Die zeitliche Belastung wird enorm hoch sein: Jürgen Kessing, OB von Bietigheim-Bissingen, will trotzdem neuer Präsident der deutschen Leichtathleten werden. Foto: dpa

Zusätzliche Aufgabe für den Bürgermeister von Bietigheim-Bissingen: Jürgen Kessing wird neuer Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Vor ihm liegt eine Strecke voller Hürden.

Bietigheim-Bissingen - Jede Laufbahn beginnt mit dem ersten Schritt. Bei Sportlern. Bei Funktionären. Und sogar bei Präsidenten. Jürgen Kessing (60) wird, wenn nichts schief geht, an diesem Samstag in Darmstadt zum neuen Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gewählt. Vor dem ehemaligen Mehrkämpfer liegt eine Strecke mit hohen Hürden. Und das nicht allein, weil der SPD-Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen in große Fußstapfen tritt.

Clemens Prokop ist nicht nur seit knapp 17 Jahren der DLV-Boss, sondern auch einer der profiliertesten Sportfunktionäre in Deutschland. Weil er einen Verband führt, der sich sportlich („Wir sind die Nummer eins in Europa“) und wirtschaftlich („Finanziell ging es dem DLV nie besser“) bestens aufgestellt sieht. Vor allem aber, weil er Klartext spricht. Gegenüber Politikern. Und auch gegenüber Funktionärskollegen, die es mit dem Kampf gegen den Betrug nicht ganz so genau nehmen. „Wir haben uns, wenn es darum ging, sportpolitisch klare Kante zu zeigen, als Verband noch mal weiterentwickelt“, erklärt Prokop, „und wir sind beim Thema Anti-Doping Meinungsführer im deutschen Sport.“

Was Prokop nicht sagt: Er hofft darauf, dass die Stimme des DLV-Präsidenten auch in Zukunft Gewicht hat. Sicher ist das allerdings nicht – weil man sich eine derartige Stellung hart erarbeiten muss.

Allein 2017 hatte Prokop an 140 Tagen Leichtathletik-Termine, 88 Flüge absolvierte der Präsident der „Höher, schneller, weiter“-Sparte des Sports – trotz, wie er sagt, „effizienter Planung“. Prokop ist Direktor des Amtsgerichts Regensburg, er kann sich seine Zeit relativ gut einteilen, an Wochenenden hat er zumeist frei. Im Gegensatz zum Oberbürgermeister einer prosperierenden Stadt mit 43 000 Einwohnern. Dennoch glaubt Kessing, der Terminflut standhalten zu können – egal, ob es sich um Sportveranstaltungen, Verbandssitzungen, Ehrungen, Sponsorengespräche oder Medienanfragen handelt. „Viele Termine sind am Wochenende und in den Ferien“, sagt er, „der DLV hat hauptamtliche Mitarbeiter und Vizepräsidenten, die mich unterstützen. Ich muss nicht alles machen. Der Job ist für mich zeitlich möglich.“

Unter Jürgen Kessing hat sich Bietigheim zur Sportstadt entwickelt

Es gibt in Bietigheim-Bissingen den einen oder anderen politischen Gegner des SPD-Mannes, der das anders sieht. Und auch die Leichtathletik ist nicht frei von Zweiflern. Sie argumentieren, dass Kessing 2017 bei kaum einer hochkarätigen Veranstaltung vor Ort war. Dass er sich zum Thema Doping bisher sehr zurückhaltend äußert („Ein Dauerthema, das wieder aufflackert“). Und dass er bei der Trunkenheitsfahrt mit 1,17 Promille im Juni nicht nur seinen Führerschein verlor, sondern auch Glaubwürdigkeit – zumindest, wenn es darum geht, von Athleten sauberen und fairen Sport zu verlangen. Es gibt aber nicht nur Zweifler. Sondern auch Leute, die Kessing für den genau richtigen Mann halten.

Zu ihnen gehört Jürgen Scholz. Der Präsident des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes hatte die Idee, Jürgen Kessing anzusprechen. Einen früheren Athleten und A-Lizenz-Trainer zwar, aber doch auch einen Quereinsteiger mit neuen Ideen, der als sehr kommunikativ gilt und großen Anteil daran hat, dass Bietigheim zur Sportstadt wurde. „Er ist ein erfahrener Kommunalpolitiker“, sagt Scholz über den Mann, der früher auch schon als Kandidat für die Chefsessel im Stuttgarter Rathaus und beim VfB im Gespräch war, „und zudem ist Jürgen Kessing ein Pragmatiker. Er entscheidet oft aus dem Bauch heraus, das kann uns als Verband gut tun.“ Weil es das Kontrastprogramm ist zu Clemens Prokop, dem Juristen und Kopfmensch.

Die Athleten erwarten, dass der neue Präsident im Kampf gegen Doping Stellung bezieht

Die Athleten sind gespannt, ob da einer antritt, der nach dem Startschuss am Samstag das Tempo hoch halten kann. Felix Franz ist einer der besten deutschen 400-Meter-Läufer. Er kommt aus Bietigheim, kennt Kessing als sportbegeisterten Oberbürgermeister. Und ist überzeugt von ihm. „Er ist der Richtige für den Job“, sagt Franz, „aber er muss sich auf einiges gefasst machen.“ Weil die Leistungssportreform das Leben der Athleten nicht erleichtert habe. Weil ein DLV-Chef auftreten müsse wie ein gewiefter Politiker. Und weil das Thema Doping aktueller denn je sei. „Da muss er klar Stellung beziehen“, fordert Franz, „und das nicht nur im Fall Russland.“

Kessing weiß also, was auf ihn zukommt. Als OB. Und als DLV-Boss. „Ich gebe weiterhin vollen Einsatz für Bietigheim-Bissingen. Brot und Butter verdiene ich im Hauptberuf“, sagt er, „als Leichtathletik-Präsident kandidiere ich, weil ich dem Sport, mit dem ich groß geworden bin und der mich sozialisiert hat, etwas zurückgeben möchte.“ Schritt für Schritt. Auch wenn die Strecke voller Hürden ist.

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