Manja Kuhl Foto: Max Kovalenko

Sie kann auch lustig sein. Vor allem aber beeindruckt Manja Kuhl (32) auf der Bühne des Schauspielhauses mit schwebend rätselhaftem Spiel und enormem Körpereinsatz.

Sie kann auch lustig sein. Vor allem aber beeindruckt Manja Kuhl (32) auf der Bühne des Schauspielhauses mit schwebend rätselhaftem Spiel und enormem Körpereinsatz.

Stuttgart - Manja Kuhl ist eine Frau für das Besondere. Sie überzeugt selbst in Produktionen, in denen sie nicht auf der Bühne steht. So kam das: Schauspielerin Julischka Eichel, in Bertolt Brechts Drama „Leben des Galilei“ die Tochter des Titelhelden, war zum Premierentermin im Schauspielhaus im Januar derart heiser, dass sie nicht einmal Piep sagen konnte. Und so verkörperte sie zwar das junge Mädchen, die Stimme aber lieh sie sich von Manja Kuhl.

Dezent, im Anzug, Lichtspot auf dem hellen kurzen Haar, stand Manja Kuhl unten im Saal, rechts von der Bühne. Eine androgyne Schönheit, die der flirrenden, heiter-verzweifelten Galilei-Tochter ihre Stimme borgte, sich im Dunkel möglichst unsichtbar machend, immer mit einem Blick auf das Geschehen. Sie kicherte, schimpfte, heulte, redete, schwärmte für Julischka Eichel.

Auch das Timing – beeindruckend. „Ja, das war sehr besonders“, sagt Manja Kuhl. Sie wirkt vergnügt, ist nur ein bisschen blass an dem Nachmittag. Proben. Viele Proben. Die hat sie in dieser Saison von Anfang bis zum Ende der Saison: Zum Auftakt spielte sie in Fritz Katers Endzeitstück „5 morgen“ in der Spielstätte Nord, und sie wird bei der letzten Saisonpremiere „Hirnbonbon“ an diesem Samstag zu erleben sein.

„Wenn alle Beteiligten wie auf einer Welle surfen"

Warum ist an jenem Januarabend ausgerechnet sie eingesprungen? „Julischka und ich kennen uns aus der Schauspielschule. Ich schätze sie sehr. Sie ist immer mit offenem Herzen in jede Begegnung, in jedes Zusammenspiel gekommen.“ Das, sagt Manja Kuhl, sei überhaupt das Schönste in einem Ensemble, „wenn alle Beteiligten wie auf einer Welle surfen, wenn eine Zwischenwelt, ein Zwischenraum entsteht. Das fühlt sich großartig an, und das ist es, was ich an dem Beruf liebe.“

Was sie, bei aller Liebe, nicht davon abhält, ein Fernstudium in Kulturwissenschaften zu absolvieren. „Mir ist es wichtig, geistig unabhängig zu bleiben, mir Freiheiten zu schaffen.“ Nachdenkliche Pause. „Ich hätte gern mehrere Leben parallel.“

Ein paar hat sie schon probiert. „Ärztin, Fotografin wäre auch ein Thema gewesen. Ich habe als Kostümassistentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg gearbeitet, auch als Sekretärin, und ich habe einer Fotografin assistiert. Aber dann wollte ich es doch lieber erst mal als Schauspielerin ­versuchen.“

In ihrem Schauspielerleben mutet sich die 1981 in Hamburg geborene Künstlerin einiges zu. Bei den Proben: „Ich schätze es, mich selber herauszufordern, bin schnell gelangweilt und werde hibbelig, ich rede gern inhaltlich über eine Arbeit, aber ich gehe dann schon auch gern auf die Bühne. Ich arbeite gern körperlich, mit Musik. Der Körper will Bewegung.“ Und auf der Bühne: In Oberhausen, wo Manja Kuhl nach der Berliner Schauspielschule Ernst Buch engagiert war, spielte sie Ibsens „Nora“.

Es inszenierte der damals noch nicht so gehypte Herbert Fritsch (der mit dieser Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde). Manja Kuhl ist in Spitzenschuhen aufgetreten – den ganzen Abend lang. „Das hat sich so einfach richtig angefühlt“, sagt Manja Kuhl. Es passt ja zur Rolle. Nora, eine Frau im Puppenhaus, die sich höchstens wegtrippelnd befreien könnte.

Schauspielen kann auch körperliche Schwerarbeit sein

Welch körperliche Schwerarbeit Schauspielen auch sein kann, bestaunte das Publikum jetzt im Mai in Recklinghausen in „Purpurstaub“ (nach Sean O’Casey), die Zuschauer können die Produktion von Oktober an dann auch im Stuttgarter Schauspielhaus anschauen: Manja Kuhl tanzt eine halbe Stunde lang einen irren Fantasievolkstanz – auf High Heels. Man weiß kaum, was wohl anstrengender war, das ständige Stapfen, Hüpfen, Springen und Händeklatschen oder ihr freundlich-irres Lächeln.

Man hätte sie kaum erkannt mit ihrem ­20er Jahre Bubikopf. Neben ihrem Talent zur Selbstironie und dazu, auch Dummerchen persiflierend zu spielen – in „Purpurstaub“ wie in der Impro-Soap „PolizeixRuf“ im Nord –, ist das noch eine Gabe: Wandlungsfähigkeit. „In Oberhausen war das häufig so“, sagt Manja Kuhl, „oft dauerte es länger, bis die Zuschauer gemerkt haben, dass ich das da auf der Bühne war.“

Auf der Homepage ihrer Künstleragentur finden sich Fotos von Manja Kuhl, sehr lange Haare, sehr natürlich, mädchenhaft; kaum ist die Schauspielerin zu erkennen, die seit Armin Petras’ Intendanz in Stuttgart ist und mit dem hellblonden kurzen Haar Strenge und Herbheit ausstrahlt.

Derart betört sie in Armin Petras’ Inszenierung von Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“. Auch da spielt sie sehr besonders, auch mal Figuren, die es gar nicht gibt. In einer der ersten Szenen geistert sie über die Bühne. Kohlengeschwärztes Gesicht, langsamer Gang, mit lauernden Blicken beäugt sie die anderen, den Kohlen-Munk, seine Mutter. Ein Rätselwesen, es verstärkt die surreal-bedrohliche Stimmung.

Dass man meinen könnte, sie sei ein junger Mann? Manja Kuhl lächelt. Sie will nicht mit einer eindeutigen Spielweise langweilen. Auch auf die Gefahr hin, irgendwie unklar, beliebig oder seltsam zu wirken? Sie insistiert: „Man muss noch etwas offenlassen bei der Charakterisierung, als entwürfe man eine Skizze. Ich schätze es, bei den Proben gemeinsam zu forschen, bis man ein Samenkorn findet, das unbedingt wachsen will. Man spürt das meistens, danach suche ich.“

Wenn Manja Kuhl in einer späteren Szene von „Das kalte Herz“ neben ihrer Kollegin Caroline Junghanns steht, beide als ältere Damen verkleidet, und vor dem Kirchbesuch auf dem Dorfplatz herumlästert, wirkt sie in manchen Momenten, als sei sie noch immer auf der Suche, als sei sie sich selbst ein bisschen fremd. Das macht ihr Spiel reizvoll.

Manja Kuhl spielt in Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ an diesem Montag um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. Am 12. Juli ist die Schauspielerin in „Hirnbonbon“ zu erleben, die Uraufführung des Dieder-Roth- Projekts beginnt um 20 Uhr. Weitere Termine am 14., 16. , 18. und am 19. Juli. Karten: 0711 / 20 20 90.

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