Der Schauspieler Peter Kurth Foto: Piechowski

Auch weil Peter Kurth so zart und lakonisch den Titelhelden in Tschechows „Onkel Wanja“ spielt, fährt die Produktion zum Berliner Theatertreffen. Der Schauspieler findet das „prima“.

Stuttgart - Resolute Geste. Als wäre er mit Arsen versetzt legt Peter Kurth (56) den Keks beiseite, der zum Kaffee, schwarz, ohne Zucker, serviert worden ist. Alles für die Kunst, denn Peter Kurth trainiert, kurz vor dem Treffen hat er noch mit seinem Boxlehrer telefoniert. Es geht um einen Film, in dem er einen Boxer spielen wird, mehr verrät Peter Kurth noch nicht. Er muss jetzt gesund leben, beim Muskelmassenaufbau verlangt der Körper nach Eiweiß, nicht nach Keksen.

Seinen voluminösen Bauch in beeindruckender Weise an- und abschwellen zu lassen wie im September bei dem Ensemble-Auftritt im Schauspielhaus, kann er bald nicht mehr. Würde er auch sonst nicht. „Zweimal ist eine Oma, oder?“, sagt er, legt den Kopf schief, zieht an einer Zigarette. Er weiß, dass man einen Witz nicht zweimal erzählt. Er weiß auch, dass er lässig dabei aussieht, und wie lang ein Schweigen Spannung erzeugt und nicht einfach nur manieriert wirkt. Eitelkeit? Ist im Spiel, immer. „Klar bin ich eitel“, sagt Peter Kurth. „Ich bin eitel genug, da oben meine Gedanken auszubreiten, mich wichtig genug dafür zu finden. Ich meine das nicht negativ. Es ist ja auch positiv, Leute unterhalten zu wollen.“

In Dürrenmatts „Das Versprechen“ steht er als knurriger Kommissar auch mal länger einfach nur so da, auch sein Galilei in Brechts „Leben des Galilei“ (beides hat Armin Petras inszeniert) blickt er lieber stumm in den Himmel als bei Geldgebenden Herrschern freundlich Männchen zu machen. Und man schaut dem Mann gern beim Schauen und Denken zu. „Ich versuche mich auf das zu konzentrieren, was notwendig ist, alles andere rauszuhalten und nur mit dem Transport eines Gedankens die Leute zu erreichen“, sagt Peter Kurth. „Ich bin körperlich genug.“

Es ist etwas grundsätzlich Widerständiges in seinem Spiel, das macht es aufregend und interessant. Auch im Gespräch. Dass Motorradfahren als Ausgleich zur Arbeit womöglich gefährlich ist? Kein Drama, bitte. Auf Stirnrunzeln und „gefährlich“ antwortet er freundlich, kurz: „Leben ist tödlich.“ Nur nicht lau sein. Der Mann hat nichts gegen Ungemach, ein heftiges Buh ist ihm lieber als ein lasches „nett“. Ein „nett“ gab es auch nicht bei „Onkel Wanja“ von Tschechow im Schauspielhaus. „Für mich war das eine sehr schöne Arbeit“, sagt Kurth, eine „gute Begegnung“, bei der auch die Schauspielertruppe –„viele neue Leute, die ich noch nicht kannte“ – zusammengefunden hätten. Und doch, nach dem dreistündigen Abend gab es Buhs, vor allem für den Regisseur Robert Borgmann. Dass jetzt gerade diese Produktion zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde? „Ich find’s prima.“

Die heftigen Reaktionen ausgelöst hatte womöglich eine zuweilen ausgestellte Lethargie. Wer Langeweile launig präsentiert bekommen wollte, war hier falsch. Aber es gab viele dunkelschöne Bilder, die noch Wochen später im Gedächtnis sind. Peter Kurth wird das Nicht-um-jeden-Preis-Gefallenwollen der Inszenierung gelegen gekommen sein. „Ich habe keine Lust, einfach nur etwas vorzuspielen. Es sollte im Theater nicht ums reine Konsumieren gehen.“ Er will, sagt er, lieber dazu einladen, sich selbst Bilder zu erschaffen: „Dem Zuschauer nichts oktroyieren, dann wird es spannend.“

Die enorme Anspannung in jeder seiner Gesten hat nichts mit Provozierlust zu tun. Und dann, auch das hat Peter Kurth gezeigt, kann er natürlich nicht nur cool dastehen und ins Nichts blicken oder plötzlich feuerköpfig brüllen. In einem langen Monolog spricht er so zart und schlicht über das Elend des Menschendaseins, dass man ziemlich die Luft anhält.

