Elmar Roloff als Willy Loman in "Tod eines Handlungsreisenden". Foto: Theater

Ob als Handelsvertreter oder Göttervater: Elmar Roloff gibt dem Theater seinen eigenen Rhythmus.  

"Die Stühle" von Ionesco waren Elmar Roloffs erste Premiere im Zimmertheater Münster. "Wir haben gestunken vor Angst", sagt der Schauspieler. 40 Jahre ist das her. An diesem Sonntag feiert er in Stuttgart sein Bühnenjubiläum.

Man hätte es verstanden, wenn er dem Lackel eine geschmiert hätte. Howard (Markus Lerch), Schnöselchef, schaut Willi Loman (Elmar Roloff) mit seifigem Lächeln an. Er verbirgt kaum seine Ungeduld über Willis Gerede über früher, als Howards Vater Chef war und die Geschäfte besser liefen. Willi ist müde, immerhin war er als Handelsvertreter für die Firma jahrzehntelang über die Landstraßen gegondelt.

Ein König der Landstraße. Howard sagt jovial, nein leider habe er nichts für ihn im Innendienst zu tun. Willi bleibt bemerkenswert geduldig, eine Ader am Hals schwillt schon an, aber er beherrscht sich. Als er genötigt wird, sich doch einfach mal auszuruhen, setzt er sich im Schneidersitz nieder, dreht eine Pappkrone um, hält sie auf, übt mit einem Feixen schon mal die Pose des Bettlers.

Roloff ist ein eleganter Schauspieler

Elmar Roloff hätte auch toben oder heulen können, doch er zieht die kleine Geste vor. Er findet leicht, ironisch ein Bild für das Elend einer ausgemusterten Generation. Roloff ist ein eleganter Schauspieler, mit enormem Gefühl für Timing und Rhythmus. Er liebt seine Figuren kritisch, er findet Abgründe bei den Harmlosen, Liebenswertes an Tyrannen. Wie einige Monate vor dem "Tod eines Handlungsreisenden".

Roloff ebenfalls auf der Staatstheater-Bühne Nord am Pragsattel. Kleists "Amphitryon" - schön und stark war er da, ein Gott. Jupiter selbst. Offenes Hemd, stolz geschwellte Brust, freudestrahlend. Großspurig verabschiedet er sich von Alkmene und Amphitryon mit einem perfiden Gastgeschenk: einem Göttersohn für erschlichenen Sex. Der Götterhengst nahm Amphitryons Gestalt an, kam in sein Haus, stahl dem Mann erst das Ich, den Namen, dann die Frau.

Eher wie Jupiter denn als ein geknechteter Handelsvertreter wirkt Elmar Roloff an diesem Morgen in dem Café gegenüber dem eingerüsteten Schauspielhaus, in dem er seit 18 Jahren Ensemblemitglied ist. Beschwingter Schritt, Strohhut in der Hand, das blaue Hemd betont die hellen Augen. Er sieht froh aus, warum auch nicht, es war eine gute Saison mit lauter Wunschrollen.

"Klar, Willi ist eine Pfeife"

"Klar, Willi ist eine Pfeife"

 Ein erheitertes Lachen auch auf die Frage, was reizvoller war, als potenter Göttervater mit einer jungen Frau herumzuküssen oder als enttäuschter Vater und desillusionierter Handelsvertreter seine Söhne und seine Frau anzubrüllen. So einfach ist das nicht. "Klar, Willi ist eine Pfeife, und er behandelt seine Söhne grausam", sagt er, "aber auch Jupiter muss erkennen, dass er scheitert.

Er fragt sich, wie kann ich noch einmal etwas zum ersten Mal erleben? Noch einmal einen Kick bekommen? Und umso trauriger ist das Erkennen: Es gibt ein momentanes Gefühl, ja, aber es gibt kein Entrinnen."

Auch beim Proben ist das ein Thema, muss es sein. Es geht nicht um künstliche Jugendlichkeit, aber um Offenheit. "Wenn ich nicht mehr neugierig wäre, wenn ich Angst hätte, Risiken einzugehen, würde ich aufhören." Roloff gehört nicht zu den Schauspielern, die wissen, dass früher alles besser war. "Man erfindet eben alle paar Jahre Bühnenästhetik neu", sagt er. Die Moden kommen, und sie gehen, er sieht das gelassen.

In Düsseldorf geboren

Diese Saison hat er mit zwei relativen Jungspunden gearbeitet, den Regisseuren Jan Neumann bei Millers Drama und mit Kristo Sagor bei "Amphitryon". "Ich stelle meine Erfahrung zur Verfügung, und wir diskutieren gern und viel", sagt er. "Es ist interessant, wie die jüngeren Künstler für manche Aspekte andere Lösungen finden, mit anderen Medien arbeiten oder wie Jan Neumann zum Beispiel das Licht für verschiedene Realitätsebenen einsetzt."

Lieber etwas wagen als gepflegt zu langweilen. "Was ich nicht mag, sind Figuren ohne Fallhöhe, und ich mag keine Lehrstücke. Ich will als Schauspieler und auch als Zuschauer etwas entdecken dürfen." Nun ist Roloff, 1943 in Düsseldorf geboren, längst in der glücklichen Position eines Schauspielers, der nicht jede Rolle annehmen muss. "Irgendwann erarbeitet man sich das", sagt er.

Vor 40 Jahren war das anders. "Bei meiner ersten Rolle, dem Alten aus den ,Stühlen', hat sich der ganze Stau an Spieltrieb aufgelöst. Wir haben unter einer halben Gummimaske und mit Haarkranz gespielt, nicht naturalistisch, sondern ziemlich körperbetont, und wir haben gestunken vor Angst." Es stand viel auf dem Spiel. Roloff, damals 28 Jahre, stand vor einer heftigen Entscheidung: Schauspieler sein und von 414 Mark im Monat leben - netto - oder auf Lebenszeit Beamter werden.

