Schlüsselwerk und Publikumsliebling: Wilhelm Lehmbrucks „Der Gestürzte“ von 1915 Foto: Staatsgalerie

Drama mit Happy End: Die Staatsgalerie Stuttgart bleibt eine erste Adresse für das Werk von Wilhelm Lehmbruck. Wie die „Stuttgarter Nachrichten“ exklusiv melden, gelang der Ankauf zahlreicher Leihgaben mithilfe der Museumsstiftung des Landes, der Kulturstiftung der Länder und der Von-Siemens-Kunststiftung.

Stuttgart - „Hat eine Museumsdirektorin Wünsche?“, fragt unsere Zeitung im Februar dieses Jahres Christiane Lange. Und die ­Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart antwortet: „Viele. Aktuell ringen wir darum, die umfassende Dauerleihgabe zum Werk von Wilhelm Lehmbruck zu sichern.“

Der Lehmbruck-Schatz war eine Leihgabe

Ein Satz mit Sprengkraft. Kaum jemand hätte gezweifelt, dass der Lehmbruck-Block mit den international ­geschätzten Hauptwerken „Der Gestürzte“ und „Die große Sinnende“ fester Teil der Sammlung von Baden-Württembergs Museumsflaggschiff ist. Weit gefehlt – Stuttgarts Lehmbruck-Schatz ist eine Leihgabe. Abzug und Verkauf drohen.

Erinnerungen an Ringen um Dix

Erinnerungen werden wach. Vor ­allem an den drohenden Verlust des Otto-Dix-Glanzes in Stuttgart. 2005 soll das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“, seit 1988 als Leihgabe der Familie in der Galerie der Stadt Stuttgart präsentiert, verkauft werden. Erster Adressat der Anfrage ist die Stadt Stuttgart.

Ein Paukenschlag, auf den Marion Ackermann – zwei Jahre zuvor zur ­Direktorin des 2005 eröffneten Kunstmuseums Stuttgart berufen – mit einem Weckruf reagiert. „Anita Berber“, von Ackermanns ­Vorgänger Johann-Karl Schmidt als „Mona Lisa des 20. Jahrhunderts“ ­bezeichnet, sei ein „Kernstück der einzigartigen Dix-Sammlung“, betont sie seinerzeit. Im März 2006 sagt sie unserer Zeitung den erlösenden Satz: „Durch das entschiedene und gezielte Eintreten von Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, vor allem aber durch das außergewöhnliche finanzielle Engagement der Landesbank kann das Bild für Stuttgart gerettet werden.“ Als Teil der Sammlung der Landesbank-Baden-Württemberg bleibt das leuchtend rote Porträt der Tänzerin zwar eine Leihgabe – ein Abzug aber steht nun nicht mehr zur Debatte.

Happy End auch für Lehmbruck?

Wird auch dieses Drama ein Happy End haben? Das ist die Frage, als im vergangenen Jahr erste Gerüchte über einen möglichen Abzug des Wilhelm-Lehmbruck-Schatzes aus der Staatsgalerie Stuttgart auftauchen. Es geht um Herzstücke – nicht nur aus Expertensicht. Auch für das Publikum. Selbst wer den Künstlernamen nicht weiß, kennt die große Figur eines Mannes auf allen vieren. „Der Gestürzte“ ist ein Aushängeschild der Staatsgalerie.

Und doch nur eine Leihgabe. Wie aber schon im Fall Dix machen die Besitzer deutlich: Erste Adresse für einen Verkauf ist die Staatsgalerie Stuttgart. Dies heißt: ­Geduld ist gefragt – auch dann, wenn der internationale Auktionsmarkt bereitsteht, um ein Millionen-Spitzenergebnis zu erzielen.

Engagierter Schulterschluss

Umso bemerkenswerter: Der Kraftakt ist gelungen – der Werkblock mit drei Skulpturen und 70 Zeichnungen von Wilhelm Lehmbruck bleibt in der Staatsgalerie Stuttgart. Möglich macht dies ein Schulterschluss der Museumsstiftung Baden-Württemberg, der Kulturstiftung der Länder und der Ernst- von-Siemens-Kunststiftung.

