Der Schauspieler Wolfgang Michalek im Foyer des Stuttgarter Schauspielhauses Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der 1967 in Wien geborene Wolfgang Michalek überzeugt im Schauspiel Stuttgart mit extrem körperlichem, angriffslustig funkelndem Spiel – nach längerer Krankheit mehr denn je.

Stuttgart - Man bekommt dann doch schnell eine Ahnung von der Sprödigkeit und Small-Talk-Muffligkeit des Wolfgang Michalek. „Aha. Und welche?“, fragt der Schauspieler, als man über Lars von Trier und die Filme spricht, die man von ihm kennt. Hätte man jetzt nicht ein paar Titel parat, wäre man aufgeflogen. Also „Breaking The Waves“ zum Beispiel.

Der Film kommt als Theaterstück im Schauspielhaus Stuttgart auf die Bühne. Über die Proben mag der 1967 in Wien geborene Schauspieler noch nicht viel sagen. Nur so viel, dass er Lars von Trier besonders schätzt, „weil er absolut ernsthaft die These durchdekliniert, dass es Wunder gibt, und weil er eine besondere, sofort erkennbare künstlerische Handschrift hat“. „Ich vermisse das oft bei anderen“, sagt Michalek. Auch im Theater? So pauschal könne man das nicht sagen.

Ob Regisseur David Bösch mit von Trier mithalten kann? Von den Proben mit Bösch an diesem Tag wirkt der Schauspieler jedenfalls nicht besonders gestresst. Es ist ein sonniger Mittag, Michalek legt seinen Motorradhelm zur Seite, um für den Fotografen zu posieren. Auf die Frage, ob es an einem so schönen Tag besonders schwierig sei, stundenlang zu proben, antwortet er knapp: Ja. Schiebt ein Lächeln nach, blinzelt in die Sonne.

Ein von Krankheit dominiertes Lebensjahr

Blass wirkt der Schauspieler, auch hinkt er noch ein bisschen; die Folgen seines heftigen Sturzes kurz vor der Premiere von Raabes „Pfisters Mühle“. Das war im vergangenen Herbst und der Höhepunkt seines von Krankheit dominierten Jahres.

Wolfgang Michalek war für Pfister gar nicht besetzt. Er hätte in Brechts „Dreigroschenoper“ wieder seinen Part übernehmen sollen – den hatte er wegen eines Bandscheibenvorfalls niedergelegt. Dann fiel ein Darsteller in „Pfisters Mühle“ aus. Michalek übernahm, sagte die „Dreigroschenoper“ ab.

In einer der letzten Proben fiel er in eine im Bühnenbild integrierte Bodenversenkung, in der sein Kollege Peter Kurth auf seinen Auftritt wartete. Wäre Kurth nicht sozusagen im Weg gestanden, hätte das schlimmere Folgen haben können als wochenlange Bettruhe und mühsames Laufenlernen. Skeptischer Blick – „na ja, vielleicht“.

An einiges nach dem Sturz erinnert er sich nicht mehr, nur daran, dass man ihm etwas gab, das ihn „extrem entspannt“ hatte. „Ich bin erst auf dem OP-Tisch wach geworden.“ Wie ein Schauspieler wie ­er monatelanges Stillhalten nach der Sprunggelenks-Operation verkraftet hat, ist schwer vorzustellen. Wolfgang Michalek ist ein extrem körperlich spielender Künstler.

Sein Charisma speist sich aus ungeheurer Energie

Der Mann hat Charisma, das sich aus seiner ungeheuren Energie speist. Ein Schauspieler, der perfide feixt, sich dreht und windet und diabolische Veitstänze vollführt wie als Holländermichel in Hauffs „Das kalte Herz“. Der tänzelt, sich gedanklich wie körperlich verbiegt, wenn er als Bürgermeister in Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ die alten Dame bezirzen will.

„Man muss es annehmen“, sagt Michalek über den ersten Krankenhausaufenthalt seines Lebens, und dass er in der Zeit viele Bücher gelesen habe. Tolstois „Krieg und Frieden“, einen Roman von Roberto Bollaño, Glavinics „Das größere Wunder“.

Sicher ist aber: „2014 war ein verhextes Jahr.“ In 25 Jahren Schauspielzeit hatte er exakt eine Vorstellung verpasst – und dann das. War die Häufung der Unfälle eine Warnung des Körpers, sich nicht zu viel zuzumuten? Wolfgang Michalek zuckt die Schultern, er will nicht spekulieren.

Michalek beeindruckt in seinem Spiel

Von der ersten Saison seit Armin Petras’ Intendanz am Schauspiel Stuttgart an stand Michalek auf der großen Bühne im Zentrum vieler Produktionen. Gleich in der ersten, in Goethes „Urgötz“, beeindruckte er in der Titelrolle, wie er mit ungeheurer Intensität gegen die Mächtigen wütete.

Angriffslustiges Funkeln in den Augen zeigt er auch in Thomas Manns „Der Zauberberg“. Es ist die besten Szene des Abends. Er als Humanist Settembrini und Paul Schröder als zynischer Jesuit Naphta liefern sich ein virtuoses, tödlich endendes philosophisches Wortduell. Wie durchdringt man die gedanklich komplexen, extrem langen Sätze? Michalek: „Die Herausforderung ist es, die Sprache zu knacken und in der Sprache eine Klarheit zu finden. Das macht auch Spaß, diese Musikalität, den Rhythmus zu spüren.“

Michalek braucht starke Mitspieler und Raum für sein Spiel, er ist oft in Inszenierungen von Armin Petras zu sehen. Doch er schätzt auch den Regienachwuchs, hat in Stuttgart mit „Urgötz“-Regisseur Simon Solberg (Jahrgang 1979) gearbeitet und jetzt mit David Bösch (Jahrgang 1978). Michalek: „Immer in Bewegung bleiben und auch Positionen gelten lassen von Leuten, die eine andere Fantasie haben.“ Man muss ja nicht alles gut finden. „Harmonie ist kein guter Schlüssel für die Arbeit.“

Auch das war ein Grund, sagt Michalek, vor 15 Jahren Wien zu verlassen und nach Dresden, Hannover, Stuttgart zu gehen. „Das hat mit der Mentalität und mit der Theaterlandschaft zu tun. Es wird hier sachlicher gearbeitet. In Österreich sagt man oft das eine und redet hintenrum anders. Da gibt es viel Brimborium, aber weniger Ernsthaftigkeit als in deutschen Theatern. Das passt besser zu mir, zu meinem Charakter. Ich bin spröde, streitbar. Es bedarf auch der Krisen, die sehe ich als Teil meines Jobs.“

Wie fruchtbar die sein können? Man wird sehen; an diesem Samstag feiert „Breaking the Waves“ Premiere. Und wie auch immer die Inszenierung ausfällt, Wolfgang Michalek zu erleben ist ein Ereignis.

„Breaking the Waves“ hat am 9. Mai um 19.30 Uhr Premiere im Schauspielhaus Stuttgart. Weitere Termine: 19., 31. 5., 5., 10., 21. 6., 1., 14. 7., außerdem ist Wolfgang Michalek zu sehen in: Manns „Der Zauberberg“ (22. 5., 12. 6., 13. 7.), Hauffs „Das kalte Herz“ (7. 6.), Brechts „Leben des Galilei“ (7. 7.) und Raabes „Pfisters Mühle“ (18. 7.). Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90.

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