„1984“ am Schauspiel Stuttgart Armin Petras verabschiedet sich mit Orwell

Von Nicole Golombek 

Die anderen sind schon gleichgeschaltete Clowns des Systems in „1984“, auch Robert Kuchenbuch (vorne re.) als Winston soll Teil der Bewegung werden, wehrt sich aber noch. Foto: Thomas Aurin
Die anderen sind schon gleichgeschaltete Clowns des Systems in „1984“, auch Robert Kuchenbuch (vorne re.) als Winston soll Teil der Bewegung werden, wehrt sich aber noch. Foto: Thomas Aurin

Seine letzte Inszenierung als Intendant am Schauspielhaus Stuttgart ist laut, grell, wütend: Armin Petras verabschiedet sich mit einer Inszenierung seiner Theaterfassung von George Orwells düsterem Zukunftsroman „1984“.“

Stuttgart - Verkehrte Welt: Er steht so hölzern und mit starrer Miene da wie sein Namensvetter Smith aus dem Film „Matrix“, doch anders als dieser Smith ist er eben keine programmierte künstliche Intelligenz, die blind ­Befehle ausführt: Der Winston Smith von Robert Kuchenbuch am Sonntag in Orwells „1984“ im Schauspielhaus Stuttgart wirkt in seiner Steifheit, mit seinen angespannten Muskeln unterm mausgrauen Anzug wie ein austrainierter Fremdkörper im gleichgeschalteten System.

Der Mann ist im Ministerium für Wahrheit beschäftigt, soll die Vergangenheit kontrollieren und sie „selbstständig umwandeln, um die Wahrheit immer neu herzustellen“. Doch auch nach Feierabend erlaubt er es sich, selbst zu denken und zu schreiben – im Wissen, dass er auffliegen wird. Seine ­lebensfrohe junge Geliebte (Lea Ruckpaul) stört das nicht, sie ist nur am Jetzt interessiert. „Du bist alt, aber du hast Muskeln und so einen Blick“, sagt Julia und macht ­Abwehrwinkegesten mit der Hand. Genau, irgendwie kritisch, unfroh ist sein Blick.

Christian Friedel spielt Big Brother

Das sieht natürlich nicht nur Julia, sondern auch Big Brother. Der Allgegenwärtige. Wie eine Katze mit der Maus spielt Big Brother mit Winston und Julia. Und so bewegt er sich auch. Christian Friedel, ganz in Schwarz, leuchtet sich selbst mit einer kleinen Lampe an, so dass er aussieht wie ein ­gespenstischer Cyborg. Er bewegt sich aber fast animalisch, raubtierhaft. Er strahlt ­unerschütterlichen Optimismus aus, wenn er in die Hände klatscht und das marschierende Volk zu aufpeitschender Musik ­antreibt: „Unser neues Leben slim und fast und furious, die Konsumschlacht geht weiter in die nächste Runde, kauft euch glücklich, kauft euch müde.“

Armin Petras hat den 1949 erschienenen Roman von George Orwell dramatisiert und den Schauspieler Christian Friedel und dessen Indiepopband Woods of Birnam um Lieder gebeten. Friedel, den man von Kinofilmen wie Oliver Hirschbiegels „Elser“ und Michael Hanekes „Das weiße Band“ kennt, agiert an dem dreistündigen Abend wie ein dämonischer Zeremonienmeister. Er hält sich im Hintergrund, umtänzelt die Figuren, dirigiert, als hingen sie an Fäden, rockt dann plötzlich dazwischen. Mancher hält sich die Ohren zu, mancher wippt im Takt, kalt lässt das rockkonzertartige Spektakel keinen.