„Die Werke Wilhelm Lehmbrucks für die Staatsgalerie Stuttgart zu sichern ist von großer Bedeutung für das Land Baden-Württemberg und für die deutsche Museumslandschaft insgesamt“, betont Petra Olschowski, parteilose Staatssekretärin im baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. „Mit dem Ankauf des Konvoluts“, sagt ­Olschowski weiter, „gelingt es nun, den wichtigsten Bildhauer der Klassischen ­Moderne in der Staatsgalerie Stuttgart dauerhaft zu verankern.“

Kunst gegen den Krieg

Persönlich berührend

Was aber macht die Arbeiten von Wilhelm Lehmbruck, dessen Gesamtwerk – annähernd 100 Skulpturen, mehr als 1000 Zeichnungen, 80 Gemälde und großformatige Zeichnungen sowie 200 Druckgrafiken – zwischen 1898 und 1918 in nur zwei Jahrzehnten entsteht, so nachdrücklich? Und so be­deutsam? Kunststaatssekretärin Petra ­Olschowski, selbst Kunsthistorikerin, sagt: „Die ,Große Sinnende‘ und der ,Gestürzte‘ gehören auch für mich persönlich zu den wichtigsten Werken der Staatsgalerie. Sie sind bei jedem Besuch immer wieder Anlaufpunkte. Gerade die ­aktuelle Präsentation zeigt ihre plastische Kraft – im Widerspiel mit Alberto Giacometti, der den Körper fast ins Nichts verschwinden lässt, und im Dialog mit dem kühleren Oskar Schlemmer.“

Und weiter: „Besonders berührt mich die Figur des ,Gestürzten‘, die vor der ,Auferstehung‘ von Max Beckmann zu sehen ist und die die Verzweiflung, die von Beckmanns apokalyptischem Bild ausgeht, geradezu körperlich spürbar werden lässt.“

Ein Künstlervorbild auch für Joseph Beuys

Staatsgalerie-Direktorin Christiane ­Lange weist auch auf die anhaltende Wirkung Lehmbrucks auf nachfolgende Künstler­generationen hin. „Joseph Beuys“, sagt ­Lange, „hat den Bildhauer in einer seiner letzten Reden als die zentrale Künstlerfigur des 20. Jahrhunderts hervorgehoben: Mit der Metapher einer ‚Fackel, die weitergetragen wird‘, verdeutlicht er den großen Einfluss, den das Werk Lehmbrucks auf ihn hatte. Die Erfahrungen von Leid, Schmerz und Tod bringen Werke wie ,Der Gestürzte‘ und ,Die große Sinnende‘ besonders berührend zum Ausdruck.“

Reaktion auf die Schrecken des Krieges

Tatsächlich ist Lehmbrucks Figur des ­Gestürzten eine Reaktion auf die Barbarei des Ersten Weltkriegs. Ja, 1915 entstanden, ist das Werk ein Antikriegsfanal. Und nicht weniger als das Publikum reagieren auch die Experten auf die unmittelbare Kraft der Skulptur. Eine Kraft von scheinbar ewiger Aktualität. „Wie zu allen Zeiten“, sagt Staatsgaleriedirektorin Lange, „stehen Menschen in der ganzen Welt heute vor existenziellen Bedrohungen. Das Werk von ­Wilhelm Lehmbruck ist in einem übergeordneten Sinn Ausdruck für das Leid und die Verletzbarkeit des Menschen.“

Große Lehmbruck-Schau 2018 in Stuttgart

Höchstpreise auf dem Auktionsmarkt

Qualitäten, die ein künstlerisches Werk einzigartig machen, schätzt natürlich auch der internationale Kunstmarkt. Dirk Boll, im Londoner Auktionshaus Christie’s unter ­anderem für das Europa-Geschäft zuständig, macht dies deutlich, wenn er sagt: „Der Lehmbruck-Block kommt nicht auf den Markt, sondern bleibt im ­Museum? Als Kulturbürger finde ich das großartig! Aber auch als Auktionshaus­manager. Lehmbrucks Werke sind international gefragt, ihre eigenständige Ästhetik spricht Sammler vieler Kulturkreise an: Für Skulpturen werden heute Millionenpreise gezahlt.“

