Auf dem Podium: „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer, Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK), und MWK-Staatssekretärin Petra Olschowski Foto: Steffen Schmid

Näher dran an den Entscheidern in der Landesregierung: Wird es tatsächlich Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer geben? Darf die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses 300 Millionen Euro kosten? Diese und andere Fragen beantworteten Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und Staatssekretärin Petra Olschowski in der Reihe „Kulturgespräch“ der „Stuttgarter Nachrichten“. 300 Leserinnen und Leser erleben den Abend in den Räumen der Baden-Württembergischen Bank in Stuttgart.

Stuttgart - In der grün-schwarzen Landesregierung dreht sich derzeit alles um das Geld. Die Eckpunkte für den Haushalt 2017 sind das dominierende Thema. Um die strukturellen Ausgaben ausgleichen zu können, müssen die Ministerien zusammen 370 Millionen Euro einsparen. Das Ressort für Wissenschaft, Forschung und Kunst muss 27,2 Millionen Euro beisteuern, hinzu kommen noch sogenannte Globale Minderabgaben von etwas mehr als 20 Millionen Euro. Macht zusammen 48 Millionen Euro. „Eine hässliche Zahl“, sagt Ministerin Theresia Bauer (Grüne) beim „Kulturgespräch“ unserer Zeitung in der Baden-Württembergischen Bank am Kleinen Schlossplatz in Stuttgart. Sie denke aber nicht daran, Ziele zu streichen, betont sie.

Generalsanierung der Oper Stuttgart „einfach notwendig“

Theresia Bauer, drei Mal zu Deutschlands bester Wissenschaftsministerin gewählt, und ihre Staatssekretärin Petra Olschowski betonen vor 300 Zuhörern, dass sie die Themen ihres Ressorts immer von innen betrachten. Was das bedeutet? Bauer und Olschowski denken „erst über die bestmögliche Lösung für eine bevorstehende Herausforderung nach“ und kümmern sich in inhaltlicher Konsequenz um die Frage der Finanzierung.

Diese Haltung untermauert die Wissenschafts- und Kunstministerin eindrucksvoll, als Moderator Nikolai B. Forstbauer, Titelautor unserer Zeitung, nach der finanziellen Schmerzgrenze des Landes für die Sanierung und Modernisierung des Stuttgarter Opernhauses fragt. Nach derzeitigem Stand werden die Kosten dafür auf rund 300 ­Millionen Euro geschätzt. Stadt und Land müssen je die Hälfte der Summe (150 Millionen Euro) tragen. Die Ministerin lässt sich in Anwesenheit der Staatstheater-Intendanten Reid Anderson (Ballett), Marc-Oliver Hendriks (Geschäftsführung) und Jossi Wieler (Oper) keine Zahl entlocken. „Wir sind bewusst nicht über die Frage der Finanzen an das Thema herangegangen“, sagt sie. Man habe sich für eine Generalsanierung und Modernisierung des Gebäudes entschieden. Deshalb sei es sinnvoll, „nicht über die Zahl zu kommen und dann zu entscheiden, welche Schritte man geht“, sondern von Beginn an die Sachfragen in den Vordergrund zu stellen. Man habe sich für einen „großen Wurf“ entschieden, der die nächsten fünf Jahrzehnte halte – „wohl wissend, dass wir bei den Kosten in Dimensionen stoßen, die uns richtig wehtun und die uns Kopfzerbrechen bereiten werden“. Jedoch: „Die Maßnahmen sind einfach notwendig“.

Ministerin will mehr einnehmen

Auch in ihren anderen Themenfeldern steht eine Vielzahl an Investitionen an. „Wir wollen finanzielle Freiräume halten für Neues. Kunst, aber auch die Wissenschaft, brauchen Experimentelles“, sagt Bauer. Statt zu sparen, setzt die Ressortchefin deshalb auf höhere Einnahmen. Ihr Plan besteht aus drei Blöcken: „eine Erhöhung der Verwaltungsgebühr für alle Studierenden um zehn Euro, eine Abgabe für international Studierende aus Nicht-EU-Ländern in ­Höhe von 1300 Euro pro Semester und eine Gebühr bei einem Zweitstudium“. Die ­Kritik an ihren Plänen weist Bauer zurück. Wissenschaft, Forschung und Kunst seien Bereiche, in denen die Aufgaben nicht mit Ausgabenkürzungen bewältigt werden könnten. „Das hat mit der Bedeutung und der Dynamik unseres Bereichs zu tun“, sagt sie. So habe man über neue Wege nach­denken müssen.

