vergnügungssüchtig auf der Achterbahn: Karoline (Manja Kuhl) und Schürzinger (Paul Grill). Im Hintergrund der abservierte Kasimir (Peer Oscar Musinowski, re.) und seine Freunde Foto: Thomas Aurin

Karoline verlässt Kasimir, weil der arbeitslos geworden ist. Ob das etwas mit Politik zu tun hat? Oh ja, sagt Regisseur Stefan Pucher. In seiner Horváth-Inszenierung zeigt er, wie Ausbeutung und menschliche Schwächen geradewegs in den Faschismus führen.

Stuttgart - Krawumm. Und noch mal. Mit Wucht haut der Kasimir den Lukas, bis alle Lichter flackern. Auf der Kirmes zeigt der junge Mann (Peer Oscar Musinowski) seinem Mädchen noch einmal, was für ein Prachtkerl er ist. Karoline (Manja Kuhl) steht freudestrahlend da in ihrem blütenweißen Dress und schüttelt ihre Locken: „Gratulation!“. Und er, grämlich verdutzt: „Wozu?“ Derart besinnungslos vor Wut hat er den Hammer ­geschwungen, er bemerkt überhaupt nicht, dass er beim kraftmeiernden Spiel die volle Punktzahl erreicht hat. Alles woran er denkt, ist seine Entlassung.

Das ist das erste und leider auch schon letzte Mal, dass Kasimir etwas tut. Die restlichen eineinhalb Stunden in Stefan Puchers Inszenierung von „Kasimir und Karoline“ im Schauspielhaus Stuttgart kann er nur noch eines: entgeistert beobachten, wie die fesche Karoline ihm abhanden kommt. Horváth spielt in seinem 1932 entstandenen Stück „Kasimir und Karoline“ durch, wie ein Paar scheitert in einer Zeit, in der viele Menschen schon mit dem Faschismus liebäugeln. Karoline verlässt Kasimir, als er arbeitslos wird, und hofft, durchs Anbandeln mit einem Fabrikanten aufzusteigen.

Politische Korrektheit im Jahre 2017 ­verbietet es, Karoline als charakter­schwache Person zu inszenieren. Also kämpft Manja Kuhl für Karoline. Sie interpretiert die ­Büroangestellte plausibel als ­lebenshungrige, ein bisschen flattrige Frau, die stolz ­betont: „Ich kann mir mein Eis selber kaufen“. Aus Ungeduld über seine schlechte Laune reizt sie Kasimir mit der ­Bemerkung, sie seien vielleicht „zu schwer füreinander“, weil er halt ein Pessimist und sie eine Melancholikerin sei. Als er mault, er sei jetzt abgebaut und da gäbe es nichts zu lachen und sie sagt, sie lache gar nicht, tut sie dies mit amüsierter Miene. Sie streitet, als sei es ein Spiel. Doch ihre Blicke, ihr Strahlen, immer wenn er auftaucht, ihr Stolz, mit dem sie über ihn redet, zeigen, dass sie in ihren Kasimir heftig verliebt ist.

Für Karoline ist die Kirmes ein Markt der Möglichkeiten.

Verschenkte Liebesmüh. Denn nichts ­davon ist Kasimir anzumerken. Peer Oscar Musinowski begnügt sich damit, den Arme schlackernden Polterer zu geben, er trägt mit halb geöffnetem Mund eine fassungslos gekränkte Miene spazieren, verharrt in emotionaler Schockstarre. Nicht einmal diese eigentlich herzzerrreißende Szene gelingt: Kasimir will sich entschuldigen, dass er ihr vorgeworfen hat, sie werde ihn automatisch verlassen, weil er keinen Job mehr hat – und in dem Moment tut sie es dann eben doch! Musinoswki, fern jeglicher Erschütterung, lässt Kasimir wie einen besorgten Bruder auf Kuhls Karoline einreden, während das nervöse Zittern ihres Fußes, ihre Miene ein heimliches Entsetzen vor ihrem eigenen Mutwillen offenbart.

