Theaterpremiere Schauspiel Stuttgart: Burkhard C. Kosminski inszeniert Mouawads „Vögel“

Von Nicole Golombek 

Szene aus Wajdi Mouawads „Vögel“ am Schauspiel Stuttgart mit starken Schauspielern: Itay Tiran als David und Evgenia Dodina als seine Mutter Leah. Foto: Matthias Horn
Szene aus Wajdi Mouawads „Vögel“ am Schauspiel Stuttgart mit starken Schauspielern: Itay Tiran als David und Evgenia Dodina als seine Mutter Leah. Foto: Matthias Horn

Zum Intendanzauftakt des Staatsschauspiels inszeniert der Hausherr selbst: Wie Burkhard C. Kosminskis Regiedebüt am Freitag im Stuttgarter Schauspielhaus ausgefallen ist, welche Schauspieler begeistert haben und was der Terror in Israel mit der deutschen Gegenwart und Vergangenheit zu tun hat.

Nicole Golombek - „Seit siebzig Jahren bringt Gott dieses Volk in unser Leben, um uns zu bestrafen!“, stöhnt David auf. Dieses Volk? „Die Palästinenser, die Araber“ David – verkörpert von Itay Tiran – redet sich in Rage. Geballte Faust, hassglitzernde Augen, es hält ihn nicht mehr auf dem Stuhl, er tigert über die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses, marschiert in Richtung Publikum: „Dieses Volk ist nur noch viehisch. Tiere, Meuten, Mörder. Wenn es eine Wahrheit gibt, dann diese, und dieses Gemetzel beweist es“, David macht unmissverständlich obszöne Gesten: „Sie leben in Meuten, reproduzieren sich in Meuten, beten in Meuten, und der Islam“, er macht nagende Gesten mit seinen Händen, „ist ihr Knochen. Sie nagen an ihm wie die Hunde.“

Holocaust und DDR

Harter Tobak. Es ist ein Moment kurz vor der Katharsis, die ihm den Tod bringen wird, der Hass auf „den Feind“ ist auf die Spitze getrieben. David ist ein Hardliner, geprägt vom Gedenken an den Holocaust. Als sein Sohn Eitan sich in die Muslimin Wahida verliebt, empfindet er das als „Vatermord“. David aber ist nicht so jüdisch wie er zu sein glaubt. Lügen und Geheimnisse, Familie und Gesellschaft und der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sind Themen des Stücks „Vögel“ von Wajdi Mouawad. Aber auch der Nationalsozialismus - Davids Eltern sind dem Holocaust entronnen. Und die DDR, was das Stück auch zu einem aktuellen Beitrag zu 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 macht: Davids Frau Norah wächst in der DDR auf, ihre Eltern sind stramme Kommunisten und verleugnen ihre Religion. Dass sie jüdisch ist, erfährt Norah erst als Teenager.

Burhard C. Kosmiski inszeniert texttreu

Davids Hassrede ist einer von vielen starken Momenten am Freitagabend, der die Intendanz von Burkhard C. Kosminski eröffnet. Der Hausherr bringt ein Stück auf die frisch reparierte Drehbühne des Schauspielhauses, das Weltgeschichte und die deutsche stets gegenwärtige Vergangenheit zusammendenkt. Und er zeigt: Manchmal braucht es nicht mehr als einen guten Schauspieler und gebannte Zuschauer. Burkhard C. Kosminskis Inszenierung ist äußerst texttreu. Und frei von dem, was das Publikum in der Intendanz seines Vorgängers Armin Petras zuweilen überdeutlich serviert bekam - Ironie und untiefe Bedeutung, eitle Selbstreflexion des theatralen Tuns.

Brüchige Identitäten

Das Publikum muss allerdings zu lesen bereit sein, der Text wird in vier Sprachen gespielt – auf Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch – und am Bühnenhintergrund deutsch übertitelt. Da Kosminski den Text nicht an den Bühnenhimmel hängt, sondern in großen Buchstaben an die Bühnenrückwand projiziert und zum integralen Bestandteil des Geschehens macht, sind die Schauspieler öfter zur Bewegungslosigkeit verdammt, damit sie ihrem eigenen Text oder dem der Mitspieler nicht im Wege stehen.

Auch bei Davids Hasstirade ist das so, Itay Tiran trägt sie auf Hebräisch vor. David, der autoritäre Familienvater, der 48 Jahre lang als Jude gelebt hat, wird im nächsten Moment von seinem Vater, der nicht sein Vater ist, erfahren, dass er das nicht ist: ein Jude. Vielmehr ist er „ein palästinensischer Bauernjunge“, gefunden von dem jüdischen Paar Etgar und Leah. Davids Identität ist brüchig - wie auch die der anderen Figuren. Eine Mutter, die ihr Kind verstößt - aus zu großer Liebe. Die junge Amerikanerin Wahida, die ihre arabischen Wurzeln verleugnet, der junge Wissenschaftler Eitan, der nur an Fakten glaubt und daran schier zerbricht. Ein Stück mit antiker Wucht, Ödipus lässt grüßen.

