Claus Peymann dem Theater noch lange nicht Adieu, auch wenn er am 7. Juni 80. Geburtstag feiert Foto: dpa

Ein Entertainer und Enthusiast, den auch Menschen kennen, die nie ins Theater gehen: Der Regisseur Claus Peymann wird 80

Stuttgart - „Die drei? Die nehm’ ich“, sagt die ältere Dame beherzt. Die Drei, das ist Platz drei auf der Warteliste zur Lesung im Stuttgarter Literaturhaus. Ausverkauft! Alles andere wäre eine Überraschung gewesen, denn Claus Peymann ist der Gast des Abends. Mit schnellen Schritten durchschreitet der 79-Jährige den Saal. Heftiger Applaus empfängt ihn auf der für diesen Theatermann rührend klein wirkende Lesebühne. Mit abwinkender Geste sagt er: „Heben Sie sich den für später auf“. Und ahnend, dass der Applaus auch ein nachträglicher für die Zeiten ist, in denen Stuttgart Theaternabel der deutschsprachigen Welt war, sagt er: „Die schönen Zeiten kommen nie wieder. Nur in kleinen Happen“ – Kunstpause, auf das erfreutes Ah! die Reaktion sein wird: „Demnächst mit dem ,Lear’.“ Im Februar wird Peymann in Stuttgart Shakespeares Drama inszenieren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es jetzt nach seiner Thomas-Bernhard-Lesung maue Zustimmung geben könnte, ist denkbar gering. Mit charmant täppischer Theatralik reißt Peymann ein Tuch von einem plüschrot gepolsterten Sessel zwischen den Worten „Holzfällen“ und „Eine Erregung“. Er eifert sich durch Bernhards Text. Der Ich-Erzähler echauffiert sich im Ohrensessel sitzend während eines Soupers für einen Burgschauspieler über Kulturleute, über das Theater, über Schauspieler und das ganze Leben.

„Faust“ in Stuttgart

Wer zu den Spätgeborenen gehört, die nicht Claus Peymanns berühmt-berüchtigte Intendanzzeit in Stuttgart erlebt hat, ahnt, warum das Publikum den Mann bis heute verehrt. Warum man ihm an seine nächste Station nach Bochum ans Schauspielhaus nachgereist ist, dann nach Wien ans Burgtheater und ans Berliner Ensemble nach Berlin. Peymann mag es, wie der Kritiker Wolfgang Ignée am 28. Februar 1977 in seiner „Faust“-Rezension mutmaßte, „den Zuschauern insgesamt nicht doch zu leicht“ gemacht haben. Doch Peymann ist nicht nur Entertainer. Er ist ein Enthusiast. Vernarrt in Sprache, in Texte. Seine Freude am eigenen Tun, an der Möglichkeit, mit dieser Sprache umzugehen und sich – vielleicht mit weniger Selbstironie als man vermuten könnte – mit einem Regen aus Konfetti selbst zu feiern, wirkt kindlich unverstellt. Auch wenn er sich wie kürzlich in Gero von Boehms Fernsehporträt nach einem längeren Marsch durchs Burgtheater direkt auf eine Bank legt, die unter einem Porträt von ihm selbst steht: So offen seine Künstlereitelkeit zu zeigen, ist schlicht umwerfend.

Dass es im Theater nicht allzu demokratisch zugeht, hat Peymann nie bestritten. „Noch bin ich hier der Intendant“ schnauzt er wie ein kleiner Despot, als während der Vorbereitung zu Peymanns jüngster Inszenierung (Kleists „Der Prinz von Homburg“) ein Kamerateam die Proben begleitete. Diese Arbeit wird auch in der nächsten Saison im Berliner Ensemble gezeigt werden, wenn Peymann das Haus nicht mehr leitet. Nachfolger Oliver Reese lädt aber auch ausgerechnet Peymanns Berliner Gegenspieler Frank Castorf zu einer neuen Inszenierung pro Spielzeit ein. Dass Peymann diesen Affront nervlich offenbar so gut überstanden hat, dass er an diesem Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiern kann, lässt darauf hoffen, dass diesen Theaterberserker auch sonst nichts leicht aus der Bahn werfen wird.

