Als warte er auf den Zug nach München: Mahnmal für Georg Elser in seinem Heimatort Königsbronn. Foto: dpa

Am 8. November 1939 zündete Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe, die Adolf Hitler hätte töten sollen. Ein Besuch in Königsbronn im Osten der Schwäbischen Alb erklärt, warum man sich mit dem Erbe des Einzeltäters lange Zeit schwertat.

Am 8. November 1939 zündete Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe, die Adolf Hitler hätte töten sollen. Ein Besuch in Königsbronn im Osten der Schwäbischen Alb erklärt, warum man sich mit dem Erbe des Einzeltäters lange Zeit schwertat.

Königsbronn - „Im Mai 1945, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers Dachau durch amerikanische Truppen, wurde Georg Elser umgebracht. Kein Denkmal erinnert an ihn.“ Mit diesen Worten endet Klaus Maria Brandauers Film „Georg Elser – Einer aus Deutschland“. Er entstand 1989, 50 Jahre nachdem Elser, der Schreiner aus dem Dorf Königsbronn im Osten der Schwäbischen Alb, mit seinem Attentat auf Adolf Hitler gescheitert war.

Spätes Erinnern

Einen Elser-Gedenkstein in Heidenheim gab es zu diesem Zeitpunkt zwar schon, auch ein Georg-Elser-Arbeitskreis existierte dort bereits. Dennoch war Elser noch immer der Unbekannte unter den deutschen Widerstandskämpfern im Nationalsozialismus. Erst von den späten 1990er Jahren an sollte sich dies ändern. Ein Denkmal in seiner Heimat Königsbronn wurde ihm schließlich 2010 gesetzt: Friedrich Frankowitsch, ein Künstler der Region, schuf eine Statue aus Metall, die einen hageren Mann im Mantel darstellt – seine Hände sind deutlich hervorgehoben, anders als der Körper aus rostfreiem Metall gestaltet. Zwischen den Beinen eine Arbeitstasche: Elser, der Handwerker, Mann der Tat, wartet auf den Zug, der ihn nach München bringen soll.

Jugendliche warten nun, im Sommer 2014, nahebei auf dem Bahnsteig, auf einen anderen Zug. „Klar wissen wir, wer das ist“, sagen sie. „Das ist der Georg Elser. Der wollte den Hitler in die Luft sprengen!“ – „Gut finden wir das!“ Und beim Bäcker, in einem Supermarkt in Königsbronn, trinkt ein Mann seinen Kaffee. „Georg Elser?“, sagt er, „was mir dazu einfällt? Zivilcourage!“

Das war nicht immer so. Die Menschen, die man heute in Königsbronn bei Heidenheim antrifft, sind Nachgeborene, Zugezogene. Die Jahre, in denen man von Georg Elser im Ort schwieg, haben sie nicht erlebt. Die Gedenkstätte, die in Königsbronn an Georg Elser erinnert, steht nicht nur für den Hitler-Attentäter, der im Ort lebte und arbeitete – sie steht auch für ein tief sitzendes Trauma, ist das Zeichen seiner späten Heilung.

Wahlkampf und Widerstand

Auch Joachim Ziller hat sich dem Georg-Elser-Arbeitskreis in Heidenheim angeschlossen. Ziller kam 1988 nach Königsbronn, trat dort eine Stelle in der Gemeindeverwaltung an, ist seit 1993 Leiter des Hauptamts und der Volkshochschule Königsbronn. 1988 erlebte er die Gemeinde als einen Ort, in dem Geschichte gänzlich unaufgearbeitet war, in dem es nicht möglich war, über die historische Figur Elser zu sprechen. „Erst mit der Bürgermeisterwahl 1990 änderte sich das“, sagt er. Michael Stütz, seither Verwaltungschef der Gemeinde, hatte Elser zu einem Wahlkampfthema gemacht. Er gewann nicht nur die Wahl, sondern regte den Aufbau einer Elser-Gedenkstätte im Ort an. „Das Erstaunliche dabei war“, sagt Joachim Ziller rückblickend, „dass lediglich der Bürgermeister gewechselt hatte. Der Gemeinderat blieb derselbe wie zuvor.“ Königsbronn, so scheint es, hatte auf ein Ende des Traumas gewartet. Dass es weitere fünf Jahre dauern sollte, bis die Elser-Gedenkstätte im Ort entstehen konnte, zeigt, wie tief der Schrecken saß.

