Da steht die Krisenfamilie: vorne Robert Kuchenbuch als Eugene, im Uhrzeigersinn drum herum Julischka Eichel, Manolo Bertling, Peter Kurth, Peter René Lüdicke und Edgar Selge. Foto: Thomas Aurin

Der Regisseur Armin Petras, sein Bühnenbildner Aleksandar Denic und ein glänzendes Ensemble zeigen in einer gut kapitalismuskritischen Inszenierung von Eugene O’Neills Drama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, wie eine Familie an sich selbst und am System zugrunde geht.

Stuttgart - Ein Elefant im Raum, das ist ein schönes Bild für ein unübersehbares Problem, das trotzdem keiner sehen will. Der Elefant am Samstagabend im Stuttgarter Schauspielhaus ist Peter Kurth. Der Schauspieler tritt auf in Frauenkleidern, mit eigenartig onduliertem Haar, Lippenstift, Ohrringen, Gazehandschuhen. Er steht mitten auf der Bühne, langsam nähert sich ihm Edgar Selge mit liebevollem Lächeln, ein umständliches Umarmen. Edgar Selge spielt den alternden Schauspieler James Tyrone, Peter Kurth dessen Ehefrau Mary Tyrone. James, das Hausmädchen Cathleen, die Söhne Jamie und Edmund – alle tun so, als wäre alles in bester Ordnung. Kein Wort davon, dass Mary soeben einen Morphiumentzug hinter sich gebracht hat, kein Wort vorerst davon, dass alle ahnen, dass sie wieder einmal rückfällig wird. Vor der Premiere von Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ mag man gerätselt haben, warum ein Mann diese Rolle übernehmen muss, wo es im Ensemble mit Franziska Walser, Susanne Böwe oder Astrid Meyerfeldt genügend Damen für die berühmte Theaterfigur gegeben hätte. Jetzt sieht man, die Entscheidung war plausibel. Es gibt kaum einen Satz in dem Drama, in dem Mary nicht versucht, ihrer Umgebung etwas vorzumachen. Peter Kurth spricht also mit leicht veränderter Stimmlage, ohne jegliche Tante-Charlie-Komik, und nur in Momenten der Ehrlichkeit ist der original knurrige Kurth-Sound zu hören.

Solche eine Besetzung ist zumal dann verständlich, wenn man wie Regisseur Armin Petras nicht auf ein psychologisch fein ziseliertes Theater aus ist, sondern mit dem Familiendrama vor allem davon erzählen will, wie Migration Menschen beschädigt und wie Menschen an kapitalistischer Wachstumslogik scheitern, am Versuch, etwas zu erreichen, jemand zu sein. Das führt zu mitunter komischen Szenen, wenn Manolo Bertlings Edmund triumphierend mit seinen Röntgenbildern wedelt: Endlich ist der ewig Herumstreunende irgendetwas – und wenn es ein Schwindsüchtiger ist.

Selge ereifert sich grandios

Edgar Selges James hat seinen großen Moment, wenn er erzählt, was er, der Sohn bettelarmer Einwanderer, einmal war: ein junger Künstler, der einer der besten Darsteller seiner Zeit hätte werden können. Selge ereifert sich grandios, lässt sich von einem Dienstmädchen Requisiten reichen, bis er bepackt und überhäuft ist mit Hamlet-Dolch, Falstaff-Bauch, Malvolio-Kragen, Othello-Schärpe.

James hatte allerdings das fatale Glück, Rechte an einem Erfolgsstück zu ergattern. Das machte ihn wohlhabend, verdammte ihn aber auch zum ewigen Rührstückdarsteller. Ironie des Schicksals: Dieses Stück – „Der Graf von Monte Christo“ – handelt von einem unschuldig Gefangenen auf einer Insel. Tyrone, der als Kind mit seiner Familie von einer anderen Insel – Irland – in die USA geflüchtet ist, wird zum Gefangenen eines Gefangenen.

