Speerwürfe auf mehr als 90 Meter sind für Weltmeister Johannes Vetter Standard geworden. Foto: AP

Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter spricht über seine Leistungsexplosion in den vergangenen Jahren, die Heim-EM in Berlin – und Würfe auf mehr als 100 Meter.

Stuttgart - Johannes Vetter ist der Star der deutschen Leichtathletik. Der 25-Jährige freut sich über seine neue Popularität – auch beim Besuch in Offenburger Schuhgeschäften.

Herr Vetter, die neue Speerwurf-Saison hat mit einem fulminanten Wettkampf in Doha begonnen. Sie haben 91,56 Meter weit geworfen – und sind trotzdem Zweiter hinter Thomas Röhler (91,78) geworden. Zufrieden oder enttäuscht?
Es war ein sehr guter Start. Ich denke aber nicht, dass ich einen perfekten Wurf hatte. Der kommt noch.
Wie sieht der perfekte Wurf aus? Wo sind die Grenzen?
Ich sehe gar keine Grenzen. Ich habe mich in den vergangenen drei Jahren um 15 Meter gesteigert. Das heißt: Wenn ich noch zehn Jahre weiterwerfe, wären das so ungefähr 140 Meter (lacht).
Der Weltrekord des Tschechen Jan Zelezny aus dem Jahr 1996 liegt bei 98,48 Meter und galt lange als Marke für die Ewigkeit. Muss sich Zelezny Sorgen machen?
Ich denke schon. Ich bin mir ziemlich sicher. Ich habe noch sehr gut meinen Wettbewerb in Luzern im vergangenen Jahr im Kopf, als ich deutschen Rekord (94,44 Meter, Anm. d. Red.) warf. Da ging überhaupt kein Wind. Und ich weiß auch, unter welchen Bedingungen Jan Zelesni damals in Jena seinen Weltrekord erzielte – mit sehr guten Rückenwindverhältnissen. Das zeigt mir, dass es bei mir noch viel weiter gehen kann.
Würfe über 90 Meter sind bei Ihnen Standard geworden . . .
. . . das ist ja das Schlimme. Alle messen mich an den 94 Metern von Luzern und wollen immer noch mehr. Dabei gibt es auf der Welt nicht viele, die, sagen wir, 87 Meter weit werfen können. Wenn ich das vor drei, vier Jahren geschafft hätte, hätten die Leute noch gesagt: Hey, Vetter, geil, das hätten wir dir niemals zugetraut. Ich selbst übrigens auch nicht.
Welche Erklärung haben Sie für die Leistungsexplosion in den vergangenen Jahren?
Mein Wechsel von Dresden nach Offenburg zu Boris Obergföll vor drei Jahren hat für mich alles verändert. Es war eine 180-Grad-Drehung in meinem Leben. Anfangs war es eine harte Zeit. Plötzlich waren meine Freunde und meine Familie weit weg, ich saß erstmal ganz alleine da.
Und dann?
Schon nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, wie sehr mich dieser Schritt nach vorne bringt. Auch wenn ich in meinem Leben nie mehr weiter als 94 Meter werfen sollte, würde ich trotzdem immer sagen: Das war die beste Entscheidung meines Lebens.
Was ist das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit mit Boris Obergföll?
Ich habe jeden Tag Bock aufs Training, weil Boris da ist. Er weiß genau, was ich brauche. Manchmal habe ich das Gefühl, er kennt mich besser als ich mich selbst. Er weiß, dass ich kein Mann für halbe Sachen bin, sondern immer aufs Ganze gehe. Das fördert er immens.
Auf welche Weise?
Indem wir die Dinge permanent perfektionieren. Es ist Wahnsinn, was wir schon jetzt rausgeholt haben – mit vielen kleinen Veränderungen im Training, mit der Optimierung der Ernährung, der medizinischen Betreuung und vielen anderen Dingen. Ich habe in Dresden früher mehr trainiert – aber jetzt arbeite ich viel effektiver. Ich finde es interessant zu sehen, was in einem Körper alles drinsteckt. Und ich weiß, dass ich immer noch Reserven habe.
