Ihre CDU hat Susanne Eisenmann (Mitte) bereits überzeugt – hier nach ihrer Kür zur Spitzenkandidatin Ende Juli in Heilbronn. Doch gelingt ihr das auch bei den Wählern? Foto: Thomas Kienzle/dpa/Thomas Kienzle

Baden-Württembergs Christdemokraten suchen zunehmend verzweifelt nach einem Kraut gegen Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Gerät jetzt Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann in die Kritik?

Stuttgart - Vergnüglich dürfte es nicht werden, wenn die CDU-Landtagsfraktion an diesem Dienstag den Tagesordnungspunkt 1 abhandelt. Dieser lautet „aktuelle politische Lage“, und das heißt für die CDU seit Jahren: Wo, bitte, geht’s zum Aufstieg? Seit „Stuttgarter Zeitung“ und SWR am vergangenen Donnerstag die Erkenntnis von Infratest Dimap veröffentlicht haben, wonach die Grünen den Christdemokraten regelrecht davoneilen (38 gegenüber 26 Prozent), hat sich die Lage noch verschärft. Denn jeder Abgeordnete rechnet: Reicht es für meine Wiederwahl?

Schon Mitte Juni hat das Berliner Analyseportal „wahlkreisprognose.de“ auf Grundlage damaliger Umfragen für die Südwest-CDU ermittelt, dass die Partei nur noch auf vier der 70 Direktmandate kommt, der Rest geht an die Grünen. Die Bilanz des Portals, das wegen seiner Treffsicherheit von Politikern sehr Ernst genommen wird, dürfte mittlerweile noch düsterer ausfallen.

Ab jetzt nur aufwärts?

Dennoch lässt sich anderthalb Jahre vor dem Urnengang niemand zum Defätismus hinreißen. Eher werden trotzige als verzagte Stimmen laut. „Für mich hat mit der Umfrage der Wahlkampf begonnen“, sagt etwa der Kirchheimer CDU-Abgeordnete Karl Zimmermann. Jetzt dürfe man auch auf Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dessen Bilanz dürftig ausfalle, keine Rücksicht mehr nehmen. „Momentaufnahmen“ seien die Werte, beschwichtigte am Samstag Agrarminister Peter Hauk in Karlsruhe, wo ihn die CDU Nordbaden mit 93,7 Prozent als Bezirkschef bestätigte. Andere rechnen vor, dass das gute Abschneiden der Grünen viel mit dem Zeitpunkt der Klimaschutzdiskussion zu tun habe: Auch viele SPD- und Nichtwähler hätten sich zu den Grünen bekannt, die CDU hingegen sei auf ihren Sockel reduziert. Von da könne es nur aufwärts gehen.

Dennoch muss es die Parteispitze kalt erwischt haben. Mit Verwunderung nahm man an der Basis zur Kenntnis, dass sich weder der Landesvorsitzende Thomas Strobl noch die Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann zu einem Kommentar durchrangen. Von der allenthalben als „taff“ beschriebene Kultusministerin hätte man erwartet, dass sie den Stier bei den Hörnern packt.

Strobls Genugtuung

Strobls Zurückhaltung dürfte auch mit einer gewissen persönlichen Genugtuung über das Abschneiden von Eisenmann zu tun haben, die ihn robust von der Spitzenkandidatur verdrängt hat. Jetzt sehe man auch im Eisenmann-Fanclub, dass es nicht so einfach werde, heißt es grimmig im Strobl-Lager. Kritik an ihr ist in der Partei allerdings nicht zu hören – sie habe sich ja noch kaum warmlaufen können, heißt es. Ob ihre Freundschaft mit der CDU-Landtagsfraktion trägt, wird sich zeigen. „Irgendwann wird sie liefern müssen“, sagt ein Abgeordneter.

Und die Koalition? Das sprichwörtliche „Gönnen können“ wird bei Grün-Schwarz immer seltener werden, da sind sich Beobachter einig. Fast täglich kommt es zum Fingerhakeln – ob wegen der Landarztquote, wegen des Klimafonds oder wegen des Haushalts. Sie habe Hunderte Lehrerdeputate mehr zur Verfügung, wenn sie bei den Gemeinschaftsschulen denselben Klassenteiler anlege wie bei anderen, soll Eisenmann in der Haushaltskommission vorgeschlagen haben – gefolgt von einer erzürnten Gegenrede der Grünen-Finanzpolitikerin Thekla Walker.

Manche fordern, mit Kretschmann robuster umzugehen. Doch davon rät die Fraktionsspitze ab: „Die CDU muss vor allem klare eigene Positionen besetzen und Lösungen für die Zukunft aufzeigen“, sagt Fraktionsvize Nicole Razavi.

Deutschland-Koalition

Doch was, wenn gegen ihn gar kein Kraut gewachsen ist? Taucht dann wieder die Vision auf, den überlebensgroßen Regierungschef abzuservieren, indem man die Koalition wechselt? Eine Handvoll CDU-Männer wirbt dafür. Auch die FDP stünde bereit. „Die Regierung wackelt“, befand FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke zuletzt Ende Juli: „Sollte sie zerbrechen, sind wir bereit, über eine Deutschland-Koalition zu reden, falls uns Frau Eisenmann zu Gesprächen einladen würde.“ Ob sich die SPD dazu hergäbe, ist angesichts ihrer Berliner Koalitionsunlust aber fraglich. Auch in der CDU überwiegen die Bedenken: „Dafür fehlt uns die Power.“ Schließlich müsse man das den Wählern erklären. „Das wäre Meuchelmord und würde uns über Jahre noch tiefer ziehen“, ist etwa der Abgeordnete Paul Nemeth überzeugt. Die Devise lautet also: Zähne zusammenbeißen, weitermachen.

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