"Ich wollte schon nach dem Abitur Schauspieler werden"

Roloff arbeitete als Lehrer, konnte aber seinen Lebenswunsch nicht mehr unterdrücken. "Ich wollte schon nach dem Abitur Schauspieler werden, aber die Familie hat massiv protestiert, auch die Freundin, von der habe ich mich zwei Monate später getrennt." Über die Studentenbühne kam er zum Zimmertheater Münster, und als nach der Ionesco-Premiere sogar der Bruder und die Schwägerin sagten, "das ist es", kündigte er seinen Lehrerjob.

All die Germanistik- und Linguistikseminare helfen ihm bis heute beim Versezählen und Rollenüben. Denn so offen Roloff für alles ist und den Beruf liebt, weil man wunderbar Quatsch machen kann, mit der Sprache nimmt er es genau.

In Münster spielte er in drei Jahren am Zimmertheater

In Münster spielte er in drei Jahren am Zimmertheater

"Sprache charakterisiert die Figuren, es ist ein Unterschied, ob eine Figur Prosa und in Versen spricht. Und dann kommt es auf die Bauweise des Verses an und auf die Zäsuren." Roloff nimmt sie auseinander, zählt die Verse durch. "Nur so kommt man auf den Atem der Figur, findet die Brüche und Leerstellen." Gelernt hat er das beim Proben, nicht in der Schauspielschule.

In Münster spielte er in drei Jahren am Zimmertheater 21 Rollen, mehr als vier Wochen Zeit für eine Produktion war nicht. "Das war toll für uns Junge, ein Absprungbrett." Es folgten Engagements in größeren Theatern, 1975 erst Nürnberg, später Kassel, Mannheim.

Dort traf er einen ehemaligen Kollegen aus Nürnberg wieder, Friedrich Schirmer, mit dem er 1992 nach Stuttgart ans Schauspielhaus kam. Dass er mit seiner Frau in Stuttgart wohnen bleiben und fast die Hälfte seines Bühnenlebens in der Stadt verbringen würde, war nicht geplant. "Mein Ziel war es, an ein großes wichtiges Theater zu kommen, und das war Stuttgart. Aber ich dachte, vielleicht werden es drei, vier Jahre sein", sagt Roloff. "Ich bin gern geblieben. Es war unheimlich was los."

Arbeiten mit Stephan Kimmig und Martin Kusej

Über Arbeiten mit Stephan Kimmig und Martin Kusej spricht er gern, oder über Glücksabende wie Rezas Komödie "Kunst" mit mehr als 100 Vorstellungen. Ein Stück über Freundschaft und wechselnde Koalitionen, Roloff hatte da einen wunderbaren Heulkrampf, als er Nüsschen pickend über die bevorstehende Hochzeit und seine Nervenkrise schimpft und sich langsam in Rage lamentiert. "Es gibt solche Produktionen, da ist besonders viel Sonne drauf."

Als Schirmer nach zwölf Jahren als Intendant 2005 nach Hamburg wechselte und Hasko Weber in Stuttgart nachfolgte, ging Roloff nicht mit. "Hasko Weber hatte mir ein tolles Angebot gemacht, ich hatte nicht das Gefühl, ein Überbleibsel zu sein."

Roloff hat in Webers Beckett-Inszenierung mitgespielt, und in Karin Henkels Tschechow-Inszenierung "Platonow" war er der in die Gutsherrin verliebte alte Glagoljew. Er erleidet während des Stücks einen Schlag und kommt später mit einem heftigen Hinken und Kopfwackeln auf die Bühne. Er gestaltet den Mann nicht so, dass man übermäßig viel Mitleid bekommt. "Ich hatte immer das Glück auch mit Rollen, an denen man seine Biografie abarbeitet."

Roloff spielt zwei Stücke pro Saison

Jahre zuvor hatte er einen Infarkt. "Das ist ein Knall", sagt Roloff. "Wenn das Herz wackelt, ist das eine merkwürdige Angelegenheit. Aber es ist wichtig, weiterzuspielen, weiterzuleben, sich nicht zu einem Paria zu machen." Wichtig war auch deshalb später sein Spiel als Gertrude in Volker Löschs Interpretation von Shakespeares "Hamlet". Nicht nur weil er da wieder so wunderbar leichtfüßig und perfid charmant spielte, sondern weil er wie alle andren in dicken Ganzkörperkostümen durch den Matsch waten und sich da körperlich viel zumuten konnte.

Inzwischen spielt Roloff zwei Stücke pro Saison. "Beim Spielen merke ich, ich bin nicht ängstlich, nur dauert es inzwischen länger, bis ich mir manche Szenen merke, es ist mehr Konzentration nötig", sagt er. "Aber Theaterspielen ist ja kein Job. Es ist meine Sprache. Was ich denke, fühle, erlebe, teile ich mit, indem ich das spiele.

Es wäre eine Art von Verstummen, nicht mehr zu spielen. Und ich habe schon jemanden, der mir sagt, wenn es peinlich wird." Aufhören kommt nicht infrage - ein Glück, auch für die Zuschauer und die Kollegen, die ihn an diesem Sonntag im Nord nach der letzten Aufführung von "Tod eines Handlungsreisenden" feiern werden.

"Tod eines Handlungsreisenden", Sonntag, 18 Uhr, im Nord. 07 11/ 20 20 90. Im Anschluss wird im Foyer gefeiert.

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