Muffins sollten weder bei Kindern noch bei Erwachsenen täglich auf dem Speiseplan stehen. Zu besonderen Anlässen ist nichts gegen ein Küchlein einzuwenden. Foto: mauritius images / Westend61 / HalfPoint

Immer mehr Eltern ernähren ihre Kinder laktosefrei, zuckerfrei, vegan oder glutenfrei. Ohne die fundierte Diagnose eines Facharzts kann das allerdings zu erheblichen Störungen führen.

Stuttgart - In Friedrichs Welt gibt es nur Vanilleeis. Schokoladeneis? Bananeneis? Diese Sorten existieren für den Dreijährigen nicht. Im Grunde genommen ist Vanilleeis für ihn schon so etwas wie eine Offenbarung: Friedrichs Mutter Ina (Namen geändert) hat ihren Sohn zweieinhalb Jahre lang so gut wie zuckerfrei ernährt. Gefriergetrocknete Erdbeeren waren das Höchste der Gefühle. Dann kam der Kindergarten. Und mit ihm die Kindergeburtstage.

„Hatte eines der Kinder Muffins dabei, hat Friedrich gleich gesagt, dass er keinen Hunger hat“, sagt Ina. Der Kleine hatte die Regeln seiner Mutter so verinnerlicht, dass er von sich aus auf die Küchlein verzichtete, um nichts Falsches zu machen. „Für ihn war das schon sehr schlimm – er hat unter der Ausgrenzung gelitten“, sagt Ina. Also fing sie an, kleine Zugeständnisse zu machen, Zucker in den Ernährungsalltag ihres Sohns zu integrieren. Ihm mal ein Stück Kuchen zu geben am Geburtstag. Eine Kugel Vanilleeis zuzugestehen an einem warmen Sommertag.

Laktosefrei, zuckerfrei, vegan, glutenfrei: Bei der Ernährung ihrer Kinder verzichten immer mehr Eltern auf bestimmte Lebensmittel oder Inhaltsstoffe. Der Verband der auf Magen-Darm-Krankheiten spezialisierten Kinderärzte spricht bereits von einem „Diäten-Hype“: „Es gibt sinnvolle Diäten und es gibt Diäten, die sind rein mystisch“, sagt Michael Melter von der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE) . Er warnt: Einschneidende Ernährungsumstellungen – wie eine glutenfreie Kost oder das Weglassen bestimmter Zuckerarten – könnten ohne die fundierte Diagnose durch einen Facharzt zu erheblichen Störungen bei Kindern führen.

Sogenannte „frei von“-Produkte sind nicht gesünder als normale Lebensmittel

Denn egal, ob es sich um Zucker, Milch-, Weizen- oder Tiereiweißprodukte handelt: Der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel ist nur selten sinnvoll. Gesünder als normale Lebensmittel sind sogenannte „frei von“-Produkte nicht, bestätigt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Dafür seien die Alternativerzeugnisse meist um ein Vielfaches teurer.

Abgesehen davon können Bauchprobleme wie Bauchweh, Verstopfung, Durchfall oder Übelkeit bei Kindern vielfältige Ursachen haben – sie werden nicht zwangsweise von bestimmten Speisen verursacht. Stress kann eine Rolle spielen, der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit – zum Beispiel nach der Scheidung der Eltern – und auch normale Verdauungsstörungen, wie sie Erwachsene haben, können bei Kindern vorkommen.

Dass dennoch viele Eltern Diätversuche unternehmen, ihre Kinder etwa von Milch- oder Weizenprodukten fernhalten, erlebt Axel Enninger regelmäßig in seiner Praxis. „Das ist mittlerweile ein häufiges und in der Tat auch bei uns zunehmendes Problem“, sagt der Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendmedizin am Olgahospital Stuttgart.

Es spreche nichts dagegen, bestimmte Diätversuche zu unternehmen, um herauszufinden, ob es dem Kind besser geht ohne ein Lebensmittel: Eine laktosefreie Ernährung etwa, sagt Enninger, könne man – gezielt und für einen bestimmten Zeitraum – schon einmal ausprobieren. „Wichtig ist aber, dass man das begrenzt macht“, sagt Enninger. Dass man dem Kind nicht eine Einschränkung nach der anderen auferlegt, „sodass es irgendwann nur noch Karotten und Kartoffeln isst.“

Für Kinder sind Ernährungstrends nicht einfach zu handhaben

Auf keinen Fall solle das Kind durch die Diätversuche Nährstoffdefizite erleiden. Diese können körperliche wie auch geistige Beeinträchtigungen nach sich ziehen – etwa als Folge eines Vitamin-B-12-Mangels aufgrund einer veganen Kost ohne die nötige B-12-Supplementierung. Dass es dazu kommt, kann Enninger aber durchaus verstehen. „Die Eltern meinen es gut“, sagt er. „Sie sind verzweifelt, wenn ihr Kind Bauchprobleme hat und probieren alles Mögliche aus.“