Zu Beginn, als ihr Streit eine gewisse Harmlosigkeit hat, glücken auch amüsante Szenen, fabelhaft unterstützt von Stephane Laimés Bühne. Vorhanglamellen aus weißen Luftballons ermöglichen ein raschelndes Hin und Her. Wie bei einem Wetterhäuschen, wo die Figuren nach vorne und nach hinten rücken, kommen und gehen die Männer. ­Kasimir zieht beleidigt ab, schon taucht Schürzinger (Paul Grill) auf, bräsig Eis ­leckend. Mit der Masche des tiefgründigen, verständnisvollen Fremden – „Ich hab mich mal mit dem Schicksalsproblem beschäftigt“ – hofft er, bei Karoline zu landen.

Für Karoline ist die Kirmes ein Markt der Möglichkeiten. Mit jeder Männerbegegnung testet sie ihren Wert. Doch weil ihr Leichtsinn schwere Folgen hat, wird sie am Ende mit bitterer Miene mit dem als Spießer getarnten Zuhälter Schürzinger Zweckoptimismus üben und ihm nachplappern „es geht besser“. Doch anders als er betont sie das „geht“ – trotzig, es müsste doch wirklich besser gehen, irgendwie anders. Aber wie?

Die Freiheit der Schauspieler führt zu komisch, tragisch funkelnden Szenen.

Solch kluge Ambivalenz gestattet sich ­Pucher nicht immer. Der Regisseur, der schon mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, konzentriert sich aufs Politische und erhält dafür auch viel Applaus vom Publikum. Doch etwas schlicht und überdeutlich wirft er Bilder von Hitler an die Wand, um zu verdeutlichen, dass dass Menschen, die ähnlich wie heute ausgebeutet werden und auf einen starken Mann hoffen, zum Faschismus neigen. Pucher hat aus „Kasimir und Karoline“-Fragmenten Passagen über Nationalismus verwendet. Er jubelt sie Speer (Horst Kotterba) unter, dem aus Erfurt stammenden Freund von Fabrikant Rauch (Andreas Leupold). Während er bierselig frappierend aktuell klingende ­Parolen krakeelt – „die Staaten müssen wieder radikal national“ – und Sündenböcke markiert – „in dem Moment, wo’s keine Juden mehr gibt, ist wieder alles sicher“ – , insistiert Schürzinger, das könne man so nicht sagen. Er gibt sich aber zugleich als Menschenauslieferer her, als sein Chef Rauch ihm jovial signalisiert, wenn er ihm Karoline überlasse, werde er ihn eventuell befördern.

Klar kann man es sich so leicht machen. Die Herren sind fürs Präfaschistische zuständig. Die Damen sind lediglich rücksichtslos vergnügungssüchtig – oder mucken als gesellschaftliche Minderheit auf. Erna (Sandra Gerling) versteckt ihr blaues Auge, das Kasimirs Freund, der kriminelle Merkl Franz (Felix Mühlen), ihr verpasst hat, schon bald nicht mehr hinter einer dunklen Brille. Sie hält eine flammende Rede wider Kommerz und Kapitalismus, die so nicht in diesem Horváthtext steht, aber dennoch passt. Und so singt sie, begleitet von den hervorragenden Livemusikern Meike Boltesdorf, ­Réka Csiszér und Ekkehard Rössle, Schlagerträume von Gleichheit und Freiheit.

Die Freiheit, die Pucher seinen Schauspielern gibt, und die sie nach ihren Möglichkeiten auskosten, führt nicht unbedingt zu einem geglückten Abend. Aber zu komisch, tragisch funkelnden Szenen. Und zu schönem Kapitulieren am Ende: Videobilder der Inszenierung im Rückwärtslauf, um noch einmal nachzuvollziehen, was Kasimir und Karoline derart ruinieren konnte, klären doch nicht auf. Misstraut den Bildern! Denn man sieht nur das Album einer unerklärlich scheiternden Liebe in politisch sich böse verdunkelnder Zeit, die selten weniger fern schien als heute.

Weitere Termine: 18. und 23. Mai, 1., 11. und 30. Juni. Karten unter: 07 11 / 20 20 90.

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