1995 schloss sich die Gemeinde mit dem Georg-Elser-Arbeitskreis zusammen, der Plan zu einer Gedenkstätte wurde nun tatsächlich in Angriff genommen. Zuvor hatte es nur vage Vorstellungen zur Bewältigung der übermächtigen Vergangenheit gegeben – es mangelte an Ideen, entschiedenem Engagement und also auch an Geld. Der neue ­Ansatz rief augenblicklich Reaktionen hervor. Der Journalist Arno Luik, der selbst aus Königsbronn stammt, zu jener Zeit Chefredakteur der „taz“ war und später für die Zeitschrift „Stern“ über Stuttgart 21 berichtete, nahm sich des Themas an – auf eine Weise, die in seiner Heimat als höchst kontraproduktiv empfunden wurde: „Luik hat Königsbronn in seinen Artikeln polemisch niedergemacht und uns in die rechte Ecke gestellt“, sagt Joachim Ziller. Gleichzeitig wurde die Verwaltung auch aus ebendieser Ecke angegriffen. Die Drohungen von rechts, die sich gegen das geplante „Terroristen-Denkmal“ häuften, gipfelten in einem Anruf bei der Gattin des Königsbronner Bürgermeisters: „Wenn er sich weiter aus dem Fenster lehnt“, hieß es da, „dann fackeln wir euer Haus ab.“

Königsbronner Trauma

Die Gemeinde Königsbronn ließ sich von ihrem Vorhaben jedoch nicht abbringen. Einen entscheidenden Impuls verdankt sie dem damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Siegfried Vergin; er stellte den Kontakt her zwischen dem Arbeitskreis und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Von den Historikern und Politologen Peter Steinbach und Johannes Tuchel wurde dort eine Elser-Ausstellung entwickelt, die schließlich nach Königsbronn wanderte und die bis heute als Dauerausstellung zu sehen ist – gleich gegenüber dem Rathaus, in dem die Gestapo Elsers Verwandte und viele andere Gemeindemitglieder vernahm.

Vernehmungen, Verhöre von größter ­Brutalität fanden dort statt. Hier liegt die Wurzel des Königsbronner Traumas. 1750 Einwohner, sagt Ziller, besaß die Gemeinde zu jener Zeit. „Jeder Erwachsene im Ort hatte Elser gekannt.“ Und jeder wurde vorgeladen: die Arbeitskollegen Elsers, seine Freunde im Gesangverein Concordia, seine Nachbarn, denen er in den örtlichen Gasthäusern begegnete. Menschen wurden eingeschüchtert, Ehepaare getrennt, Kinder gegen ihre Eltern ausgespielt. Ziller, der mit vielen der mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen sprach, berichtet von einem Mann, dem seine zuvor beglaubigte Wehruntauglichkeit abgesprochen wurde und der nach Polen verschickt wurde: „Frontbewährung“. All dies, weil er keine Aussage zu Elser machen wollte, konnte. Denn Elser war, das gilt heute als gesichert, der Einzeltäter, an den die Gestapo niemals glauben wollte. Noch lange nach Kriegsende galt er dagegen als Kommunist oder als britischer Agent. Der evangelische Theologe Martin Niemüller, der Elser aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen kannte, schürte sogar das Gerücht, Elser sei selbst Nationalsozialist gewesen.

Eine Bombe gegen den Krieg

Das Georg-Elser-Museum in Königsbronn entwirft ein irritierendes Bild Elsers: Sein Lebenslauf ist hier klar ausgebreitet – ein Mann aus einfachen Verhältnissen wird sichtbar, ein stiller, sorgfältiger Handwerker, Kunstschreiner. Ein Rätsel bleibt dieser Mensch, der sich schon früh auch im Alltag gegen die autoritäre Gewalt des NS-Regimes auflehnte, dennoch. Sieben Wanderjahre verbrachte der Tischler Georg Elser am Bodensee; Bilder aus jener Zeit zeigen ihn gänzlich verändert, befreit. Zurück in Königsbronn nahm er 1938 die Arbeit für die Heidenheimer Armaturenfabrik Waldenmaier auf. Als Mitarbeiter der Versandabteilung entdeckte er noch vor Deutschlands Überfall auf Polen, dass bei Waldenmaier eine Sonderabteilung existierte, die für den Krieg produzierte. Und Elser begann, sein Attentat vorzubereiten. Noch in Königsbronn arbeitete er im Verschwiegenen am Auslösemechanismus für seine Bombe. In München dann ließ er sich über drei Monate hin immer wieder in den Bürgerbräukeller einschließen, um eine Säule auszuhöhlen und den Sprengsatz in ihr zu deponieren: ein Besessener längst, ein Handwerker aber noch immer – Elsers fachliche Kompetenz, seine Umsicht und sein ruhiges, sachliches Wesen sollten später selbst seine Feinde ­beeindrucken.

