Lust am schönen Wort: Caroline Junghanns Foto: Jan Reich

Caroline Junghanns (30) ist eine Sprachkünstlerin, und in Hauffs „Das kalte Herz“ singt sie wunderbar von heißen Küssen. Jetzt hat die junge Schauspielerin auch noch einen grandiosen Auftritt als Brautkleid. Eine Begegnung.

Caroline Junghanns (30) ist eine Sprachkünstlerin, und in Hauffs „Das kalte Herz“ singt sie wunderbar von heißen Küssen. Jetzt hat die junge Schauspielerin auch noch einen grandiosen Auftritt als Brautkleid. Eine Begegnung.

Stuttgart - Caroline Junghanns (30) kommt mit dem Fahrrad zum Café. Es liegt an einem der wenigen Plätze, an denen am Nachmittag die Sonne scheint und in dem schwer Plätze zu bekommen sind. Die Schauspielerin weiß das, deshalb kommt sie eine Viertelstunde vor dem verabredeten Zeitpunkt. Sie kennt die Stadt und wusste auch, wo sie wohnen wollte. Im Süden. „Hier begegnet man Türken, Deutschen, Pakistani, junge, alten Leuten. Ein interessantes Viertel.“ Zwar ist sie erst am Schauspiel Stuttgart engagiert, seit Armin Petras das Haus im Herbst 2013 übernommen hat, doch sie hat in der Stadt schon ein paar Jahre verbracht: während des Schauspielstudiums an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst. „Da hatte ich jetzt meinen Kollegen gegenüber einen Vorteil“, sagt Caroline Junghanns.

Im Stuttgarter Süden ist sie zurzeit auch oft während der Arbeit unterwegs. Caroline Junghanns und Matti Krause spielen ein Paar, das in Anne Habermehls „Autostück. Belgrader Hund“ mit jeweils zwei bis drei Zuschauern im Auto durch die Stadt fährt – man hat einander nur durch den Spiegel im Blick. „Manchmal sprechen einen die Zuschauer an, das ist dann schön, weil Matti und ich darauf reagieren müssen und nicht nur wegen der unterschiedlichen Verkehrslage jedes Mal ein ganz anderer Abend entsteht“, sagt Caroline Junghanns.

Die Arbeit mit dem Regisseur Stefan Pucher mochte sie sehr. „Ein großer kleiner Junge: wach, verspielt, begeisterbar.“ Es ist ein starkes Stück über Liebe, Krieg, Heimat, das man aus nächster Nähe miterlebt: „Man kann wie bei einem Kammerabend fein spielen auf diesem winzigen Raum.“ Manchmal steht man auch direkt neben den Schauspielern, wenn man ihnen hinterhergeht, als sie aussteigen und sich im Freien streiten. Von den Eröffnungspremieren im Herbst war die Inszenierung die poetischste in ihrer nächtlich traurigen Melancholie.

Großer Auftritt ein paar Monate später. In Hauffs „Das kalte Herz“ gehört ihr die Bühne allein, zumindest während des ersten Monologs. Ein dunkel leuchtendes Gruppenbild, Waldfotografie im Hintergrund. Vorne sitzt Caroline Junghanns neben Christian Schneeweiß auf einem Bänkchen. Beide sind in irgendwie coolem Folklorestil gekleidet, tragen geblümte Drahtgestelle auf dem Kopf – Tanzbodenkönig-Kronen. Caroline Junghanns spielt Lisbeth, sie erzählt von den Leuten im Schwarzwald, von den Männern vor allem, und was die alles können. Aber wie. Innerlich wissendes Lächeln, verhalten stolz, klug, mit Lust am schönen Wort. Jeder Buchstabe wird zelebriert. Stundenlang könnte man zuhören, wie sie redet und sich räkelt wie eine satte Katze in der Sonne.

Singen kann sie auch. In „Das kalte Herz“ interpretiert Caroline Junghanns ein Liebesgedicht von Demetrius Schrutz von 1882 und artikuliert so gläsern, klar, präzise, bewegend die Zeilen „Ich wollt’, ich könnt’ ’nen Kuss dir geben / so inniglich, so warm, so heiß / Dein Herzchen, das jetzt kalt wie Eis“, dass es einem selbst kalt wird.