Bühnenbildner Aleksandar Denic hat für diese bittere Pointe eine beeindruckende Szenerie geschaffen. Überragt wird die Bühne vom Standard-Oil-Zeichen, Insignien der Industriegesellschaft. Das Stück spielt im Spätsommer 1912, im selben Jahr sank die „Titanic“, und so gestaltet Denic die Bühnenbildrückseite als riesige Schiffswand mit Rettungsboot. Die vorderen Teile bestehen aus einem Küchenraum und einem repräsentativen eleganten Holztreppengebilde mit Balustrade und Türen. Im Erdgeschoss eine Art Reliquienkammer mit Heiligenbildern, hier trauert Mary um ihren Sohn Eu­gene (Robert Kuchenbuch geistert als dreckverschmierte Leiche über die Bühne). Er starb, nachdem sein Bruder Jamie ihn mit Masern angesteckt hatte – absichtlich, wie sie ihm in ihrem Wahn vorhalten wird.

Chiffren der Heimatlosigkeit

Die Bühne ist groß und robust. Und doch zeigt Denic mit all den Chiffren der Heimatlosigkeit, den Transiträumen, Orten des Übergangs, dass es hier keine Geborgenheit geben kann. Melancholisch mäandernde Töne des Musikers Miles Perkin verstärken diesen Eindruck: Die Familie ist nie angekommen, weder im American Dream noch bei sich selbst. Mary jammert, während jeder Theatersaison auf Tournee mitfahren zu müssen, sie hat sich in der Gegend nie integriert, in der die Familie ihren festen Wohnsitz hat. James Tyrone hat sich nie vom beklemmenden Gefühl der Angst frei gemacht, im Armenhaus zu landen. Da mögen sie sich alle noch so fein und korrekt kleiden (Kostüme: Michael Graessner), unter der bürgerlichen Oberfläche verstecken sich unrettbar beschädigte Körper und Seelen. Verantwortung können und wollen sie aber auch für nichts übernehmen, weshalb das Telefon unendlich lange klingelt, der Apparat von einem zum Nächsten wandert. Niemand will vom anrufenden Arzt hören und es den anderen dann erzählen, dass Edmund todkrank ist.

Vorwürfe laufen ins Leere

An dem dreistündigen Abend wird aber, anders als es in der heutigen Gesellschaft häufig der Fall ist, nicht versucht, einen Sündenbock zu finden. Petras und Denic lassen alle Vorwürfe, mit denen die Figuren sich malträtieren, ins Leere laufen, geben auch den kapitalistischen Verhältnissen, dem System Mitschuld an der Katastrophe. Die Figuren können sich nicht aus ihren seelischen Käfigen befreien. Besonders deutlich wird das in einer Szene zwischen Jamie (Peter René Lüdicke) und Dienstmädchen Cathleen (Julischka Eichel). Bei O’Neill verbringt der ziemlich betrunkene Jamie die Nacht bei einer dicken Hure. Bei Petras kommen sich Cathleen und Jamie näher, in kunstvoll grotesken Verrenkungen umwirbt sie ihn, bespringt zu guter Letzt den torkelnden Mann, doch der hat Angst, sie unglücklich zu machen, kann ihre Liebe nicht erwidern. Er geifert, wirft sich auf den Boden, brüllt nach Mama und Papa: „Ich brauche Hilfe!“ Statt in Cathleens Armen liegt er am Ende völlig blau unterm Tisch. Alle anderen sitzen da, ebenfalls komplett derangiert, und bringen Gläser zum Singen. Der Elefant im Raum? Immer noch da, doch nur noch seine Stimme ist zu hören.

Die Geister der Vergangenheit haben die Familie im Griff. Sie haben gewonnen und tanzen übers Parkett. Ein eindrückliches, wenn auch ziemlich fatalistisches Ende eines aufregenden Tages Reise in die Nacht.

Die nächsten Termine: 24., 27. Februar, 5., 14., 26. März, 7., 26., 29. April. Karten: ­07 11 / 20 20 90
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