Mouawads Stück „Vögel“ hat einige Längen

Doch bis zu dieser hochdramatischen Wende sind einige Längen zu erdulden. Mouawad, bekannt geworden durch sein verfilmtes Bürgerkriegsdrama „Verbrennungen“, gönnt jeder Figur Monologe, die allerdings zuweilen gewollt poetisch, kitschig und redundant geraten. Jede Regung, jeder Gedanke, alles wird ausgesprochen. Beherzte Striche hätten dem Text gutgetan, zumal Burkhard C. Kosminski sich entschlossen hat, das Stück in einem realistischen Setting als konventionelles Konversationsdrama aufzuführen - mit Esstisch und Stühlen, Sofa, Wartezimmer-Plastiksitzen, Krankenbett (Bühne: Florian Etti). Und mit traditionellen arabischen und jüdischen Musikeinspielungen, live (Ali Jabor) und vom Band. Dass dann aber ein gerade aus dem Koma erwachter Mensch von einer Soldatin sogleich mit langen Ansprachen behelligt wird und selbst putzmunter Reden hält, wirkt unfreiwillig komisch und einigermaßen absurd.

Der Realismus funktioniert auch nicht für jede Figur. Mouawad hat mit der jungen Wahida eine engelsgleich überhöhte Figur erschaffen. Goethes schon grundgutes Gretchen aus dem „Faust“ wirkt dagegen wie eine Schlampine. Während die anderen sich in Zynismus üben und über intellektuellen Quatsch wie mit Sperma hergestellte Kunstwerke nachdenken, findet sie bei einer Reise in den Nahen Osten plötzlich wieder zu ihren Wurzeln. Zugleich verurteilt sie – die Gütigste – die anderen nicht für ihr westlich dekadentes Leben. Wahida ist nie abwertend.

Traum vom Frieden

Wer Wahida sieht, ist geblendet von ihrer Schönheit, auch eine israelische Soldatin (Maya Gorkin) ist verzaubert von ihrer Zartheit, was sie bei einer Leibesvisitation nicht davon abhält, sie schier zu vergewaltigen. Als Eitan (Martin Bruchmann) nach einem Bombenanschlag im Krankenhaus liegt, beschimpfen seine Eltern sie, auch Eitans Großmutter herrscht sie an, doch Wahida, von Amina Merai strahlend, zerbrechlich und sensibel gespielt, bleibt stets diplomatisch.

Das junge Paar träumt etwas naiv von der Überwindung des religiösen Fanatismus, scheitert aber womöglich (Mouawad und Kosminski lassen das offen). Ambivalenter und interessanter sind da schon die Eltern, erst recht die Großeltern. Sie tragen den Abend, machen daraus über weite Strecken ein Schauspielerfest. Itay Tiran als David und Silke Bodenbender als Norah spielen kultivierte, doch letztlich vom Perfektionswahn getriebene Menschen, die ihre Vergangenheit nicht aufgearbeitet haben und jeglichen Konflikten aus dem Weg gehen wollen. Die Wahrheit ist dem Menschen nicht zumutbar, das ist Norahs Haltung. Es gibt nur eine Wahrheit, nämlich meine, sagt David.

Eindrucksvolle Schauspieler

Da, wo Mouawad nicht alles ausplaudert, wird es am Spannendsten. Die die Qualität des Textes zeigt sich nicht zuletzt an der Liebes- und Leidensgeschichte von Davids Eltern. Sie werden gespielt von grandiosen Gästen, den Film- und Theaterschauspielern Dov Glickman und Evgenia Dodina. Etgar und Leah wollten in Israel leben, die Schrecken des Holocaust, der ewige Terror in der neuen Heimat führen aber zu weiteren Tragödien. Die Mutter will dem Sohn die Wahrheit sagen, dass er eben nicht ihr leibliches Kind ist, der Vater will es nicht. Wie sie das ertragen haben, was sie wirklich umtreibt, kann man nur vermuten: Dov Glickman spielt den alles Leid hilflos und doch charmant herunterspielenden Vater von David. Sein Überlebensprinzip? „Es wird schon gut gehen.“ Evgenia Dodina verkörpert Davids Mutter, herrlich schnippisch, witzig, bisweilen zynisch, ihre übergroße Liebe zu David sorgsam hinter schmollender Ruppigkeit versteckend, bis auch sie ihre Fassade nicht mehr aufrecht erhalten kann.

Das sind berührende Augenblicke. Großes Theater. Entsprechend heftig fiel der Applaus aus für die starken Schauspieler.

Lesen Sie jetzt