Dass sie das gerne tut, weiß man seit ihrer ersten Vorstellung. Die Ansage des „Hello Look At Me“-Abends im Schauspielhaus war: das Ensemble stellt sich dem Publikum vor. Sie hatte das wörtlich genommen, ging durch die Reihen, schüttelte jedem lächelnd die Hand. Nebenbei erzählte sie, woher sie kommt (Dresden) und dass sie gern Sängerin werden wollte. „Na ja“, sagt sie jetzt bei einem Kaffee, „ich habe halt im Chor gesungen, aber Sängerin zu werden, das stand für mich schon vor dem Abitur nicht mehr zur Debatte.“ Trotzdem hat sie nach der Ausbildung noch mal Unterricht genommen, bevor sie die Polly in Brechts „Die Dreigroschenoper“ übernahm. Sie spielt im Juni das Stück in Stuttgart wieder, verkörpert aber nun die Spelunken-Jenny. Sie strahlt. Eine Wunschrolle.

Caroline Junghanns’ Terminplan ist eindrucksvoll, kaum ein freier Abend für die viel gefragte Schauspielerin. An diesem Nachmittag zeigt sie, dass sie nur hierin nicht talentiert ist – im Angeben. Ihre Freude darüber und ihre Überraschung, wie sie sagt, dass sie so viele große Rollen zu spielen hat, wirkt ehrlich. Doch, wirklich, sagt sie, ein paar Gedanken habe sie sich vorher schon gemacht, bei all den vielen Kollegen, die aus größeren Häusern und Städten gekommen seien. „Ich dachte, mich kennt ja hier keiner, da muss ich mich erst einmal ganz bescheiden einfinden und bekomme dann irgendwann einmal größere Rollen.“

Nach der Schauspielschule erhielt Caroline Junghanns 2008 ein Engagement am Theater in Chemnitz: „Ich war da gefordert, aber nicht überfordert. Es waren fünf satte, volle Jahre. Doch dann war da schon nach einiger Zeit das Gefühl, es muss für mich weitergehen.“

Sie verschickte einige Bewerbungen, dann ging es plötzlich schnell. Anruf aus Berlin, Vorsprechen bei Armin Petras. Noch ein Vorsprechen, daraufhin die Zusage, dass sie dabei sein könne, wenn er seine Intendanz in Stuttgart beginnt. Jetzt ist sie wieder da, wieder bemerkt sie den Reichtum der Stadt, der Leute. Woran? „An den Mündern“, sagt Caroline Junghanns. „In Chemnitz hatten mehr Menschen einen abgehärmten Zug um den Mund.“ Andererseits, so habe sie es hier früher schon erlebt, sei der Druck in Sachen Statussymbole auch um einiges höher als anderswo. Sich davon zu befreien, das habe sie erst später geschafft.

Und das Theater? Das hat sie damals als Studentin besucht, begeistert war sie von Tschechows „Platonow“ im Schauspielhaus. Jetzt bespielt sie diese Bühne selber und seit kurzem auch die des Kammertheaters. Sie übt sich da in Standfestigkeit. Eine Herausforderung, denn wer spielt schon ein Kleid? Und steht über eine Stunde lang unbeweglich auf einem Podest (und hat doch die stärksten Momente des Abends).

Caroline Junghanns ist in Jo Fabians Inszenierung von Lorcas „Bis fünf Jahre vergehen“ ein Brautkleid, erst einmal kaum kenntlich hinter dem weißen Schleier. Man wartet bei der bilderverliebten Inszenierung ziemlich lange auf ein Wort von ihr, aber dann. Der Schleier fällt, Caroline Junghanns mit Glatzenperücke und roten Apfelwangen reckt und streckt sich und spricht so wunderbar von dem Kleid und den Fäden, die sich an einen weiblichen Körper schmiegen möchten, mit einer Stimme, die bestimmt ist und sehnsuchtsvoll, zärtlich und dominant. Großes Theater, großes Talent. Man wird dieser wunderbaren Stimme noch sehr gerne, sehr oft zuhören in den nächsten Jahren.

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