Wartet auf den großen Auftritt als Big Brother: Christian Friedel (29) im Schauspielhaus Stuttgart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Christian Friedel war in dem Film „Das weiße Band“ ein netter Lehrer und der Hitler-Attentäter in „Elser“. Theaterintendant Armin Petras wählt ihn allerdings als Superbösewicht aus: Der Schauspieler verkörpert Big Brother in Orwells „1984“. Christian Friedel sagt, warum das eine gute Idee ist und warum er inder Produktion auch singen wird.

Stuttgart - „Du siehst aus wie jemand, den man sehr gerne hat.“ Das ist ein freundliches Kompliment, das der österreichische Filmregisseur Michael Haneke dem Christian Friedel (29) ausgesprochen hat, als er ihn für den Film „Das weiße Band“ engagierte. Manch ein junger Mann hätte sich womöglich gewünscht, wild und gefährlich zu wirken. Christian Friedel erweckt nicht den Eindruck, als würde er sich an der Zuschreibung stören. Er lächelt, wirkt nur ein bisschen müde, er hat eine achtstündige Fahrt im Tourbus mit den Kollegen seiner Band Woods of Birnam von Dresden nach Stuttgart hinter sich, am Abend zuvor seine 100. „Hamlet“-Vorstellung in Dresden gespielt und jetzt in Stuttgart schon ersten Bühnenproben hinter sich gebracht.

Mit der Band „Woods of Birnam“ auf der Bühne

Er wird am Sonntag im Schauspielhaus bei der Premiere von George Orwells dramatisiertem Roman „1984“ mit seiner Band Woods of Birnam auf der Bühne stehen. Und Big Brother spielen: fast alles sehendes und wissendes Oberhaupt des inneren Machtzirkels im fiktiven Staat Ozeanien. Man spekuliert, Orwell habe beim Schreiben an den Diktator Stalin gedacht. Heute käme einem eher Facebook-Chef Mark Zuckerberg in den Sinn, dem weltweit Milliarden von Menschen ihre Gedanken mitteilen. So oder so, anders als der Lehrer, den Friedel in „Das weiße Band“ spielte, ist Big Brother keiner, den man mögen kann. Aber mit einer sanften Stimme, einem Mund, der sich zum Schmollen gut eignet, einem zugewandt und offen wirkenden Blick erst einmal harmlos zu wirken, macht es vielleicht auch einfacher, den Zuschauer zu überraschen.

Die Produktion ist eine Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus, wo Wilfried Schulz Intendant ist; ihn kennt Christian Friedel noch von ihrer gemeinsamen Zeit in Dresden. Friedel ist nicht im festen Engagement, die Produktion mit Armin Petras seine einzige Arbeit in dieser Saison. „Ich mache zu viele andere Sachen, Film und Musik. Und ich wollte nach zehn Jahren Ensemblearbeit Abstand. Ich habe manchmal, ganz allgemein gesprochen, den Eindruck, dass zu viel Unterhaltungsmasse produziert wird, wo Theater doch ein Ort sein sollte, an dem Kunst entsteht.“

Lob für Armin Petras’ Energie

Warum er sich für Petras entschieden hat? „Weil er bebt vor Energie, weil er alles sieht, weil er alles hinterfragt. Er beschreibt dich in einem Satz. Und du denkst, ich will das jetzt nicht hören, aber er hat Recht. Und Armin hat mich mit seiner im Heute spielenden Theaterfassung des Romans überzeugt. Während es früher um Überwachung durch den Staat geht, geben wir heute Informationen freiwillig preis“, sagt Christian Friedel. „Auch wenn wir mit der Band unterwegs sind, sprechen wir viel über die Inhalte des Stücks, über soziale Netzwerke. Das Internet ist wie eine Scheinwelt, die für viele zur realen Welt geworden ist. Natürlich wäre es sinnvoll, öfter mal das Handy wegzulegen, echte Menschen zu treffen statt virtueller Freunde und ein Konzert selbst anzuschauen statt es mit dem Smartphone abzufilmen und dann nur auf dem Bildschirm nachzuerleben.“

Und er selbst? Lächelt. „Das ist immer so eine Sache, sich an das zu halten, was man als Schauspieler fordert oder kritisiert.“ Facebook nütze er schon, sagt er, „vor allem als Plattform für die Band, zum Beispiel um das Album „Grace“ anzukündigen, das im Herbst erscheint.“ Christian Friedel, der am Theater spielt, seit er neun Jahre alt ist, ist inzwischen mindestens so sehr Musiker wie er Schauspieler ist, mit dem Regieführen („Antigone“ in Göttingen“, demnächst ein musikalischer Abend über Franz Schuberts Liedsammlung „Schwanengesang“) hat er auch angefangen.