Gibt es im Zug der Digitalisierung weitere Einnahmemöglickeiten? Könnten etwa Universitäten und die Hochschulen der angewandten Fächer „digitale Beiboote aussetzen“ (Forstbauer)? Könnten also die Hochschulen im Land Angebote auf den boomenden und lukrativen Markt der Fernstudiengänge im Internet initiieren und ausbauen? Ministerin Bauer sieht hier „gute Chancen“ – und erhofft sich zugleich „eine Qualitätssteigerung bei den Online-Studiengängen“.

Hochschulen dürfen „keine besseren Oberstufen sein“

Hochschulen dürfen „keine besseren Oberstufen sein“

Grundsätzlich wollen Bauer und Olschowski die hohen Qualitätsstandards des Hochschulstandorts Baden-Württemberg sichern und, wann immer möglich, verbessern. Die Hochschulen sollen „keine besseren Oberstufen sein“. „Wir wollen nicht, dass nur nach Noten und nach Punkten studiert wird“, sagt Bauer, „wir wollen, dass neben dem Know-how auch die Fähigkeit vermittelt wird, selber Dinge neu zu denken und ins Unbekannte vorzustoßen.“

Dass der Bologna-Prozess mit der Umstellung von Diplom- und Magister- auf Bachelor- und Masterabschlüsse dies beeinträchtigt oder gar verhindert, sieht Bauer nicht. „Man kann innerhalb von Bologna auch jetzt schon freier agieren.“ Im Gespräch mit Rektoren will sie erörtern, wie man die Freiräume, in denen experimentiert werden kann, ausweiten könne. Für Bauer geht es auch darum, die Menschen zu befähigen, sich permanent zu erneuern, um den Herausforderungen der nächsten Jahre begegnen zu können. Innovationen seien nicht das Ergebnis eines Genies, das allein in seinem Labor tüftle, sagt sie: „Neue Ideen, neue Verfahren, neue Produkte sind Ergebnisse von Kooperation, oft von Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Perspektiven.“ Deswegen wirbt die Ministerin für mehr Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und ­Forschung auf der einen und der Wirtschaft und anderen Bereichen der Gesellschaft auf der anderen Seite. Und deshalb auch treibt Staatssekretärin Olschowski die Weiterentwicklung des Kunstgebäudes in Stuttgart zu einem spartenübergreifenden Kunstforum voran.

Gründerkultur nutzt Kernbegriffe der Kunst

Und wie eng ist die Verzahnung mit der Kunst bisher? Staatssekretärin Olschowski, Quereinsteigerin in der Politik und bis vor wenigen Monaten noch Rektorin der Kunstakademie in Stuttgart, hat darauf eine klare Antwort. „Alles, was mit der Gründerkultur zusammenhängt – die Kreativität, der Mut zur Selbstständigkeit, die Beweglichkeit, die Innovationen – sind Kernbegriffe der Kunst.“ Sie sei „absolut überzeugt“, dass es wichtige Impulse gebe, die wechselseitig von den einzelnen Bereichen hin- und hergehen können. So gebe es zum Beispiel bereits ein Forschungsprojekt der Akademie Schloss Solitude und der Bosch GmbH zum Thema Wimmelforschung. Dabei geht es darum, die Abläufe zu ergründen, die zu kreativen Prozessen führen, ob es Vergleichbares gibt und was man voneinander lernen kann.

Und die Digitalisierung? „Spielt gerade bei der Vermittlung von Kunst und Kultur. eine entscheidende Rolle“, sagt Petra Olschowski. Das Problem, dass einkommensschwächere Menschen „nicht in dem Maße an Kultur teilhaben können wie andere“, ­löse sich aber auch mit der Digitalisierung nicht, sagt ­Olschowski – und ergänzt: „Dazu brauchen wir andere Instrumente.“

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