Typ-1-Diabetes Immer früher zuckerkrank

Von wa 

In  den ver­gangenen 20 Jahren hat sich der  Anteil der Kinder, die bei Ausbruch der Diabetes-Krankheit   noch nicht einmal vier Jahre alt sind, fast verdreifacht. Foto: dpa
In den ver­gangenen 20 Jahren hat sich der Anteil der Kinder, die bei Ausbruch der Diabetes-Krankheit noch nicht einmal vier Jahre alt sind, fast verdreifacht. Foto: dpa

Typ-1-Diabetes wird gehäuft bei Kleinkindern diagnostiziert – Ärzte suchen nach Möglichkeiten, die Früherkennung voranzutreiben. Während man im Osten Deutschlands auf Bluttests setzt, versucht man es in Stuttgart mit Früherkennung.

Stuttgart - Ständiger Durst, häufiges ­Wasserlassen, stete Müdigkeit und Gewichtsverlust – besser hätte der Zustand ihrer Tochter nicht beschrieben werden können. Das dachte sich die Mutter der vierjährigen Djuna, als sie kurz vor Weihnachten beim Gesundheitsamt zur Einschulungsuntersuchung saß und das Plakat sah, das im Wartezimmer hing: Strichmännchen, die aus der Flasche trinken, deren Hosen zu weit sind, solche, die nur schlafen wollen oder auf die Toilette rennen. Darüber der Satz: „Achten Sie auf die 4 Warnzeichen eines Diabetes?“ Im Sprechzimmer platzte ihr gleich heraus: „Ich glaube, meine Tochter ist ­zuckerkrank.“

Heute ist Djuna fünf Jahre alt und eine der rund 400 kleinen ­Patienten von dem Kinderarzt Martin Holder, dem Leitenden Oberarzt am Olgahospital des Klinikums Stuttgart. Seit Jahren betreut er Kinder und Jugendliche mit Diabetes. Und er war auch derjenige, der auf die Idee kam, in Arzt­praxen, Kindertagesstätten und Gesundheitsämtern Stuttgarts diese Plakate auf­zuhängen und Faltblätter zu verteilen, die besser informieren über die Stoffwechsel­erkrankung, über die so wenige Eltern ­Bescheid wissen und die doch eine der ­häufigsten Stoffwechselerkrankungen im Kindes- und Jugendalter ist. In Deutschland gibt es etwa 30 000 Betroffene.

Wie der Typ-1-Diabetes entsteht, ist von Wissenschaftlern noch nicht geklärt

„Auffällig ist, dass die Patienten immer jünger werden“, sagt Holder. In den ver­gangenen 20 Jahren hat sich der Anteil der Kinder, die bei Ausbruch der Krankheit noch nicht einmal vier Jahre alt sind, fast verdreifacht. Warum das so ist, können Fachärzte nur vermuten: „Man geht davon aus, dass der Typ 1 im Zusammenspiel erb­licher Anlagen und verschiedener Umweltfaktoren entsteht“, sagt Martin Holder. ­Derzeit wird untersucht, welchen Anteil ­etwa Infektionen, Nahrungsbestandteile oder andere Faktoren wie etwa Umweltbelastungen haben.

Während man beim Typ-2-Diabetes durchaus frühzeitig vorsorgen kann, dass die Krankheit nicht ausbricht – etwa indem man Übergewicht vermeidet, auf Sport und gesunde Ernährung achtet –, gibt es beim Typ-1-Diabetes keinerlei Präventionsmaßnahmen: Bei der Erkrankung richtet sich die Immunabwehr fälschlicherweise gegen körpereigene Zellen der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren. Nach und nach gehen sie zugrunde. Es wird dann weniger Insulin hergestellt, das den Blut­zuckerspiegel reguliert. „Bricht der Diabetes aus, steigt der Blutzuckerspiegel übermäßig an, besonders nach den Mahlzeiten und der Verdauung des Essens“, sagt Holder. Zucker wird über den Urin ausgeschieden – was zu dem typischen Durstgefühl und dem häufigen Wasserlassen führt. Gleichzeitig fehlt Zucker als Energielieferant im Körper, weshalb sich die Betroffenen schlapp fühlen und an Gewicht verlieren. So wie Djuna.

Blutzucker-Entgleisungen können zu einem lebensbedrohlichen Kollaps führen

Behandelt man das nicht, kommt es zu Organ- und Nervenschädigungen. Nicht selten entwickelt sich bei Betroffenen eine schwere Blutzucker-Entgleisung, was zu Kreislauf- und Bewusstseinsstörungen bis hin zum lebensbedrohlichen Kollaps führen kann. Das wollen die Ärzte mithilfe der Kampagne verhindern, die Holder 2014 zusammen mit Stefan Ehehalt vom Gesundheitsamt Stuttgart gestartet hat und die mit dem ­Leonard-Thompson-Gedächtnispreis der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie (AGPD) ausgezeichnet wurde. Dieser wird an wissenschaftliche Projekte vergeben, die zur Verbesserung der Versorgung von ­Kindern und Jugendlichen mit Diabetes beitragen. „Die Kampagne läuft sehr gut“, sagt Holder. Noch reichen die Zahlen nicht aus, um klar festzustellen, ob es gelungen ist, aufgrund der besseren Aufklärung auch die Schwere der diabetischen Stoffwechselentgleisungen zu senken. Weshalb die Kampagne um ein weiteres Jahr verlängert wird – und sich vielleicht zu einem Modell für ganz ­Baden-Württemberg ausweitet.

In Sachsen unterziehen Ärzte Neugeborene einem Bluttest

Während der Stuttgarter Kinderarzt auf Aufklärung setzt, gehen andere Diabetologen in Sachen Früherkennung schon einen Schritt weiter: Seit Herbst 2016 wird etwa in Sachsen allen Eltern im Rahmen der „Freder1k-Studie“ ein Screening auf eine möglichen Diabetes-Erkrankung angeboten. So kann man ­bereits Jahre vor Ausbruch der Krankheit ­sogenannte Inselautoantikörper im Blut nachweisen. Sie sind gegen Bestandteile der Insulin produzierenden Zellen gerichtet. Die Messung dieser Antikörper ermöglicht eine individuelle Einschätzung des Risikos. Bislang sind an der Dresdner Uniklinik 615 Neugeborene auf Risikogene für Diabetes getestet worden. Von diesen trugen 3,1 Prozent die Risikogene in sich. Im Herbst soll das Projekt auch auf andere Bundesländer sowie andere EU-Länder ausgeweitet werden.

Stuttgarter Experten stellen Bluttest-Screening infrage

Wie sinnvoll ein solches flächen­deckendes Screening ist, „muss man abwarten“, sagt Holder. Insbeson­dere, „ob durch das frühzeitige ­Wissen, dass das Kind Diabetes ­bekommen wird, auch wirklich die Rate der Stoffwechselentgleisungen gesenkt werden kann“. Auch sollten sich die Eltern schon vor dem Test im Klaren sein, wie sie mit einem solchen Befund um­gehen, so Holder. Aufhalten lässt sich die Krankheit deswegen nicht. Vielmehr könnte es dazu führen, dass manche der betroffenen Kinder überbehütet werden. „Die Eltern warten dann ­darauf, dass sich irgendein Symptom zeigt“, sagt Holder. Dabei sollten doch auch Kinder mit Diabetes so normal wie möglich aufwachsen.

Infos über Diabetes bei Kindern und Jugend­lichen gibt’s bei der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Diabetologie, diabeteskinder.de. Das Diabetes-Zentrum im Olga­hospital bietet Sprechstunden an: 07 11 / 27 87 27 20.

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