Hitler-Attentäter in dem Film „Elser“

„Wenn mich jemand fragt, sage ich, ich bin Unterhalter. Das war ich schon in der Schule, als ich in der Pause anderen etwas vorgesungen habe oder Puppentheater gespielt habe. Mir ging es weniger darum, im Mittelpunkt zu stehen. Das Schönste ist, wenn man Reaktionen erzeugt.“ Der Mutter sei das nicht verborgen geblieben, erzählt er. Sie meldete den Sohn im Theater in Magdeburg an, als Statist zuerst, dann im Jugendtheaterclub. „Ich stand wirklich überall herum, im Theater, in der Oper, im Musical“, sagt Friedel. Wie bestellt tauchen just in dem Moment volkstümlich kostümierte Darsteller in der Theaterkantine auf und ein Mann mit furchteinflößender Gesichtsbemalung. „Hm, wahrscheinlich Oper“, mutmaßt Christian Friedel. Genau. Nebenan im Opernhaus wird Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ aufgeführt, in den Kostümen von Achim Freyer, der auch die Bühne und die Regie in der Opernproduktion übernommen hatte. Gelernt, sagt Friedel, habe er als Statist vor allem, wie die Abläufe in einer Produktion laufen, schauspielerisch hilfreich seien eher die Spielclubs gewesen. „Wenn man als Statist eigentlich nur ein Glas Wasser zu tragen hat“, sagt er, „was man sich da alles überlegt und spielt – wenn ich das heute bei Statisten sehe, bekomme ich Pickel! Natürlich, weil ich mich an mich selbst erinnert fühle.“ Lange her.

Christian Friedel, der an der Otto-Falckenberg-Schule in München studiert hat, unterhält nicht nur gut. Er hat ein feines Gespür für Stoffe und Künstler. Und für Politisches: Er war Hitler in „Arturo Ui“, Hitler-Attentäter in Oliver Hirschbiegels Film „Elser“, um Macht- und Unterdrückung ging es auch in Hanekes „Das weiße Band“. In Dresden hat er an einem Festival gegen Rechtspopulisten teilgenommen. Friedel: „Als Schauspieler sollte man sich nicht zu wichtig nehmen, aber bei den Dreharbeiten zu Elser habe ich gelernt, Politik fängt in der Familie an. Und wenn man in der Öffentlichkeit steht, sollte man ein Bewusstsein dafür entwickeln, was man sagt und tut.“

Auszeichnungen für die TV-Serie „Berlin Babylon“

Viel auch künstlerisch Geglücktes findet sich in seiner Vita. So gab es 2009 bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme für „Das weiße Band“ und in den USA den „Golden Globe“für den besten fremdsprachigen Film, kürzlich jede Menge Auszeichnungen für Tom Tykwers Fernsehserie „Berlin Babylon“. Theaterproduktionen wie Schillers „Don Carlos“ mit Christian Friedel in der Titelrolle (Regie: Roger Vontobel) haben den Theaterpreis „Faust“ erhalten. Demnächst wird er in der Filmkomödie „Glück ist was für Weicheier“ zu sehen sein neben Martin Wuttke und Sophie Rois. Und dass Shakespeares „Hamlet“ mit Christian Friedel in der Titelrolle – anders als viele Repertoirestücke im Theater, die nach der 20. Vorstellung abgesetzt werden – immer noch auf dem Spielplan zu finden ist, spricht für den Schauspieler. Als Regisseur Roger Vontobel erfuhr, Friedel hat auch eine Band, war es entschieden: Hamlet ist Musiker. Die berühmte Mausefalletheaterszene wird zum wütenden Indiepopkonzert. Christian Friedel: „Das ist eine schöne Brücke auch für junge Leute, sich nicht nur mit der komplizierten Sprache konfrontiert zu sehen.“

In „1984“ wird der Schauspieler wieder mit seiner Band auftreten. „Einzelne Lieder haben wir vorher schon geschrieben und Armin Petras geschickt und während der Proben angepasst, um die düstere Atmosphäre zu treffen.“ Dass Puristen gern bemängeln, Musik sei manipulativ und überspiele fehlende Regieideen. Dagegen will der Schauspieler nichts sagen. „Das stimmt oft. Unser Abend hat aber viel mit Verführung zu tun. Big Brother umschmeichelt und manipuliert das Publikum, man merkt erst mit der Zeit, welch ein Regime da herrscht, in dem es Unterdrückung und alternative Fakten gibt.“ Man wird sehen, wie Christian Friedel und das Ensemble das Publikum verführen werden. Die Premiere an diesem Sonntag beginnt um 19.30 Uhr. Es gibt noch Restkarten.

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