Ein Buchenwald auf der Insel Rügen. Der Klimawandel kann durch nichts so effektiv bekämpft werden wie durch Aufforstung – dieses im Sommer veröffentlichte Studienergebnis stößt auf Kritik anderer Forscher. Das Potenzial von Baumpflanzungen zur Eindämmung des Klimawandels sei in der Studie dramatisch überbewertet, Foto: Jens Büttner/zb/dpa

Wie können die Folgen des Klimawandels abgeschwächt werden? Schweizer Forscher haben vorgeschlagen, weltweit die Wälder um ein Drittel aufzuforsten. Jetzt widersprechen andere Experten: Eine wahllose Aufforstung schadet mehr als das sie nützt.

Lüneburg/Bonn/Zürich - Der Klimawandel kann durch nichts so effektiv bekämpft werden wie durch Aufforstung: Dieses im Sommer veröffentlichte Studienergebnis stößt auf Kritik anderer Forscher. Das Potenzial von Baumpflanzungen zur Eindämmung des Klimawandels sei in der Studie dramatisch überbewertet, heißt es am Dienstag von der Leuphana Universität Lüneburg.

Als Co-Autorin war die Leuphana-Forscherin Vicky Temperton an einer aktuellen Stellungnahme im Fachmagazin „Science“ zu der Anfang Juli vorgestellten Analyse beteiligt.

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Zerstörung von Ökosystemen

Das Pflanzen von Bäumen an falschen Orten könne sogar Ökosysteme zerstören, die Intensität von Waldbränden erhöhen und die globale Erwärmung verschärfen, erläutern Forscher um Temperton und Joseph Veldman von der Texas A&M University in den USA.

Auch Forscher zahlreicher anderer Universitäten und Institute wie etwa der LMU München, der Uni Bonn und des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg äußern sich in „Science“ kritisch zu der Studie.

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Die Erde könne ein Drittel mehr Wälder vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden, hatten Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich im Sommer in „Science“ geschrieben. Bäume zu pflanzen habe das Potenzial, zwei Drittel der bislang von Menschen verursachten klimaschädlichen CO2-Emissionen aufnehmen.

Die neuen Wälder könnten demnach 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern, wenn sie herangewachsen sind – etwa zwei Drittel der 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die seit der Industriellen Revolution durch den Menschen in die Atmosphäre gelangten.

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Ökologische Sanierung

Der Wert von 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff sei viel zu hoch angesetzt, heißt es nun in dem kritischen Beitrag der Forscher um Veldman. Schwerwiegende Mängel hätten zu einer fünffachen Überschätzung des Potenzials neu gepflanzter Bäume für die Eindämmung des Klimawandels geführt.

So werde in der Studie etwa davon ausgegangen, dass Böden in Ökosystemen ohne Bäume keinen Kohlenstoff enthalten – in vielen Lebensräumen wie Savannen und Torfmooren sei aber mehr Kohlenstoff im Boden gebunden als in der oberirdischen Vegetation. „Eine ökologische Sanierung könnte viel mehr zu natürlichen Klimalösungen beitragen, wenn wir uns nicht nur auf Wälder fokussieren, sondern uns auch um Grasland, Savannen, Buschland und Torfmoore kümmern“, sagt Temperton.

Waldfläche in Deutschland

Deutschland ist ein waldreiches Land. Mit 11,4 Millionen Hektar sind 32 Prozent der Gesamtfläche mit Wäldern bedeckt. In den letzten zehn Jahren hat die Waldfläche um 50 000 Hektar (0,4 Prozent) zugenommen. 13 Prozent der Landesfläche werden für Siedlung und Verkehr sowie 52 Prozent für die Landwirtschaft genutzt.

Bäume

Über 90 Milliarden Bäume wachsen in Deutschlands Wäldern. Das ergab die letzte bundesweite Waldinventur.

Von den 76 Baumarten, die hierzulande vorkommen, sind 56 Prozent Nadelwald und 44 Prozent Laubwald. Die Fichte ist mit 26 Prozent die häufigste Baumart in Deutschland, gefolgt von der Kiefer (23 Prozent), der Buche (16 Prozent) und der Eiche (zehn Prozent).

Waldland Baden-Württemberg

Nach Bayern (2,6 Millionen Hektar Wald) ist Baden-Württemberg mit 1,4 Millionen Hektar das Bundesland mit den meisten Wäldern. 40 Prozent der Landesfläche sind von Wald bedeckt. Damit steht der Südwesten auf Platz vier hinter Hessen und Rheinland-Pfalz (jeweils 42 Prozent) sowie dem Saarland (40 Prozent).

Holzeinschlag

76 Millionen Kubikmeter Holz werden jährlich in Deutschland gefällt, 122 Millionen Hektar wachsen pro Jahr nach. Allein 2018 fielen rund 30 Millionen Kubikmeter Schadholz an, die vierthöchste Summe in den vergangenen 30 Jahren.

Für 2018 und 2019 rechnet das Bundeslandwirtschaftsministerium mit einer Schadholzmenge von zusammen rund 70 Millionen Kubik- oder Festmetern und einem Gesamtschaden von 2,5 Milliarden Euro.

Geschädigte Wälder

Laut Waldzustandserhebung 2018 sind mehr als 70 Prozent der Laubbäume (Buchen und Eichen) geschädigt oder in der Warnstufe. Bei den Nadelbäumen (Fichte und Kiefer) sind über die Hälfte der Bäume stark geschädigt oder in der Warnstufe.

Dem Waldzustandsbericht 2018 zufolge sind in Baden-Württemberg 38 Prozent der Wälder stark geschädigt – sieben Prozentpunkte mehr als 2017. Dagegen ist die Waldfläche mit nicht geschädigten Bäumen um sechs Prozentpunkte auf nur noch 25 Prozent zurückgegangen.

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