Im Theater sind Peter Kurth einige dieser Momente geglückt. Als Liliom im gleichnamigen Stück von Molnár in Hamburg im Jahr 2000 etwa mit seinem langen blutigen Sterben. Der damals amtierende Bürgermeister empörte sich, man könne das auch „anständig“ spielen. Olle Kamellen. Kurth winkt ab. Er schätzt aber den Regisseur Michael Thalheimer, mit dem er auch einen „Woyzeck“ gemacht hat, wie er nicht ganz im Text stand. Über Thalheimers Arbeitsweise sagt er: „bei einer starken Form ist die Gefahr des Scheiterns größer. So eine Arbeit hat eine andere, besondere Qualität. Man muss grandios sein wollen. Und da bin ich bei jedem Scheitern gern dabei.“ Bizarr, dass es dafür keine Auszeichnung gab, aber den größten Applaus gibt es oft für die größten Schwerenöter, nicht für die Antihelden. Egal. Dies ist Reiz genug: „Die Schweinehunde liebenswert zeigen.“

Als er mit „Liliom“ sehr bekannt wurde, war er 42 Jahre alt. Peter Kurth, 1957 im mecklenburgischen Güstrow geboren, ist kein früh gefeierter Künstler, und er kennt die Provinz, das macht gelassen. Zum Theater kam er erst während des Militärs. „In der Armee-Rundschau sah ich die Anzeige und spielte vor.“ Max Piccolomini aus Schillers „Wallenstein“, eine Komödie von Rudi Strahl, einem viel gespielten Theaterautor der DDR, den dritten will er nicht verraten. Danach hat er in Magdeburg, Stendal, Chemnitz und Leipzig gearbeitet, auch viel Kinder- und Jugendtheater. Sicher nicht immer die großen Herausforderungen.

Elf Jahre nach der Wende und „dem Versuch des Zusammenwachsens“, wie Kurth sagt, kam der Ruf vom renommierten Thalia Theater aus Hamburg. „Der Zeitpunkt war genau richtig“, sagt Kurth. „Ich hab mir gesagt, jetzt versuch’ dich zu konzentrieren, dass du was zu erzählen hast.“ Eine gute Zeit.„Ich hatte das Glück, mit den richtigen Kollegen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“ 2005 wechselte er ans Maxim Gorki Theater Berlin, er hat viele und große Rollen gespielt. Wie jetzt in Stuttgart – wenn er nicht gerade Filme macht, zuletzt den bei der letztjährigen Berlinale gezeigten Western „Gold“ von Thomas Arslan an der Seite von Nina Hoss.

Doch wie schafft man es , über eine so lange Zeit hinweg nicht die Lust zu verlieren? „Mutlos bin ich nie gewesen“, sagt Kurth. „Frisch bleiben, immer wieder alles hinterfragen, neue Gefüge, Veränderungen suchen.“ Neugierig bleiben, auf Regisseure, auf Rollen. „Der Lear spukt schon.“

Nun ist Stuttgart nach acht Jahren Berlin neu, doch Theaterchef und Regisseur Armin Petras, mit dem er schon so viel gearbeitet hat, ist derselbe. „Die Zusammenarbeit mit Armin Petras ist nun einmal nach wie vor so, dass es überhaupt nicht anödet. Aber im Ernst: Es geht in unserer Zusammenarbeit immer noch um Themen, die uns beide interessieren und die wir erzählen wollen an den Orten, die wir finden und in der Zeit, in der wir leben.“ Ein Blick auf die Uhr, Zeit, sich vorzubereiten. Auch an diesem Abend will etwas erzählt werden. Das Publikum lauscht, schaut, staunt.

Peter Kurth spielt derzeit in "Onkel Wanja", "Leben des Galilei" und "Das Versprechen" - Alle Termine des Schauspielhaus Stuttgart finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

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