die Natürlichkeit in Person in Hängekleidchen, Turnschuhen und mit locker geflochtenem Haar. Goneril und Regan stecken in klobigen High Heels, staksen umher in giftfroschgrünen und verrucht schimmerndem bordeauxfarbenem Abendkleid. Regan, die Kaltherzigere, trägt dazu Lederhandschuhe. Ihr Haar ist streng gescheitelt und gestriegelt - ebenso wie das ihrer Ehemänner Albany (Michael Stiller) und Cornwall (Andreas Leupold). Klar, dass solch aufgestylte Biester dem Vater keinen Respekt zollen, ihn bevormunden und seine hundert Mann zählende Gefolgschaft aus dem Haus jagen werden.

Auch Graf Glosters (Elmar Roloff) unehelicher Sohn Edmund (Jannik Mühlenweg) ist einer von der fiesen Abteilung, trägt daher Nieten, Leder und Gel im Haar, während der gute und gütige Halbbruder Edgar (Lukas T. Sperber) daherkommt wie Prinz William im Casual-Look, viel Wolle, weiche Stoffe.

Liebevoller Umgang mit Lear

Der Fall lässt vom ersten Moment an keinerlei Zweifel zu. Auch denkt man beim abdankenden Staatschef Lear an keiner Stelle an Politiker jenseits der Bühne, welche an ihren Stühlen kleben, nein, die Dramaturgen Jutta Ferbers und Jan Hein und der Regisseur Claus Peymann zwängen dem Zuschauer nichts auf. Sie machen gleichwohl unterschwellig klar: das ist Shakespeare, so und nicht anders. Eine Geschichte über die menschliche Existenz im Allgemeinen, über eine Verfehlung und die furchtbaren Folgen im Besonderen. Keine anderen Fährten, keine Andeutungen, dass dieser Lear womöglich früher schon auch im Umgang mit den Kindern mehr Fehler gemacht hat als diesen; kein Hinweis, dass man den womöglich charakterschwachen Lear durchaus fallen lassen könnte. Es ist ein liebevoller Umfang mit Lear - mit dem Alter kann man vieles entschuldigen.

Das eindrücklichste Bild des Abends war denn auch eines ganz ohne Text: in der Nacht, in der Lear erst von Goneril, dann von Tochter Regan im Regen stehen gelassen wird - ein Grollen, feine Nieselfäden, ein schwarzer halbdurchsichtiger Vorhang weht weit hinein bis in den Zuschauerraum. So ein kühler, vielsagender Regenwind: Die Welt, sie ist aus den Fugen. Ein Moment, in dem alles - oder nichts - möglich scheint. Ein Moment auch voller Ambivalenz, die man in anderen Szenen vermissen mag.

Theaterdonner und herausgerissene Augäpfel

Dennoch verfolgt man die stringent und präzise wie ein Uhrwerk ablaufende Katastrophengeschichte mit Interesse, zumal der Regisseur auch das geradezu splatterhaft Drastische liebt - Theaterdonner nicht zu knapp. Es wird gefochten, geflucht, wenn Peter René Lüdickes von Lear verbannter Graf Kent als freundliche Seele dennoch inkognito seinem Herrn zur Seite steht und den krakelenden Krawallbruder mimt. Mit Schmackes knallt Andreas Leupolds Cornwall die herausgerissenen Augäpfel seines Feindes Gloster auf den Boden, fortan irrt Elmar Roloffs Graf Gloster blutverkrustet durch die Dunkelheit. Geführt wird er, ohne es zu verstehen, ausgerechnet von seinem guten Sohn Edgar, der sich als nackter, dreckverschmierter Irrer getarnt vor dessen Verfolgung schützt - sein Halbbruder Edmund hatte ihn durch Intrigen in Misskredit gebracht. Und auch dieser junge Schauspieler, Jannik Mühlenweg kostet Edmunds Perfidie aus, feixend, augenrollend, wie toll rasend. Zarte Momente? Gibt es auch, wenn die metaphorisch und tatsächlich blinden Alten, Gloster und Lear beisammen auf dem Boden sitzen, einer sich an den anderen schmiegt, und beide wissen und bereuen, wie blind sie waren, sich grämen, wie viel Macht, wie wenig Menschenkenntnis sie besaßen.

Narrenlieder von Peter Handke

Claus Peymann demonstriert so seine Stärken: seinen Blick für die Schauspieler, seine Liebe zum Text. Dramaturgin Jutta Ferbers hat eine klug gekürzte Neufassung und sprachlich schlichte umgangssprachliche Neufassung nach der Übersetzung von Wolf Baudissin angefertigt. Und Peymann, der viele Stücke Peter Handkes uraufgeführt hat, konnte den Autor dazu bewegen, die schwer übersetzbaren Lieder des Narren neu zu schreiben. Lea Ruckpaul, die passend Cordelia und den Narren spielt, weil der Lear ebenso liebt wie Cordelia, ermöglicht dies Auftritte, die sie zu nutzen weiß: ein grantiger, polternder, Schnute ziehender, doch warmherziger Narr ist sie, singt glockenrein Handkes Texte: „Und mir, mir gab ein Gott zu singen, was ich litt / Litt wegen Dir mein König Ungereimt / Welcher, o weh, aus seinem Königreich ins Narrenreich abglitt“.

Ein bisschen mehr „Ungereimt“ hätte auch dem Abend gut getan. Dennoch: Nach drei Stunden Spieldauer gibt’s nur ein zaghaftes Buh, das der Regisseur mit Lächeln und Winken quittiert. Und so wie Lear zu Beginn die Töchter wie Hütchen herumschiebt, nimmt Peymann seine Schauspieler an die Hand, animiert sie, nach vorne zu treten und den zehnminütigen Applaus entgegenzunehmen. Dem Dramenkönig Lear wird die Aufgabe seiner Macht zum Verhängnis. Der Theaterkönig Peymann kommt hervorragend auch ohne Reich zurecht.

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