Christie’s Europa-Chef Dirk Boll: „Ab nach Stuttgart!“

Und Boll betont: „Großer posthumer Markterfolg beruht auf künstlerischer Qualität und Kanonisierung, aber eben auch auf Marktdurchdringung und Sichtbarkeit. Künstlerisches Schaffen wird im Museum besser und dauerhafter sichtbar gemacht als auf dem Markt.“ Ja, bestätigt Boll zuletzt, „gerne hätte man einen Lehmbruck-Rekordpreis gesehen. Doch genauso dient es der Inspiration einer neuen Generation von Sammlern und künftigen Kunstkäufern, diese Werke in wissenschaftliche Aufarbeitung eingebettet in der Staatsgalerie erfahren zu können. Im September 2018 heißt es dann für uns alle: ,Ab nach Stuttgart!‘“

Dann nämlich präsentiert die Staatsgalerie anlässlich des erfolgreichen Ringens um den Lehmbruck-Schatz eine umfangreiche Ausstellung. „Wilhelm Lehmbruck. Variation und Vollendung“ wird vom 21. September 2018 bis zum 17. Februar 2019 im Barth-Flügel im Erdgeschoss des Staatsgalerie-Altbaus zu sehen sein. Die Schau, kündigt das Museum an, „versucht erstmals den unerlässlichen direkten Vergleich der im Material ­variierenden Ausformungen der wichtigsten Plastiken des Künstlers zu ermöglichen. Wir erwarten davon wichtige Erkenntnisse für ein tieferes Verständnis Lehmbrucks und der Skulptur zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“

Begleitend zu „Variation und Vollendung“ werden im Graphik-Kabinett im Steib-Bau der Staatsgalerie von 7. Oktober 2018 an Arbeiten auf Papier von Wilhelm Lehmbruck zu sehen sein.

Nächste Ausstellung gilt dem „Meister von Meßkirch“

Die Staatsgalerie hält damit an der Linie fest, bedeutende Ankäufe mit Ausstellungen zu feiern. Nur zu gerne erinnert man sich nicht nur in Stuttgart an die Präsentationen der „Grauen Passion“ von Hans Holbein dem ­Älteren und der Videoinstallation „Manifesto“ von Julian Rosefeldt. Und auch die kommende Ausstellung zum Meister von Meßkirch (von 8. Dezember an) gilt einer erfolgreichen Sicherung – dem Ankauf des „Wildensteiner Altars“.

Von internationaler Bedeutung

Nun also Lehmbruck. „Der ­Erfolg“, sagt Staatsgaleriechefin Lange, „ist ein Grund zur Freude, und diese wollen wir natürlich mit unseren Besuchern teilen.“ Möglich macht den Lehmbruck-Coup zuvorderst das Engagement der Kulturstiftung der Länder. Wann aber darf diese überhaupt aktiv werden? „Das ist klar geregelt“, sagt Christiane Lange, „es geht nicht um das Geld, sondern um die Bedeutung: So stellt etwa die Kulturstiftung der Länder in ihrer Satzung klar, dass sie den ,Erwerb für die deutsche Kultur besonders wichtiger und bewahrungswürdiger Kulturgüter‘ fördert. In ähnlichen Wortlauten findet sich das auch in den Förderkriterien anderer Stiftungen.“ Und sie betont: „Wilhelm Lehmbrucks Werk entspricht diesen Anforderungen, da die Arbeiten von nationaler und internationaler Bedeutung sind und zum Kernbestand der Staatsgalerie zählen.“

Kaufsumme wird nicht genannt

Seit 1960 bereits zählen die Lehmbruck-Arbeiten zu den Hauptattraktionen der Staatsgalerie. Dies dürfte den Kraftakt der Kulturstiftung der Länder, der Museumsstiftung Baden-Württemberg und der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung erleichtert haben. Über Geld will keiner der Beteiligten sprechen. Klar ist aber: Allein schon „Der ­Gestürzte“ erforderte im Kunstmarkt ein Millionen-Engagement.

