Sprinterin Gina Lückenkemper ist die Frontfrau der deutschen Leichtathletik. Foto: dpa

In Nürnberg werden die deutschen Meister ermittelt, in Berlin steht die Heim-EM bevor: Die Leichtathleten sehen sich im Aufwind – auch dank der WM-Blamage der DFB-Kicker und einer Sportlerin, die gerne an Batterien leckt.

Stuttgart - Picasso muss sich gedulden. In der Nähe von Soest steht der Rappe im Stall und bekommt das Heu nur hin und wieder von seiner Besitzerin. Zwar schaut Gina Lückenkemper so oft wie möglich vorbei – „Hallo sagen, streicheln, striegeln, manchmal reiten“. Doch muss sie die Pflege ihres Pferdes nun noch öfter als sonst einer guten Freundin überlassen. Denn für die 21 Jahre alte Sprinterinvon Bayer 04 Leverkusen beginnen die wichtigsten Wochen des Jahres.

Im Nürnberger Max-Morlock-Stadion werden an diesem Wochenende die deutschen Leichtathletik-Meister ermittelt – nicht nur für die Titelverteidigerin über 100 Meter ist es die Generalprobe für den Saisonhöhepunkt gut zwei Wochen später: Dann startet in Berlin die Europameisterschaft (7. bis 12. August), die größte Sportveranstaltung in Deutschland in diesem Jahr, zu der 300 000 Zuschauer erwartet werden. „Die Vorfreude ist riesig“, sagt Gina Lückenkemper: „Nur wenige Athleten haben die Chance, bei einer großen Meisterschaft im eigenen Land zu starten. Ich wünsche mir, dass die EM eine große Leichtathletik-Party wird.“

Die Erinnerungen an Stuttgart sind noch immer sehr präsent

Als Referenzgrößen beim Thema Stimmung gelten bis heute die EM 1986 und die WM 1993 in Stuttgart, zwei legendäre Titelkämpfe, die aus der Landeshauptstadt vorübergehend die Weltmetropole der Leichtathletik gemacht haben. Es war die Zeit, in der noch fast jedes größere Stadion in Deutschland eine Laufbahn besaß und nicht nur Welt- und ­Europameisterschaften, sondern auch viele Meetings im Fernsehen übertragen wurden. Inzwischen taugt nur noch das Berliner Olympiastadion für eine internationale Meisterschaft. In allen anderen Arenen sitzen die Zuschauer längst bis hin zum Rasen, um noch dichter dran zu sein, wenn der Fußball rollt.

An der Übermacht des Fußballs und seiner medialen 24/7-Begleitung liegt es, dass die Leichtathletik (und mit ihr der gesamte olympische Sport) in der öffentlichen Wahrnehmung zur Randsportart verkümmert ist. Am Fußball liegt es aber auch, dass die Läufer, Springer und Werfer nun erstmals wieder die Chance wittern, ein wenig aus dem Schatten zu treten. „Wer in diesem Sommer international erfolgreiche deutsche Sportler sehen will, der muss zur Leichtathletik gehen“, sagt Jürgen Kessing, seit vergangenem November Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV).

Die Fußballfans sind enttäuscht – profitiert davon die Leichtathletik?

Das blamable Auftreten der deutschen Nationalkicker bei der WM in Russland und die vielen Misstöne im Nachgang haben enttäuschte und irritierte Anhänger hinterlassen. Sie werden nun zwar nicht ihre Dauerkarten zerreißen und sich plötzlich in glühende Hammerwurf-Fans verwandeln. Doch fällt das WM-Desaster auch noch mitten in eine Zeit, in der immer mehr Sportfreunde im Land dem Profifußball und seiner totalen Kommerzialisierung kritisch gegenüberstehen und sich teilweise sogar abwenden.

„Möglicherweise wird die WM in Russland mal der Knackpunkt für den Fußball in Deutschland“, sagte DLV-Chef Kessing der „Heilbronner Stimme“: „Fußball ist bei uns weniger Sport, vielmehr Entertainment, fast nur noch Kommerz. Das spüren die Menschen. Ob das zu reparieren ist, zeigt die Zukunft. Das ist die Chance für andere Sportarten, in denen Athleten authentischer rüberkommen.“

Gina Lückenkemper: Mal Honigkuchenpferd, mal Kampfschwein

Es sind Athleten wie Hindernisläuferin Gesa Krause, Speerwerfer Johannes Vetter, Hochspringer Mateusz Przybylko – oder eben die lebenslustige Sprinterin Gina Lückenkemper. Mit ihrer Mischung aus Unbekümmertheit („Ich bin ein Honigkuchenpferd“) und Ehrgeiz („Ich bin ein Kampfschwein“) ist sie zum Gesicht der deutschen Leichtathletik geworden. Als erste DLV-Frau seit Katrin Krabbe (1991) lief Lückenkemper bei der WM 2017 in London die 100 Meter in weniger als elf Sekunden (10,95). Anschließend erfreute sie das TV-Publikum mit der Preisgabe ihres Erfolgsgeheimnisses: Vor dem Start, so berichtete sie, lecke sie gerne an einer Batterie, um auf Touren zu kommen.

Für die deutschen Leichtathleten zählen nicht allein Medaillen

Nicht als Belastung, sondern als „große Ehre“ empfindet Lückenkemper ihre Rolle als Frontfrau – und nutzt seit Wochen jede Gelegenheit, um die Werbetrommel zu rühren. Kaum einen Interviewwunsch ließ sie unerfüllt auf ihrer Mission, die Leichtathletik in den Mittelpunkt zu rücken. „Die Heim-EM ist für uns eine tolle Bühne und die beste Werbung“, sagt Lückenkemper: „Es geht nicht nur um ein erfolgreiches Abschneiden, sondern auch darum, wie wir uns präsentieren: als faires und intaktes Team.“ Noch so eine Steilvorlage aus Russland, wo sich die deutschen Kicker untereinander nicht grün gewesen sein sollen und zwei DFB-Mitarbeiter die unterlegenen Schweden mit höhnischen Jubelgesten verärgerten.

Die Leichathleten wollen es in jeder Beziehung besser als die Fußballer machen. Und sie wissen: Die Messlatte liegt neuerdings sehr niedrig.

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