Grandioses Duo: Peter René Lüdicke (links) und Holger Stockhaus im „Raub der Sabinerinnen“ Foto: Mirbach

Armin Petras’ vierte Saison begann mit ziemlich schwachen Abenden. In der nicht allzu ambitionierten Spielzeit sind sehr guten Schauspielern aber wieder Momente gelungen, die man nicht verpasst haben will.

Stuttgart - Was bleibt von dieser Spielzeit? Auf jeden Fall das: „Mariannneee!!! Mariannneee!!!“ – Peter René Lüdickes jämmerliches Rufen und sein nervöses Händeschlackern in Paul und Franz von Schönthans „Der Raub der Sabinerinnen“. Er spielte einen Professor, der in seiner Jugend ein Drama geschrieben hat. Ein Wandertheaterdirektor (Holger Stockhaus) überredet ihn, es aufführen zu lassen – doch der Professor fürchtet seine Ehefrau, sie hasst das Theater. Marianne ist eine seiner Töchter, zu ihr flüchtet er sich nach einem Streit daheim.

Peter René Lüdicke ist ein Schauspieler, der, auch wenn er längere Zeit keinen Text zu sprechen hat, mit seiner flirrenden Aufgeregtheit künstlerische Spannung aufrechterhält. Holger Stockhaus, Meister des Slapsticks, hatte in dem Kollegen einen wichtigen Mit- und Gegenspieler. Wie wichtig, das sah man in der allerletzten Vorstellung, als Lüdicke krankheitshalber ausfiel und der Abend immer wieder Hänger hatte, gerade in Szenen, in denen der Professor zwar da ist, aber nur entgeistert oder verzweifelt das irre Treiben der anderen beobachtet.

Das Publikum singt

Man erlebte an dem Abend vor allem in einer Improvisationsszene kurz vor Schluss auch, wie das Schauspiel in der Stadt wahrgenommen wird. Der Saal war nur gut halb gefüllt. Holger Stockhaus fragte in die Runde, ob denn immer nur die Schauspieler etwas „liefern“ müssten und ob nicht vielleicht das Publikum etwas „vorbereitet“ habe. Kurze Pause. Dann stimmte einer leise das Volkslied „Auf’m Wase graset d’ Hase“ an, andere sangen mit. Fragten dann aber auch recht forsch, wo man denn nun demnächst hinreisen müsse, um Holger Stockhaus zu sehen, wenn Armin Petras seine Intendanz im Sommer 2018 beendet. Man muss Mitmachtheater nicht mögen, derart spontane Interaktionen zwischen Künstlern und Zuschauern haben aber doch Charme. Zwar sanken die Auslastungsquoten im Schauspiel, doch das Publikum, das ins Theater kommt, weiß das gute Ensemble und auch anstrengende, im doppelten Wortsinn tolle Inszenierungen wie die von Sebastian Hartmann zu schätzen.

Klassiker und Kassenknüller

Der Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ war bisweilen überkandidelt ulkig, aber ein Glanzlicht in einer inszenatorisch nicht allzu mutigen Saison – abgesehen davon, dass Armin Petras im November 2016 überraschend verkündete, dass er aus privaten Gründen anders als geplant seine Intendanz nicht um drei Jahre bis 2021 verlängern wird. Er verlässt bereits im Sommer 2018 das Haus. Was man in der vierten Spielzeit von Petras sah, bediente den Theatermainstream. Von allem etwas. Jugendliches: Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ mit der Stuttgarter Band Die Nerven, Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“. Klassiker: Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“, Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Kassenknüller: Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ mit Tatort-Schauspieler Felix Klare, Joseph Kesselrings Hit „Arsen und Spitzenhäubchen“. Außerdem viel Liedgut. Den Wittgenstein-Satz „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ variierend: Was nicht gespielt werden kann, wird gesungen. So endete die Saison mit wenig Drama und viel Gesang in Molières „Menschenfeind“. Und so begann sie mit „Chelsea Hotel“, einer Hommage an das berühmte New Yorker Hotel. Wenn die Darsteller sangen – wunderbar. Wenn sie spielten – eher schwierig, weil gewollt expressiv und geheimnisvoll.

Missglücktes aus der Region

Schier hilflos missglückt waren ausgerechnet Uraufführungen, die sich mit Themen vor der Haustür beschäftigten. Philipp Löhle hatte mit „Feuerschlange“ ein schwaches Stück über Rüstungsgeschäfte im Land geschrieben, Dominic Friedels einzige Regieidee im Nord war es, viele Kinder auf die Bühne zu bitten. Jan Neumann recherchierte für „E. Bauers Sammelsurium der unsterblichen Sterblichen“ fleißig in Archiven Geschichten über Menschen aus Stuttgart, hatte dann aber offenbar keinerlei Ideen mehr, wie er all die biografischen Skizzen im Kammertheater inszenieren sollte. Zum Schauspielhaus-Auftakt gab’s Vladimir Nabokovs „Lolita“. Warum Regisseur Christopher Rüping die Figur Humbert Humbert von mehreren Schauspielern verkörpern ließ? Keiner weiß es. Ergründen lässt sich das Geheimnis nicht mehr, die Produktion wird in der nächsten Saison nicht mehr aufgeführt.

Großartige Momente

Dennoch, nicht nur „Mariannneee!!!“ allein bleibt in Erinnerung. Sondern auch Sandra Gerlings erschütternde Szene einer Abtreibung in Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ (Regie: Stephan Kimmig), Astrid Meyerfeldts Verzweiflung als Gutsherrin in Anton Tschechows „Kirschgarten“ (Regie: Robert Borgmann). Und Momente aus Armin Petras’ Regiearbeiten: Franziska Walsers ungerührtes Beharren auf Normalität im Wahnsinn in Samuel Becketts „Glückliche Tage“. Die jugendliche Aufgeregtheit des Ensembles bei dem Witzel-Abend. Und die liebevollen, heimlich todtraurigen Blicke, die sich Peter Kurth und Edgar Selge in Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ zuwarfen. Bis auf die „Sabinerinnen“ werden diese Inszenierungen in der kommenden und letzten Saison von Armin Petras weiter zu sehen sein. Man sollte sie am Ende nicht verpasst haben.

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