Danke Stuttgart und Ciao: der scheidende Intendant und Regisseur Armin Petras mit Ensemble, Blumen, Konfetti und Plüsch-Affe im Schauspielhaus Foto: Björn Klein

Lametta, Kapitalismuskritik und Musik: Wie sich Armin Petras und das Ensemble mit „Hello Goodbye“ nach fünf Jahren Intendanz im bis auf den letzten Platz ausverkauften Schauspielhaus Stuttgart vom Publikum verabschieden.

Stuttgart - Der Anfang vom Ende ist eine Rede. Der scheidende Intendant Armin Petras steht am Samstagabend im Schauspielhaus vor seinem Publikum (Politiker, Stadtprominenz erschien nur vereinzelt). Er erklärt, wie es ihm in Stuttgart ergangen ist – „es ging mir gut und schlecht, vor allem ging es mir viel“. Man habe diskutiert, gestritten, Kinder begeistert, Abonnenten vergrault, neue Abonnenten hinzugewonnen, Drehscheiben kennengelernt und sogenannten Fachleuten zu misstrauen gelernt“.

Armin Petras ist das Staunen abhanden gekommen

Petras: „Wir sind geprügelt und hofiert worden“. Er selbst habe zwischenzeitlich „das Staunen verloren im Alltag des riesigen Betriebes“, bekennt er. Er habe zwei Jahre lang ein Stück darüber geschrieben, über einen alternden Künstler, sein krankes Kind. Nun gehe es ihm besser und schön sei auch, dass das Stück in einem „ehemaligen kleinen Fischerdorf“, sprich: Berlin (Deutsches Theater), aufgeführt werde.

Petras liest vom Blatt, was zeigt, dass es ihm ernst ist. Da steht er nun und kann nicht anders: „Ich soll eine Rede halten“, sagt er wie zur Entschuldigung, dies sei ihm vom Ensemble aufgetragen worden. Vermutlich um „etwas Inhaltsschweres von einem älteren Menschen für ältere Menschen“ zu bieten, was ihm erste Lacher im bis auf den letzten Platz verkauften Zuschauerraum des Schauspielhauses beschert. Der Intendant und Regisseur, dem von seinen Kritikern immer wieder sinkende Zuschauerzahlen vorgehalten wurden, gibt sich kapitalismuskritisch und zitiert neben Marx und Artaud Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Die Reduzierung des Menschen auf das Ökonomische ist verboten“. Doch, kritisiert Petras, der Warenfetischismus sei längst im Theater angekommen, Theater werde wie Wegwerfware konsumiert. Und weiter: „Kunst ist kein Produkt. Kunst ist Waffe und Werkzeug, die Welt zu verstehen“. Kunst „bei hundertprozentiger Auslastung ist unmöglich, wobei der heutige Abend dagegen spricht.“

Kniefall vor dem Ensemble

Eine Rede, diestrukturelle Ähnlichkeiten aufweist mit den fünf Jahren Schauspiel Stuttgart: sie ist assoziativ, es fehlt ein bisschen die Ordnung, sie ist aber sehr persönlich, manchmal witzig und manchmal traurig. Am Ende des Abends kniet Petras vor seinem Ensemble mit gespieltem Pathos die eigene Rolle verkleinernd; der Künstlerische Leiter Klaus Dörr verteilt Rosen an die Schauspieler, sie geben die Blumen an die Zuschauer weiter. Bei aller Selbstironie steckt in diesem Kniefall mit dem Rücken zum Publikum etwas Ernstes, Tragisches, nämlich, dass man als Intendant immer nur scheitern kann. Scheitern an den eigenen Ansprüchen, an den Wünschen der Finanzwächter, der Künstler, an den Erwartungen des Publikums. Zu schweigen von Kritikern, die man manchmal des Nächtens mit „Mordfantasien“ bedenkt, die man des Morgens „meistens verwirft“.

Was hilft es? Auf und davon, nach vorne gucken, Party machen, eine „super Sause“ veranstalten, wie der ehemalige Star im Ensemble, Peter Kurth, per Videobotschaft zum Abschied wünscht. Schluss mit dem Theater, worüber man nicht reden kann, darüber soll man singen: also ein Konzert, ein Best-of von Songs. Sie lassen sich als Erinnerungsmotiv mit Stücken verbinden, die man zu sehen bekam. Leider keine Erinnerung an den Witzel-Abend und die Band oder Lieder mit Christian Friedel und seiner Band aus Orwells „1984“. Dafür ein paar Späße von Holger Stockhaus im schnieken Anzug über „die vergnügungssüchtigen Schwaben“. Szenen mit Sandra Gerling, die an „Onkel Wanja“ erinnert, in dem sie wie in dem Tschechow-Abend im Herbst 2013 mit einem Zuschauer Federball spielte. Ein Auftritt auch von Armin Petras, der unruhig über die Bühne tigert, Gedichte aus Orwells „1984“ vorträgt (und später an der Seite stehend sein Ensemble fotografiert wie ein Tourist auf Sehenswürdigkeiten-Tour).

Musik mit Miles Perkin und Max Braun

Vor allem aber viel Musik, geleitet von Miles Perkin und Max Braun, Familientheater-Lieder aus „Der Zauberer von Oz“ und „Pünktchen und Anton“, dazu aus den Musikproduktionen „Johnny Cash Songbook“, „Chelsey Hotel“ und „Das kalte Herz“ – samt Auftritt der Volkstanzgruppe Frommern von der Schwäbischen Alb aus der Hauff-Inszenierung von Petras. Wenn Caroline Junghanns zu Tränen rührend schön und hell und klar „Lisbets Song“ aus „Das kalte Herz“ singt, erinnert man sich auch daran, dass man diese Schauspielerin gern öfter gesehen hätte. Das Publikum geht mit, klatscht, pfeift, wenn die Schauspieler röhren, schmachten, rocken, von „Highway To Hell“ bis zu Rio Reisers – „Es ist vorbei, ei, ei, ei“ – „Junimond“-Lied.

Mit Goldlametta und Konfetti überhäuft, erklatschen sich die längst von ihren Sitzen aufgesprungenen Zuschauer nach zweieinhalb Stunden einige Zugaben mit Hans-Moser-Servus „Wenn der Hergott net will“ und Mitsing-Schmusesong „Uhhh Uhhh Uhhh“. Ein gelungenes Finale, ein bisschen traurig wie fast jeder Abschied. Auf ein Neues mit dem nächsten Intendanten, der auch wieder eine verlängerte Renovierung vor sich hat, das Haus erst im November eröffnen kann und sein Publikum zuvor zu einer Kunstaktion in „Die Grube“ vor dem Schauspielhaus schickt.

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