Eltern, die vermuten, dass ihr Kind kein Gluten verträgt, sollten jedoch lieber direkt zum Arzt gehen statt selbst auszuprobieren, ob der Verzicht auf Lebensmittel wie Nudeln oder Brot die Symptome verringert. „Da bei einer glutenfreien Ernährung nach einiger Zeit die Antikörper im Blut verschwinden, erschwert der Verzicht die Diagnostik einer Zöliakie, also einer Glutenunverträglichkeit“, erklärt Enninger. Neben den physischen Mangelerscheinungen sieht er eine weitere Gefahr für Kinder, die bestimmte Produkte nicht essen dürfen: „Sie verlieren den Spaß am Essen und verlernen dabei einen normalen Zugang zu Lebensmitteln.“

Dieses Problem sieht auch Jana Rückert-John, Professorin zum Thema Soziologie des Essens an der Hochschule Fulda. „Es gibt derzeit einen Hype um das Thema Essen und Ernährung“, sagt Rückert-John. Ihre Erklärung: Ernährungstrends wie die vegane Kost oder die Steinzeitdiät– auch unter dem Stichwort Paleo bekannt – basieren auf dem Prinzip der Reduktion. „Das Weglassen von Nahrungsmitteln verspricht einen Ausweg aus der zunehmenden Komplexität unserer modernen Gesellschaft, dem überbordenden Lebensmittelangebot “, sagt Rückert-John.

„Kinder sind häufig überfordert“

Für Kinder seien diese Ernährungstrends jedoch nicht einfach zu handhaben – gerade, wenn es – wie bei dem dreijährigen Friedrich – zu Ausgrenzungsmomenten kommt; das Kind zum Beispiel die Geburtstagsmuffins seines besten Freundes oder der besten Freundin im Kindergarten nicht essen darf.

Die Kinder, erklärt Rückert-John, stehen in solchen Fällen zwischen zwei Fronten: Einerseits wollen sie Anerkennung von gleichaltrigen Kindern erfahren, andererseits ist ihnen aber auch die Bindung zu den Eltern wichtig, die ihnen die Ernährungsweise vorgeben. „Kinder sind häufig damit überfordert zu verstehen, dass zu Hause die Ernährungsweise eine ganz andere ist als die im Kindergarten“, sagt Rückert-John. „Und diese dann auch gegenüber Gleichaltrigen zu verteidigen.“

Ernährungsforscher machen sich mittlerweile auch über mögliche Langzeitfolgen Gedanken. Sie diskutieren, inwieweit solche Ernährungsformen für Kinder Einfallstore für pathologische Formen wie Magersucht oder Bulimie darstellen können. „Ob es dazu kommt, hängt aber sicher auch davon ab, wie lange und wie konsequent bestimmte Diäten praktiziert werden“, sagt Rückert-John.

Sie plädiert insgesamt für mehr Leichtigkeit im Umgang mit der Ernährung. „Es ist gut, dass sich die Menschen verstärkt damit auseinandersetzen, woher welches Lebensmittel stammt und was darin enthalten ist“, sagt die Ernährungssoziologin. Dabei sollte die Freude am Essen jedoch nicht verloren gehen: „Kindern beim Essen ein schlechtes Gewissen zu machen, ist nicht förderlich.“

Worauf Eltern bei der Ernährung achten können

Vielfalt ist das A und O für Axel Enninger, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendmedizin am Olgahospital Stuttgart: „Kinder sollten sich abwechslungsreich ernähren.“ Statt stark verarbeiteter Lebensmittel wie Fertigprodukte sollten Eltern lieber Obst und Gemüse in Rohform anbieten, rät er.

Bei gemeinsamen Mahlzeiten am Tisch können die Eltern als Vorbilder dienen. Zwischen den Mahlzeiten sollten Pausen eingehalten werden, sagt Enninger: „Viele Kinder haben kein gutes Gespür mehr dafür, ob sie hungrig oder satt sind.“

Süßigkeiten sollten Kinder nur in Maßen bekommen, sagt Enninger. Er empfiehlt höchstens eine Handvoll täglich – „bezogen auf die Hand des Kindes, versteht sich.“

Das Hauptgetränk für Kinder sollte – wie für Erwachsene – Wasser sein. Eine weitere Flüssigkeitsquelle sind ungezuckerte Tees.

Weitere Infos findet man auf der Webseite des Forschungsinstituts für Kinderernährung Dortmund unter www.fke-do.de sowie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) unter www.dge.de.

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