Winston probt den Aufstand

Mit suggestivem Pling-Pling oder ohrenbetäubend und brachial versucht dieser ­musikalische Big Brother, die Akteure und das Publikum zu manipulieren, zu überrumpeln und zum Teil einer Bewegung zu ­machen. Zum alles abnickenden Bürger, der Fake-News akzeptiert. Und der, so wie heute auf Facebook Milliarden von Menschen, mit aller Welt die Gedanken „teilt“. Man ­erpresst sich mit der Vergabe von Sozialpunkten, sorgt sich um die Work-Life­Balance, bespitzelt sich gegenseitig, marschiert im gedanklichen Gleichschritt. ­Petras erinnert mit seiner Inszenierung außerdem an jüngst vergangenen Staatsterror. Cathleen Baumann als linientreue Bürgerin zählt an Silvester nach 1984 so lange weiter, bis sie beim ersten Jahresfeiertag der Deutschen Einheit angelangt ist.

Dennoch probt Winston Smith den Aufstand, trotz pessimistischer Ansagen wie „Jeder Aufbruch ist eine Illusion“. Das wird ihn der Verrat von Wolfgang Michalek als Gedankenpolizist O’Brien lehren, der Wins­ton und Julia vorgaukelt, auch Big Brother zu hassen. Wie ein irrer Kauz krümmt der sich im unteren Teil eines Rollwägelchens, dem Arbeitsplatz von Winston, und macht ihn feixend darauf aufmerksam, er habe verbotene Worte benützt. „Ich“ und „Schmerz“.

Ich-Auslöschung und Schmerz, darum geht es auch, wenn O’Brien in der Folterszene (inklusive herausbrechender Zähne und viel Blut) Winston auf Linie bringen will. Anders als Orwell im Roman lässt Petras im Theater offen, ob die Umerziehung glückt. Winston und Julia treffen sich nach Jahren wieder, beide graugesichtig und in viel zu großen Trenchcoats. Ob es eine gute Nachricht ist, dass sie „überlebt“ haben? Man darf daran zweifeln beim Anblick dieser Versehrten, die einander mühsam stützen und tragen. Ein bitteres „Happy End“.

Hellsichtig finstere Arbeit von Armin Petras

All dies ereignet sich in einer nebulösen, fast nachtschwarzen Welt. Bühnenbildner Olaf Altmann platziert zentral einen runden Trichter, den innersten Zirkel der Macht. Ein weiterer Ring besteht aus bühnenhohen, auf- und zuschiebbaren Platten. Den Himmel ­sehen die Protagonisten allenfalls, wenn sie in der Zone sind, in der diejenigen vegetieren, die der Staat ausgeschlossen hat. Ewiggestrige, die noch Bücher lesen. Hier umturnen Winston und Julia einander eher sportlich als erotisch. Es funkt dafür umso schöner auf Lea Ruckpauls Pailettenoverall, der beim Drüberstreichen golden glitzert (Kostüme: Annette Riedel). Schöne Idee: Selbst in der Zone ohne Überwachungs­monitore lauert Big Brother. Christian Friedel spielt auch den vom System vergessenen Alten, einen Shakespeare-Fan, der Winston ein Zimmer in seiner Bruchbude vermietet, im Rollstuhl kauert und Julia keckernd fragt: „Na, Lust auf ’ne Antiquität?“.

Fast ein bisschen schade, denkt man sich in solchen Szenen, dass man den formidablen Christian Friedel nicht noch mehr spielen sieht. Im Düsseldorfer Schauspielhaus wird man ihn nächste Saison in Shakespeares „Hamlet“ erleben und in „1984“ – diese Koproduktion kehrt mit dem Ende von Armin Petras’ Intendanz nach Düsseldorf zurück. Armin Petras hat sich mit der so hellsichtig wie finsteren Arbeit als inszenierender Intendant in Stuttgart verabschiedet, beim Applaus bedankt er sich für die einzelnen Buhs und für den Applaus; und er wirkt beim ersten Abschiedswinken (das Finale ist am 7. Juli) schier ein bisschen verwundert darüber, wie schnell fünf Jahre vergehen.

Weitere Termine: 7., 15., 19., 25. und 26. ­Juni. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90.

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