Brexit in Schottland Europas Geld ist ja doch nicht so übel

Von Knut Krohn 

Der Brexit rückt näher. Was bedeutet das für Schottland? In dem kleinen Städtchen Arbroath sehen selbst die Befürwortet des Austritts aus der EU diesen Schritt mit Skepsis.

Arbroath - Arbroath hat seine besten Tage hinter sich. In dem längst verfallenen Kloster wurde vor achthundert Jahren mit der Declaration of Arbroath ein Grundstein für die Unabhängigkeit Schottlands gelegt. Ende des 18. Jahrhunderts war die Gemeinde an der Ostküste der britischen Insel ein florierendes Zentrum der Textilindustrie, danach ein wichtiger Fischereistandort. Doch die Fischer sind abgewandert, gerade mal 18 Kutter machen in dem pittoresken Hafen fest und an die glorreiche Zeiten erinnern nur noch Ruinen und einige Messingtafeln. Geblieben sind diesem rauen Menschenschlag allerdings der Stolz und ein gewisser Hang zum Auflehnung gegen Obrigkeiten – egal ob aus London oder Brüssel.

Die schottischen Fischer sind für den Brexit

„Natürlich habe ich für den Brexit gestimmt“, sagt Duncan. Der Mann mit dem verwitterten Gesicht und wettergegerbten Händen arbeitet im Hafen von Arbroath. „Wir sind Fischer, wir sind alle gegen das, was die in Brüssel uns vorschreiben.“ Spanische Fangflotten würden hier oben am äußeren Zipfel Europas das Meer leerfischen, während sich die eigenen Fischer an „absurde Fangquoten“ halten müssten, klagt er im typisch schottischen Singsang. Er weiß, wo die Schuldigen an der Misere sitzen: in den Brüsseler Amtsstuben.

So richtig glücklich ist Duncan mit dem Ergebnis der Abstimmung vor zwei Jahren allerdings nicht. Sie sollte ein Denkzettel für die EU-Bürokraten werden, ein Lebenszeichen aus dem hohen Norden. Aber damit, dass die Mehrheit für den Brexit stimmt und Großbritannien nun tatsächlich austritt, hatte er dann doch nicht gerechnet. Schließlich geht es Schottland in der EU ziemlich gut. Trotz des Ärgers mit den Fischfangquoten strömt reichlich Geld aus Brüssel in die strukturschwache Region. In Zahlen heißt das: im Jahr 2016 flossen über 700 Millionen Pfund an direkten Strukturhilfen nach Schottland.

Hilfen für Schottland von der EU

In Arbroath wurde vor knapp zehn Jahren ein Teil des Industriehafens abgetrennt und zu einem Jachthafen umgebaut. Immer mehr Touristen steuern das 23 000-Seelen-Städtchen mit ihren Booten an. „Das war eine wirklich sehr gute Idee“, sagt Duncan zufrieden. Inzwischen hat sich um den Hafen eine kleine touristische Infrastruktur angesiedelt, mit einem schicken Café, einer Eisdiele und mehreren Geschäften, die allerlei Meeresgetier verkaufen – egal ob frisch, geräuchert oder als panierte Fish and Chips.

Abends im Pub diskutieren Duncan und seine Freunde inzwischen immer wieder eine andere Frage: Was passiert, wenn Schottland unbedingt in der EU bleiben will? Schließlich hat die Mehrheit der schottischen Wähler für den Verbleib des Landes in der EU gestimmt. Bricht dann Großbritannien auseinander? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt der Hafenarbeiter, klingt allerdings nicht sonderlich überzeugt. „Passieren kann vieles – ich habe ja auch nicht an den Brexit geglaubt.“

Ein Riss geht durch die Gesellschaft

Zwei Jahre nach dem Referendum geht noch immer ein Riss durch die britische Gesellschaft – und manche lassen die britische Gelassenheit fahren. Stephen etwa gerät ins Schwärmen, wenn er beim Bier im Pub über die Vorzüge der Europäischen Union redet. Natürlich geißelt auch er den „bürokratischen Wasserkopf“. Dann aber preist der 54-jährige Kricket-Trainer aus Arbroath den freien Warenverkehr, lobt den besseren Zugang zu den Universitäten Europas und vergisst nicht, die sogenannte Friedensdividende zu erwähnen. „Ich sitze heute mit Deutschen in einem schottischen Pub, die Frauen trinken französischen Wein und ich englisches Bier – das ist Europa“, sagt Stephen, legt dann aber in seiner Argumentation eine überraschende Dialektik an den Tag: „Wenn wir in der EU sind, können wir Schotten uns doch viel besser gegen den Zugriff aus London wehren.“

Als Beispiel dient auch ihm der Strukturfonds für die Landwirtschaft der EU, also jene rund 700 Millionen Pfund, die jedes Jahr nach Schottland fließen. „Das Geld kommt direkt aus Brüssel, mit dem können wir machen, was wir wollen“, argumentiert er. „Käme das Geld direkt aus London, wollen die uns doch nur vorschreiben, wofür wir es ausgeben sollen.“ Auch das ist eine Sichtweise: Brüssel als das kleiner Übel.

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