Elser, der Unbequeme

Manfred Maier, der Leiter des Elser-Arbeitskreises, glaubt, dass es in den Unterlagen der Heidenheimer Firma Waldenmaier, die längst Namen und Inhaber gewechselt hat, Belege dafür gibt, dass die Rüstungsproduktion im Ort schon wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme begann. Maier war es auch, der sich für die Errichtung des Elser-Denkmals am Königsbronner Bahnhof einsetzte. Als 2003, anlässlich Elsers 100. Geburtstag, eine Sondermarke der Deutschen Post erschien, drängte er darauf, dass auf ihr eine frühe Fotografie Elsers abgebildet wurde, anstelle des Bildes, das ihn als zerstörten und gefolterten Menschen zeigt.

Elsers Geburtshaus in Hermaringen wurde abgerissen. Manch eines der Wirtshäuser, in denen er verkehrte, steht noch. Der Steinbruch in Itzelberg bei Königsbronn, aus dem er den Sprengstoff für sein Attentat entwendete, ist längst geschlossen. Im Gedächtnis der Deutschen ist Elser aber endlich angekommen – als der Einzige, der zeitig und konsequent genug handelte und das Schlimmste hätte verhindern können. Als unbequemer Beweis dafür auch, dass ein einfacher Mann, in einem entlegenen Dorf auf der Schwäbischen Alb, schon 1938 das Unheil des Nationalsozialismus erkennen konnte. Georg Elsers einziger Fehler war vielleicht, dass er, als der vorzügliche Handwerker, der schwäbische Tüftler, der er war, nicht an die Möglichkeit seines Scheiterns glaubte: Er setzte alles auf eine Karte – und verlor. „Georg“, schreibt der Reutlinger Hellmut G. Haasis in seiner Elser-Biografie, „war ein vorzüglicher Handwerker und perfekter Schweiger. Aber die Innenseite des Terrorapparats konnte er sich nicht vorstellen, da fehlte ihm die politische Erfahrung.“

Info

1903 in Hermaringen geboren, kam Georg Elser als Einjähriger nach Königsbronn. Nach einer Schreinerlehre zog es ihn 1925 an den Bodensee. Während seiner siebenjährigen Wanderzeit erwarb er in der Konstanzer Uhrenfabrik Kenntnisse, um später den Zeitzünder seiner Bombe zu konstruieren.

1932 kehrte Elser nach Königsbronn zurück und wurde früh zum Gegner der Nationalsozialisten. Deren Kriegsvorbereitungen waren ein Motiv für sein Attentat auf Hitler, für das er 1939 nach München zog. Nachts ließ er sich in den Bürgerbräukeller einschließen, um seine Bombe zu installieren.

Weil Hitler den Bürgerbräukeller am 8. November 1939 zu früh verließ, scheiterten Elsers Pläne. Der Attentäter wurde auf der Flucht verhaftet, in Königsbronn suchte die Gestapo nach Mitwissern und Helfern.

1989 brachte Klaus-Maria Brandauer den Spielfilm „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ in die Kinos und übernahm selbst die Hauptrolle. Derzeit dreht Regisseur Oliver Hirschbiegel am Bodensee und anderen Schauplätzen im Land „Elser“; der Film soll im April 2015 in die Kinos kommen.

Zum 65. Todestages Elsers, der am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordet wurde, weihte Königsbronn 2010 eine Statue des Künstlers Friedrich Frankowitsch ein. Seit Anfang der 1990er Jahre erinnert dort auch die Elser-Gedenkstätte mit Dokumenten und Verhörprotokollen an den Widerständischen. Sie ist an Sonn- und Feiertagen von 11-17 Uhr geöffnet.

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