Ihre größte Konkurrenz kommt aus dem eigenen Land. Warum sind die deutschen Speerwerfer so stark?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen denke ich, dass wir im Bereich Forschung und Wissenschaft ganz vorne sind. Wir arbeiten intensiv mit dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig und machen regelmäßig biomechanische Auswertungen. Zudem haben wir einfach Glück, dass gerade viele talentierte junge Leute den Speer weit werfen können und gute Heimtrainer an ihren Stützpunkten haben. Und schließlich pushen wir uns gegenseitig und haben einen sehr kameradschaftlichen Umgang.
Geht das überhaupt in einer Individualsportart wie Speerwerfen? Sie sind Konkurrenten und ganz unterschiedliche Typen.
Auf Zickenkrieg haben wir alle keinen Bock. Wir wissen: wenn das Team funktioniert, profitieren wir alle davon. Wir sind ja bei Wettkämpfen auch häufig gemeinsam auf dem Zimmer und trinken hinterher ein Bier. Egal, wer gewonnen hat.
Weltmeister sind im vergangenen Jahr Sie geworden. Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?
Sehr positiv. Ich sammle auch außerhalb des Sports enorm viele Erfahrungen, die mir keiner mehr nimmt. Ich habe Philipp Lahm in Berlin kennengelernt, ich war in der Fernsehshow von Luke Modridge, ich werde oft zu Veranstaltungen eingeladen. Das macht Spaß, das ist sehr motivierend.
Trotzdem spielen Sie in der Öffentlichkeit neben König Fußball nur eine kleine Nebenrolle. Finden Sie das ungerecht?
Ich frage mich schon manchmal, ob ich samstags im Fernsehen unbedingt einem Viertligisten beim Kicken zuschauen muss. Bei uns werden ja auch keine Speerwerfer gezeigt, die 50 Meter weit werfen. Es liegt an den öffentliche-rechtlichen Fernsehanstalten. Die haben einen Bildungsauftrag – und der besteht nicht darin, nur Fußball zu zeigen. Im Vergleich zu anderen Disziplinen geht es uns aber immer noch gut.
Auch finanziell?
Ich will mich nicht beschweren. Zwar bekommen viele Fußballer in einem halben Jahr das, was ich in meiner gesamten Leistungssportkarriere verdiene. Aber ich komme seit dem WM-Titel gut über die Runden. Viel bitterer ist es doch für andere Weltmeister oder Olympiasieger, deren Disziplinen eine noch viel kleinere Rolle spielen als die Leichtathletik.
Sie bekommen also die Wertschätzung, die einem Leichtathletik-Weltmeister zusteht?
Ich finde schon. Ich muss mich ja auch nicht vor dem Brandenburger Tor feiern lassen wie die Fußballer. Mir reicht es, wenn ich in Offenburg durch die Straßen schlendere und merke, dass die Leute über mich tuscheln. Oder wenn die Schuhverkäuferin ein Bild mit mir machen will.
Wie sehr kann die EM in Berlin dazu beitragen, die Leichtathletik wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu bringen?
Ich habe große Hoffnungen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Ich glaube, die Organisatoren rühren ordentlich die Werbetrommel , sie sind sehr kreativ und innovativ. Über viele Kleinigkeiten versuchen sie, die Leute ins Stadion zu holen. Das wird gelingen. Die EM wird geil.
Gibt es für Sie ein anderes Ziel als den Titel?
Ich bin amtierender Weltmeister, deutscher Rekordhalter – alle erwarten von mir, dass ich die Goldmedaille gewinne. Ich selbst natürlich auch.
Das bedeutet maximalen Druck.
Das war bei der WM in London nicht anders. Nebenbei lag meine Mutter schwerkrank im Krankenhaus und wurde am Kopf operiert. Irgendwie ging es dann aber doch. Du versuchst, alles auszublenden und dich auf das zu konzentrieren, was du in deinem Leben am besten kannst: Anlaufen, draufhauen, fertig. Am besten gleich im ersten Versuch, damit den anderen die Kinnlade runterfällt. So versuche ich es diesmal auch wieder.
Und wenn es nicht klappt?
Dann werden es die Leute nicht verstehen und enttäuscht sagen: Was war denn mit dem Vetter los? Der war doch der große Favorit. Auch ich wäre enttäuscht. Gleichzeitig weiß ich aber, dass ich auch mal ein Scheißtag haben kann. Das Leben wird auch dann weitergehen.
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