Großartige Autoren und Schauspieler

Aber was ein „aufgeklärter Monarch“ ist, wie Peymann sich auch schon mal bezeichnete, der steckt so etwas weg. Und er hat ja allen Grund, ein bisschen selbstherrlich zu sein. Nicht nur wegen der überstandenen Skandale und Skandälchen. Sei es der Aushang wegen Zahnarztrechnungen für RAF-Terroristin Gudrun Ensslin am internen (aber extern bekannt gewordenen) Schwarzen Brett des Stuttgarter Theaters. Oder seien es die Mistfuhren vor dem Wiener Burgtheater, als auf der Bühne die Haltung Österreichs während der Nazizeit kritisch thematisiert wurde. Der in Bremen geborene Künstler hat sehr früh die Qualität von Schauspielern erkannt – Gert Voss, Manfred Zapatka, Martin Schwab, Kirsten Dene, um nur einige zu nennen, waren maßgeblich am Erfolg seiner Inszenierungen beteiligt. Peymann hat Autoren konsequent gefördert, die gesellschaftlich Relevantes zu sagen hatten. Und die dies mit einem literarischem Anspruch formulierten, man einem Publikum auch erst einmal zutrauen muss: Elfriede Jelinek, vor allem Peter Handke.

Lust an der Provokation

Und Thomas Bernhard. Mit dem österreichischen Autor verband ihn sicher auch die Lust an der Provokation. Auf Fotos, in Theaterdokumentationen sieht man stets einen erwartungsvoll vergnügten Ausdruck in Peymanns Gesicht – wird es Jubel oder Pfiffe geben? Egal, Hauptsache keine Lauheit. Gerne erinnert er auch an diese Zeiten, in denen man – anders als heute – noch für Aufregung sorgen konnte. 2007 gastierte Peymann wieder in Stuttgart, als der damalige Intendant Hasko Weber den Deutschen Herbst theatral untersuchte. Die Gruppe Rimini Protokoll etwa ließ Leute zu Wort kommen, die während der Prozesse gegen die RAF-Mitglieder in Stammheim wohnten. Und Peymann las genüsslich aus Beschimpfungsbriefen vor, die ihn damals erreichten. Erzählte auch, wie ihn dieser Hass erschreckt habe.

Peymann spielte während der Inszenierung von Camus’ „Die Gerechten“ im Mai 1976 einen Film ab, der eine Straßenbahnfahrt Richtung Stammheim, wo die RAF-Terroristen einsaßen, zeigte. Danach sah sich das Kultusministerium genötigt, in den „Stuttgarter Nachrichten“ Peymann doppeltes „Versagen“ in „politischer und künstlerischer Hinsicht“ vorzuwerfen und ihn der „Feigheit“ zu bezichtigen. Er habe „nicht gewagt, sich – wie es bei Premieren Bühnenbrauch ist – vor dem Vorhang a l l e i n zu zeigen“.

Gänzlich jeglicher Aktualisierung enthielt sich Peymann, es war immer noch Hoch-Zeit des RAF-Terrors, als er 1977 Goethes „Iphigenie auf Tauris“ zeigte. Er inszenierte das Stück ohne szenische Hinweise auf die gegenwärtige Aktualität, aber dennoch als „Diskussionsbeitrag zu der bei uns zu Recht stattfindenden Gewaltdebatte zu leisten“, wie er in einem Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“ sagte. Er bescheinigte damals auch seinem Publikum, es habe „die Offenheit eines liberalen Großstadtpublikums“. Dieses mit ihm gealterte Publikum, das Peymann nach seiner Bernhard-Show im Literaturhaus ausgiebig feierte, wird sich, wie theatermüde es inzwischen sein mag, nächsten Februar sicher wieder im Schauspielhaus einfinden. Zu Peymanns Inszenierung von Shakespeares „Lear“. Anders als die undankbaren Lear-Töchter werden die Stuttgarter Zuschauer den Theaterkönig ohne Reich sicher mit offenen Armen empfangen.

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