„Robert konnten wir nicht retten. Dich schon.“ Teresa Enke während der Pressekonferenz, auf der sie die „EnkeApp“ für Depressionskranke vorstellte. Foto: AFP

„Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt“ – ein Zustand, den viele Menschen irgendwann einmal durchleben. Millionen Deutsche leiden an einer depressiven Erkrankung. Robert Enke war einer von ihnen. Am 10. November 2009 nahm er sich das Leben.

Stuttgart - Als der Regional-Express 4427 von Bremen nach Hannover um 18.17 Uhr mit 160 Stundenkilometern am Bahnübergang im niedersächsischen Neustadt am Rübenberge-Eilvese vorbeirast, steht Robert Enke am Bahngleis. Mit einem Ruck wirft sich der Torhüter des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 vor die E-Lok. Der Zug schleift ihn mehrere Hundert Meter mit, bevor er durch eine Notbremsung zum Stehen kommt. Der 32-Jährige ist sofort tot. Seit 2003 befand er sich mehrfach wegen einer Depression in psychiatrischer Behandlung.

„EnkeApp“

Sieben Jahre danach stellt seine Witwe Teresa Enke zusammen mit DfB-Präsident Reinhard Grindel in Hannover die „EnkeApp“ vor. Die App kann kostenlos im Playstore (Android) und Appstore (iOS) heruntergeladen werden. Sie soll, so die Witwe, eine weitere Möglichkeit für Betroffene sein, oft lebensrettende Hilfe zu bekommen. Gemeinsam mit Teresa Enke gründete der DFB 2010 die Robert-Enke-Stiftung. Deren vorrangiges Ziel sei es, erklärt die 35-jährige Vorsitzende, „die Krankheit aus der Tabuzone zu holen. Über das Smartphone erhoffen wir uns, noch mehr Menschen zu erreichen. Wir wollen die Nutzer aus der Isolation holen.“

Über die App können Betroffene einen Notruf an einen zuvor ausgewählten Personenkreis und einen SOS-Notruf an Hilfskräfte absetzen. Die Enke-Stiftung erhofft sich dadurch, mögliche Suizid-Versuche zu verhindern. Rund 6,7 Millionen Menschen in Deutschland leiden der Stiftung zufolge an einer Deppression. Was das für die Betroffenen und Angehörigen bedeutet, hat Teresa Enke schmerzhaft erfahren müssen. „Leider habe ich damals nicht gewusst, wo Robert war. Mit dieser App hätte ich es gewusst und hätte ihm vielleicht helfen können.“

10 000 Suizide in Deutschland pro Jahr

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland nach Angaben des Nationalen Suizid Präventions-Programms rund 10 000 Menschen das Leben. Oft ist eine depressive Verstimmung die Ursache. Selbstmord als Ende der „Krankheit zum Tode“. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO (World Health Organisation) sind mehr als 600 Millionen Menschen an einer Depression, Manie oder an starken Angstzuständen erkrankt.

Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen. Überall – auch in Stuttgart. Nach aktuellen Erhebungen der AOK Stuttgart-Böblingen waren 2015 insgesamt 23 095 Versicherte deswegen in ärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung. Vier Prozent mehr als 2014.

Diagnose Depression

Depressive Störungen äußern sich in Zuständen seelischer Niedergeschlagenheit. Die Diagnose erfolgt nach Symptomen und Verlauf. Die Psychiatrie trennt zwischen depressiven Episoden und immer wiederkehrenden – sogenannten rezidivierenden – Störungen, deren Schwere variieren kann. Laut der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) unternimmt etwa jeder vierte Betroffene in seinem Leben einen Suizidversuch. Rund 15 Prozent der Erkrankten würden daran sterben.Laut der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) unternimmt etwa jeder vierte Betroffene in seinem Leben einen Suizidversuch. Rund 15 Prozent der Erkrankten würden daran sterben.

Manisch-depressive Erkrankung

Extreme Stimmungsschwankungen sind typisch für die manisch-depressive Erkrankung, die auch als bipolare Störung bezeichnet wird. Zwischen den Polen Manie und Depression besteht ein breites Spektrum unterschiedlicher Symptome. Mal sind die Betroffenen niedergeschlagen und haben das Gefühl, wertlos zu sein, mal neigen sie zur Rastlosigkeit und zu Selbstüberschätzung.