Insgesamt 85 Werke von Wilhelm Lehmbruck befinden sich in der Staatsgalerie. Darunter waren bisher 74 Leihgaben. 73 davon zählen nun zum festen Bestand des Museums – „und das“, sagt Direktorin Christiane ­Lange, „macht uns unheimlich stolz“.

Ständiger Austausch mit Leihgebern wesentlich

Das provoziert den Blick zurück ins Kunstmuseum. Dort endete ja das Ringen um den Dix-Schatz nicht mit dem „Anita Berber“-Erfolg. „Der Abzug eines Dix-Gemäldes bedeutet ja nicht nur für die Sammlung des Museums, sondern auch für die Landeshauptstadt Stuttgart einen schmerzlichen Verlust“, sagt Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos. Ständiger Austausch mit den Leihgebern sei wichtig. Achtsamkeit als Erfolgsfaktor im Ringen um Kunst? Das Happy End im Fall Lehmbruck spricht dafür.

Wilhelm Lehmbruck

Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) gilt heute neben Ernst Barlach (1870–1938) als wichtigster deutscher Bildhauer der Klassischen Moderne. In nur zwei Jahrzehnten schafft der am 4. Januar 1881 als viertes Kind einer Bergmannsfamilie in Meiderich bei Duisburg geborene Künstler ein ­ungewöhnlich ausdrucksstarkes Werk.

Orientierung an Rodin und Maillol

Die frühen Arbeiten der Jahre 1898 bis 1906 spiegeln den Stilpluralismus der Gründerzeit wider, den ihm sein Lehrer an der ­Düsseldorfer Kunstakademie, Carl Janssen, während seiner Studienjahre vermittelt hat. Vor allem angeregt durch die Werke von Rodin und Maillol, findet Lehmbruck bis zu seiner Übersiedlung nach Paris im Jahr 1910 zu seinem eigenen plastischen Stil: zu in sich gekehrten, vergeistigten Figuren. Verblüffend bis heute ist, dass all diese Figuren dennoch anmutige Haltungen einnehmen.

Überlange Körper

Während seiner Pariser Jahre von 1910 bis 1914 steigert Lehmbruck den Ausdruck seiner idealtypischen Figuren durch ­Längung und Verräumlichung der Körper. Mit Figuren, die in Gips, Steinguss und Terrakotta – seltener in den teureren Materialien Bronze und Marmor – gearbeitet sind, gelingt Lehmbruck der internationale Durchbruch zur Moderne: 1911 präsentiert er seine „Kniende“ im Salon d’Automne in Paris, zwei Jahre später ist er als einziger deutscher Bildhauer mit dieser Skulptur in der durch Amerika tourenden Armory Show (New York, Boston, Chicago) vertreten.

„Der Gestürzte“, eine Antikriegsplastik

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrt Lehmbruck 1914 nach Berlin zurück. In den folgenden Jahren wandelt sich sein Stil. In den Berliner und Züricher Jahren bis 1918/19 entstehen die existenziellen Antikriegsplastiken des „Gestürzten“ und des „Sitzenden Jünglings“, sensible und erschütternde Figuren.

An Depressionen verzweifelt

Parallel zu seinen Plastiken schafft Lehmbruck ein umfangreiches malerisches Werk. ­Zudem entsteht in Paris Lehmbrucks druckgrafisches Werk, hauptsächlich Radierungen. Bindeglied zwischen allen Werkgruppen sind Lehmbrucks Zeichnungen.

Am 25. März 1919 nimmt sich Wilhelm Lehmbruck in Verzweiflung über seine anhaltenden Depressionen in seinem Berliner Atelier das Leben.

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