Manisch-Depressiv: Forscher entdecken genetischen Risikofaktor für Bipolare Störungen.

Stuttgart - "Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt" - ein Zustand, unter dem viele Menschen leiden. Zwei Millionen Deutsche sind manisch-depressiv. Ihnen könnte geholfen werden: Forscher entschlüsseln den Gencode der Erkrankung, um wirksamere Arzneien zu entwickeln.

Es ist die vielbeschworene Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Nur dass der Heuhaufen in diesem Fall das menschliche Genom ist. Das Erbgut des Menschen umfasst rund 24000 Gene und drei Milliarden Basenpaare oder Erbgutsteine. Darin enthalten sind eine große Zahl von Erbgutmerkmalen, die sich individuell unterscheiden.

Unter diesen Genvarianten versuchen Forscher jene herauszufinden, die für die seelische Stabilität zentral sind. Einem internationalen Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlern aus Bonn, Mannheim und Jülich ist jetzt eine wichtige Entdeckung gelungen - vielleicht sogar ein Durchbruch. Sie haben eine Variante des Gens Neurocan (NCAN) ausfindig gemacht, die das Risiko erhöht, dass jemand an einer manisch-depressiven Störung erkrankt.

Suche nach der Ursache für bipolare Störung

Diese Erkenntnis sei ein "wichtiger Puzzlestein", um die Entstehung und die genetischen Ursachen dieser komplexen Krankheit zu verstehen, erklärt der Molekularbiologe Sven Cichon vom Institut für Humangenetik der Universität Bonn und vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich.

Auf der Suche nach den Ursachen der manisch-depressiven Erkrankung tappen die Wissenschaftler weitgehend im Dunkeln. "Umso höher ist die Identifizierung des Risikofaktors im Neurocan-Gen bei der Bipolaren Störung zu werten", sagt Markus M. Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik der Uni Bonn. Zusammen mit Cichon und der Psychiaterin und Genetischen Epidemiologin Marcella Rietschel vom Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim war er verantwortlich für die Studie.

Die Forscher haben Hunderttausende häufig vorkommende Genvarianten zwischen 8500 Patienten mit Bipolarer Störung und 35.000 gesunden Personen verglichen. Dabei fanden sie heraus, dass eine Variante des Neurocan-Gens bei Manisch-Depressiven "signifikant" häufiger auftritt als bei Gesunden. "Die identifizierte Risikovariante erhöht das Risiko der Träger zu erkranken", betont Rietschel. "Sie bestimmt aber nicht alleine, ob man erkrankt." Denn der Beitrag eines einzelnen genetischen Risikofaktors zur Krankheitsentstehung - auch der des Neurocan-Gens - sei begrenzt.

Risikofaktoren für manisch-depressive Erkrankung

Wie wichtig die Grundlagenforschung für den medizinischen Fortschritt ist, zeigt sich deutlich an diesem Forschungsprojekt. Der Einfluss der Gene auf die menschliche Psyche ist außerordentlich komplex. Es gibt vermutlich Hunderte, wenn nicht gar Tausende genetische Risikofaktoren, die zur Ausbildung einer manisch-depressiven Erkrankung beitragen können. Ohne genaue Kenntnis der beteiligten Risikofaktoren ist es quasi unmöglich, Medikamente und Therapien zu entwickeln, die besser helfen als die bisher bekannten.

Seit 20 Jahren sucht man mit Hilfe der Molekularbiologie nach genetischen Veränderungen, die mit dieser neuropsychiatrischen Erkrankung in Verbindung stehen könnten. In den 90er Jahren wurden vor allem gezielt Varianten von Genen untersucht, bei denen man sich eine Krankheitsbeteiligung vorstellen konnte. Hierbei geht es vor allem um Gene, die bei der Informationsübertragung zwischen den Neuronen eine Rolle spielen - also etwa Rezeptoren für bestimmte Botenstoffe (Dopamin, Serotonin und andere) oder Proteine, die diese Botenstoffe in die richtigen Zellbereiche transportieren. Schlüssige Hinweise auf die Beteiligung dieser Gene und ihrer Varianten an der Entstehung der manisch-depressiven Erkrankung konnte man aber nicht finden.

Einfluss der Gene aud Seelenleben ist enorm

Erst seit der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts im Rahmen des Humangenom-Projekts 2001 sind die Wissenschaftler in der Lage, systematisch Millionen von Erbgutvarianten zu durchstöbern. Dies hat den Vorteil, dass auch alle diejenigen Gene untersucht werden, die man zunächst gar nicht als Risikogene vermutet hätte. Die Forscher haben ein klares Ziel vor Augen. "Irgendwann wollen wir durch ein besseres Verständnis der Ursachen der Krankheit bessere Medikamente entwickeln, die gezielter eingreifen und die Störungen effektiver beheben können", erläutert Cichon.

Die Experten vermuten, dass eine große Zahl genetischer Varianten mit dazu beiträgt, dass ein Mensch erkrankt. Der Einfluss der Gene auf unser Seelenleben ist enorm: Nach Angaben des Psychiaters Andreas Meyer-Lindenberg sind manisch-depressive Störungen zu 80 Prozent genetisch bedingt. "Gene wie das Neurocan-Gen oder das viel untersuchte Gen 5-HTT machen alleine nicht krank", betont der Leiter des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit. Kommen weitere genetische Risikofaktoren und wie negative Umwelterfahrungen wie frühkindlicher Missbrauch oder Verlust des Partners hinzu, "kann das einen aber über die Schwelle heben".

Trotz jahrzehntelanger Forschung sind die meisten genetischen Faktoren, die zu einer manisch-depressiven Erkrankung beitragen können, noch weitgehend unbekannt. Und dann wäre da noch das Problem der Medikation: Es gebe viele Arzneien, sagt Meyer-Lindenberg, die "wirksam sind, aber nicht allen helfen". So spricht beispielsweise nur ein Teil der Patienten auf sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer an. (Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Antidepressiva, die bei dieser Erkrankung zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten gehören.)

Medikamente haben oft Nebenwirkungen

Der Grund hierfür könnte in den unzähligen genetischen Risikofaktoren liegen, die einheitliche Therapien erschweren. "Zurzeit läuft vieles nach dem Try-and-Error (Versuch undn Irrtum)-Prinzip", so Cichon. Der Patient nehme solange Medikamente, bis irgendwann eines hilft. Der Nachteil sei, dass die Medikamente sehr unspezifisch wirkten und daher oft starke Nebenwirkungen hätten. "Wegen der unterschiedlichen genetischen Risiko- und Umweltfaktoren, die bei verschiedenen Personen vorliegen können, wirken sie bei einem Teil der Patienten gar nicht. Das ist extrem frustrierend."

Das Neurocan-Gen kommt vor allem in zwei Gehirnbereichen vor: im Cortex und Hippocampus. Diese beiden haben die Forscher seit längerem mit der Krankheit in Verbindung gebracht. Als nächsten Schritt müssen sie herausfinden, an welchen Prozessen im Gehirn diese und andere Genvarianten beteiligt sind. Bis zur Entwicklung neuer Psychopharmaka ist es indes noch ein weiter Weg. Nach Aussage von Meyer-Lindenberg dauert es im Schnitt 15 Jahre von der wissenschaftlichen Entdeckung bis zur Einführung eines Medikaments.

Über ihre Ziele sind sich die Forscher völlig im Klaren, wie Cichon erklärt. "Irgendwann wird die Kenntnis der genetischen Faktoren eine bessere Vorhersage zulassen, ob jemand ein Risikokandidat ist." Dann könne man hoffentlich frühzeitig die richtige Diagnose stellen und wirksame Therapien anbieten. "Dies würde den Betroffenen in vielen Fällen einen jahrelangen Leidensweg ersparen, bis die Krankheit erkannt ist."

Wie hoch ist das Risiko einer Erkrankung?

Wie wahrscheinlich ist es zu erkranken? Diese Frage lässt sich trotz genetischer Daten und des Wissens um Umweltfaktoren derzeit nicht beantworten. "Damit die Bipolare Störung ausbricht", unterstreicht Rietschel, "müssen viele genetische Risikofaktoren und auch Umwelteinflüsse zusammenkommen, die wir zum allergrößten Teil ja noch nicht kennen."

Ein Beispiel: Wenn in einer Familie weitere Betroffene bekannt sind, lässt sich daraus lediglich ein theoretisches Erkrankungsrisiko errechnen. So ist das Risiko einer Person, deren Bruder oder Schwester eine Bipolare Störung hat, sieben- bis zehnmal höher als das Risiko eines Normalbürgers, im Laufe seines Lebens diese Störung zu entwickeln. Ob jemand aber tatsächlich erkrankt, lässt sich nicht vorhersagen.

Den unzähligen Patienten, die dringend auf Hilfe warten, kann Sven Cichon indes nur wenig Hoffnung auf schnelle Heilung machen. "Auf der Grundlage der jetzt erhobenen ersten Befunden ist es unrealistisch anzunehmen, dass in zwei Jahren ein neues Medikament auf den Markt kommt", sagt der Genforscher. Das wäre unseriös. Wie gesagt: Wir stehen erst ganz am Anfang."

Infos zum Krankheitsbild

Krankheitsbild: Extreme Stimmungsschwankungen sind typisch für die manisch-depressive Erkrankung, die auch als Bipolare Störung bezeichnet wird. Zwischen den Polen Manie und Depression besteht ein breites Spektrum unterschiedlicher Symptome. Mal sind die Betroffenen niedergeschlagen und haben das Gefühl, wertlos zu sein, mal neigen sie zur Rastlosigkeit und zu Selbstüberschätzung.

Auswirkungen: Menschen mit einer manisch-depressiven Erkrankung stehen unter einem großen und permanenten Leidensdruck. Häufig geht der Arbeitsplatz verloren oder es zerbricht die Partnerschaft. Unbehandelt können Bipolare Störungen Wochen, Monate oder noch länger andauern. In der Regel klingen die Symptome nicht plötzlich ab, sondern wellenförmig.

Häufigkeit: Bei der manisch-depressiven Erkrankung handelt es sich um eine in der Bevölkerung häufige psychiatrische Störung. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) liegt die Wahrscheinlichkeit, an einer Bipolaren Störung zu erkranken, bei ein bis 1,6Prozent. In Deutschland gibt es rund zwei Millionen Betroffene. Nur wenige Betroffene würden aber um ihre Krankheit wissen und den Weg zu einem Psychiater oder Psychologen finden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört die Bipolare Störung zu den zehn Erkrankungen, die weltweit am häufigsten zu einer andauernden Behinderung führen.

Gefährdung: Laut DGBS unternimmt etwa jeder vierte Betroffene einen Suizidversuch. Rund 15 Prozent der Erkrankten würden daran sterben. "Schätzungsweise wird bei weniger als 50 Prozent der Betroffenen je die korrekte Diagnose gestellt und eine Behandlung eingeleitet", heißt es. Im Schnitt würden zehn Jahre zwischen erster Krankheitsepisode, korrekter Diagnose und Beginn einer adäquaten Therapie vergehen. (mb)

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