Depression und Manie erweisen sich als zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Wie man in der manischen Phase im Zeitraffertempo durch den Tag getrieben wird, so tritt man in der depressiven Phase im Zeitlupentempo auf der Stelle und versinkt in Schwermut. Unbehandelt können Depressionen Tage und Wochen andauern, mitunter auch mehrere Monate oder Jahre. Meist klingen die Symptome nicht plötzlich, sondern wellenförmig ab. Der Suizid ist das eigentliche Risiko der Depression und zugleich ihre radikalste „Lösung“.

Symptome, Verlauf, Beschwerden

Wer wie Robert Enke schwermütig wird, verliert nicht nur jegliche Lebenskraft. Seine depressive Grundstimmung wird auch stets von weiteren Symptomen begleitet, die allesamt nur schwer zu ertragen sind. Da ist zum Beispiel die Neigung zu grübeln und ständig um die gleichen „klebrigen“ depressiven Gedanken zu kreisen. Zu Angst und Schuldgefühlen treten Energielosigkeit und die Unfähigkeit, neue Ziele ins Auge zu fassen. Wie unter Zwang denken viele Depressive immer wieder an Suizid.

Hinzu kommen körperliche Beschwerden: Schlafstörungen oder ein permanenter Druck in der Brust. Die Bewegungen werden langsam und kraftlos, die Stimme wird leise und monoton. Doch es gibt auch eine fast ebenso häufige depressive Agitiertheit. Dann treiben innere Unruhe und ein zielloser Beschäftigungsdrang den Kranken umher, sich selbst und den anderen zur Qual. Nicht immer stellt sich die Depression allerdings mit diesen „klassischen“ Merkmalen dar. Viele Patienten verwenden ihren letzten Rest an Energie darauf, den depressiven Zustand vor ihrer Umgebung zu verbergen und ein normales Leben vorzutäuschen.

Ursachen einer Depression

Gestörter Stoffwechsel der Nervenzellen

Biochemisch betrachtet resultiert die Depression aus einem Wirrwarr jener Botenstoffe – sogenannte Neurotransmitter –, die im Gehirn für die Übertragung zwischen den Nervenzellen sorgen. Solange ihre Speicher gefüllt sind, läuft der Motor des Gefühlslebens normal. Bei einer Störung des empfindlichen Nervenstoffwechsels aber kann wie aus heiterem Himmel eine Depression auftreten. Warum gerade bei Depressiven Produktion und Verteilung der Botenstoffe nicht klappt, ist bis nicht genau geklärt. Neben erblicher Veranlagung sind es vor allem schwere Schicksalsschläge wie der Tod eines geliebten Menschen, die zu einer Depression führen können.

Menschen mit einer manisch-depressiven Erkrankung stehen unter großem und permanentem Leidensdruck. Häufig geht der Arbeitsplatz verloren oder es zerbricht die Partnerschaft. Unbehandelt kann die Krankheit Wochen, Monate oder noch länger andauern. In der Regel klingen die Symptome nicht plötzlich ab, sondern verlaufen wellenförmig.

Behandlung einer Depression

Zur Behandlung wird ein breites Spektrum an Psychotherapien und Medikamenten (sogenannte Antidepressiva) eingesetzt. Nachdem Ursachen und Verlauf der Erkrankung geklärt sind, werden vom Facharzt Antidepressiva verschrieben und/oder eine verhaltenstherapeutische oder tiefenpsychologische Gesprächstherapie verordnet. Depressionen lassen sich nicht durch pure Willenskraft überwinden, sind aber gut behandelbar. Auch hier ist eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung am effektivsten.

Es gebe viele Arzneien, die „wirksam sind, aber nicht allen helfen“, erklärt der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. So spreche beispielsweise nur ein Teil der Patienten auf die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) an. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Antidepressiva, die bei diesem Krankheitsbild zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten gehören.

„Zurzeit läuft vieles nach dem Try-and-Error (Versuch und Irrtum)-Prinzip“, erläutert der Molekularbiologe Sven Cichon, Leiter der Medizinischen Genetik des Universitätsspitals Basel. Der Patient nehme solange Medikamente, bis irgendwann eines hilft. Der Nachteil sei, dass die Medikamente sehr unspezifisch wirkten und daher oft starke Nebenwirkungen hätten.

Heilung ist möglich

Inzwischen sind die Therapien und Medikamente im Kampf gegen die Depression so wirksam, daß ungeachtet aller Rätsel eine ermutigende Bilanz gezogen werden kann. Bei richtiger Behandlung stehen die Chancen gut, das tiefe Tal der Seele wieder zu verlassen. „Mit steigendem Schweregrad der Depression nimmt die Erkennensrate zu. Bis zu 80 Prozent der schweren Depressionen werden korrekt identifiziert“, heißt es bei der Psychotherapeutenkammer NRW.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: