Genetik und Verhalten Vererbte Traumata

Von Markus Brauer 

Traumatische Erfahrungen von Krieg, Gewalt und Angst belasten die Psyche und prägen das Erbgut von Menschen. Sie verändern sogar die Gene ihrer Kinder und Enkel und bestimmen deren Leben, Denken und Verhalten.

Stuttgart - Was war zuerst da – die Henne oder das Ei? Für Wissenschaften wie die Biologie, Medizin oder Psychologie ist das eine wichtige Frage. Es geht dabei nicht um ein nahrhaftes Produkt und seinen Erzeuger, sondern darum, was beim Menschen angeboren und was erworben ist. Vor allem die Epigenetik, ein noch relativ junges Teilgebiet der Biologie, beschäftigt sich mit diesem Thema. Begründet hat sie der britische Entwicklungsbiologe und Genetiker Conrad Hal Waddington (1905-1975), der den Begriff Epigenetik 1942 erstmals verwendete.

Weitervererbte Traumata: Wie ist das möglich?

Eine Entdeckung der Gen-Forscher ist besonders faszinierend: Traumatische Erlebnisse und Schicksalsschläge von Großeltern und Eltern werden an Kinder, Enkel und Urenkel weitervererbt, obwohl diese sie gar nicht erlebt haben. Wie ist so etwas möglich?

Deutsche und Franzosen, die 1916 vor Verdun gegeneinander kämpften, Zivilisten, die im Zweiten Weltkrieg die Bombenangriffe auf deutsche Städte durchlitten, amerikanische Soldaten, die in Vietnam, im Irak und in Afghanistan im Einsatz waren – sie alle haben eins gemeinsam: Ihre Psyche versucht aus Selbstschutz die traumatischen Erlebnisse und grauenhaften Bilder in ihren Köpfen zu verdrängen.

Die Erinnerungen verschwinden aber nicht einfach, sondern sind weiterhin im Unterbewusstsein da und belasten die psychische Stabilität. Mehr noch: Sie verändern das Erbgut und beeinflussen das ganze Leben – das der Betroffenen genauso wie das ihrer Nachkommen.

Angeboren oder erworben?

In der Verhaltenspsychologie gibt es zwei konträre Theorien: Die Vertreter des sogenannten Nativismus (von lateinisch „nativus“ angeboren, natürlich) glauben, dass Begabungen und Fähigkeiten größtenteils angeboren oder von Geburt an im Gehirn verankert sind. Dagegen behaupten die Anhänger der „Tabula-rasa“-Theorie (lateinisch für unbeschriebenes Blatt, leere Tafel), dass das Gehirn nur wenige angeborene Fähigkeiten habe und fast alles durch Interaktion mit der Umwelt erlernen müsse.

In der modernen Verhaltensforschung hat sich ein Sowohl-als-auch durchgesetzt: Jedes Verhalten und jeder Charakterzug hat eine genetische Grundlage, gleichzeitig werden sie aber durch die Umwelt beeinflusst. Die Gene bilden das Fundament, das sich in Wechselwirkung mit der Umwelt, mit eigenen Erfahrungen und durch Lernprozesse ständig weiterentwickelt. Dabei wird die Leistungsfähigkeit des Gehirns optimiert und der Mensch fit gemacht für die Herausforderungen des Lebens. Er wächst – wie das Sprichwort schon sagt – an seinen Aufgaben.

Interaktion von Genen und Umwelt

Der Mensch ist allerdings kein Gen-Roboter oder ein Sklave seiner Erbanlagen. „Wir werden nicht von unseren Genen gesteuert“, sagt Olaf Rieß, Ärztlicher Direktor des Instituts für Medizinische Genetik und Angewandte Genomik am Universitätsklinikum Tübingen. „Gesellschaftliche Situationen und bestimmte Umstände beeinflussen unser Verhalten erheblich.“

Es sind nicht einzelne Gene, sondern eine Kombination von Genen und äußeren Einflüssen, die Persönlichkeit, Denken und Verhalten prägen. Gemäß dieser Gen-Umwelt-Interaktion können Gene Umweltfaktoren verstärken oder abschwächen. Umgekehrt können Umweltfaktoren wie Erziehung, soziale Kontakte oder bestimmte Ereignisse die Ausprägung von Genen beeinflussen.

Biologie und Biografie

„Heute besteht kein Zweifel mehr daran“, sagt der Mikrobiologe Alexander S. Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, „dass sowohl ‚Nature‘ als auch ‚Nurture‘ – genetische Veranlagung und Umwelt – zur Entwicklung beitragen.“

Das bestätigt auch der Mediziner Bernhard Horsthemke, der das Institut für Humangenetik des Universitätsklinikums Essen leitet. Ein komplexes Zusammenspiel von Veranlagung, Umwelteinflüssen, Erziehung und Lebensweise bestimme unser Verhalten, nicht einzelne Gen-Varianten. „Die Umwelt hinterlässt in unserem Genom Spuren – wie wir uns ernähren oder ob wir gestresst sind. Außerdem spielt die Epigenetik mit ihren vorgeburtlichen und frühkindlichen Entwicklungsbahnen eine große Rolle.“

Anna-Katharina Braun, Professorin für Entwicklungs-Neurobiologie an der Universität Magdeburg, veranschaulicht diese Wechselbeziehung so: „Stellt man sich die Gene als Tasten eines Klaviers vor, dann hängt es vom Pianisten – der Umwelt – ab, welche Tasten bzw. Gene an- oder abgeschaltet werden. Das Zusammenspiel von Genen und Umwelt bestimmt also das Ausmaß und die Richtung, in die das Wachstum der Nervenzellen und der Synapsen gesteuert werden kann.“

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