In der Republik Irland haben die Menschen keine Wahl gehabt, sie waren nur Zuschauer beim Brexit-Referendum. Jetzt blicken gerade die Grenzbewohner voller Sorge in die Zukunft. Foto: AP

An der Grenze zwischen Nordirland und der Irischen Republik wächst die Angst vorm Brexit – vor erneuter wirtschaftlicher Isolation, aber auch vor gefährlichen Folgen für den Frieden. Wird die unsichtbare Trennlinie bald zur „harten“ EU-Außengrenze?

Dublin/Belfast - Die Erinnerung lässt sich nicht abschütteln. „Noch immer läuft es mir kalt den Rücken hinunter, wenn ich nur daran denke“, gesteht John Sheridan, der im nordirischen Grenzland, unweit der Stadt Enniskillen, eine Farm betreibt. Woran der 56-Jährige sich erinnert: Das sind die Zeiten der Troubles, der blutigen Unruhen, die Nordirland in seiner Jugend erschütterten. Vor allem hier an der Grenze war es eine finstere Zeit. „Wenn du morgens das Hoftor geöffnet hast, konntest du nicht wissen, ob du gleich sieben Meter hoch in die Luft fliegen würdest. Zu den motorisierten Polizei- und Armeepatrouillen auf den Landstraßen, die es ebenfalls treffen konnte, hieltest du immer schön Abstand. Und wenn du abends eine Disco in der örtlichen Tanzhalle besucht hast, bist du stets auf der Hut gewesen. Das Erste, wonach du instinktiv Ausschau gehalten hast, war die Ausgangstür.“

Die Grenzgebiete in der Grafschaft Fermanagh, in denen seit jeher viele protestantische Farmer lebten, waren vom Terror jener Jahre besonders betroffen. Jedem im Gedächtnis geblieben ist das nächtliche Klopfen an Haustüren, das den Tod bedeuten konnte – und die Racheaktionen loyalistischer Gangs. Die verheerendste Wirkung hatte die IRA-Bombe von 1987, die bei einer Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal von Enniskillen zehn Zivilisten und einen Polizisten in Stücke riss.

Die Friedensverhandlungen waren mühsam

Sheridan, selbst protestantischer Herkunft, war allerdings nie einer, der sich in einer Wagenburg verschanzt hätte. Einen Teil seines Lebens hat er im Süden, in der Irischen Republik, verbracht – dem Geburtsland seiner Frau. Sheridan hat einen Fuß in beiden Teilen der Welt. „Mir geht’s hier vor allem um eines“, meint der Farmer, „nämlich um den Frieden.“

Der wurde in den neunziger Jahren mühsam erkämpft und im Karfreitagsabkommen von 1998 besiegelt. Er hat zur Abrüstung der IRA geführt und zur Demilitarisierung. Diesen Frieden, räumt Sheridan ein, habe Nordirland nicht zuletzt der EU zu verdanken: den Milliardenbeträgen, mit denen Europa den Frieden untermauerte, und den offenen Grenzen, die die gleichzeitige EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs und der Irischen Republik ermöglicht hat. Dass all dies nun gefährdet sein solle, ist ihm unbegreiflich: „Die Leute verstehen nicht, was wir hier haben. Wie weit wir in unserer Entwicklung gekommen sind.“

Mit der Gefährdung gemeint ist natürlich der kommende EU-Austritt der Briten, der Brexit. Sheridan seufzt, während er in seiner Küche frischen Tee aufgießt. „Schon jetzt“, klagt er, „trampelt die Tory-Regierung in London auf dem Karfreitagsabkommen herum.“ Beim Brexit-Referendum im Vorjahr hätten „Lügner Lügen aufgetischt“ und frustrierte Wähler „gedankenlos“ ihre Stimme abgegeben: „Und jetzt sind meine Farm, mein Lebensunterhalt, die Zukunft meiner Familie und die Zukunft all unserer Gemeinden hier auf dieser Insel bedroht.“

Viele pendeln täglich über die Grenze

Die Angst vor einer neuen „harten Grenze“, die er beim aktuellen Kurs Londons für unausweichlich hält, teilt Sheridan mit vielen Menschen auf der Insel. Schon in ökonomischer Hinsicht wäre die Neuerrichtung von Zoll- und Kontrollposten entlang der 500 Kilometer langen Grenze fatal, denn der Warenaustausch ist für beide Teile Irlands von größter Bedeutung. Mehr als drei Milliarden Euro im Jahr ist dieser Handel wert. 110 Millionen Grenzpassanten sind im Vorjahr gezählt worden. Viele davon pendeln täglich zum Schulbesuch, zur Arbeit, zum Einkaufen und zu Arztterminen über die unsichtbare Demarkationslinie. Allein im Grenzgebiet hängen 87 000 Kleinbetriebe von diesem reibungslosen Verkehr ab. Unvorstellbar kommt es jungen Leuten heute vor, dass während der Troubles nur 17 – schwer befestigte – Grenzübergänge existierten. Heute überquert man die Grenze an mehr als 260 Stellen, ganz ohne Behinderung.

Eine davon, zwischen Enniskillen und Armagh, ist die kleine Brücke von Caledon. Auf dieser alten Steinbrücke über den River Blackwater fand 1968 die erste Konfrontation zwischen katholischen Bürgerrechtlern und protestantischer Obrigkeit statt. Die Großmutter der heutigen Sinn-Féin-Abgeordneten für Fermanagh und South Tyrone, Michelle Gildernew, führte damals den Protest an. Es ging um die Besetzung und gewaltsame Räumung von Sozialwohnungen, die katholischen Familien vorenthalten wurden. „Meine Mutter“, erinnerte sich die Republikanerin Gildernew später, „wurde damals von Polizisten schwanger aus dem Haus geschleppt.“ 1970 sprengte die britische Armee die Bogenbrücke „zur Sicherheit“ in die Luft. Vierzig Jahre lang mussten die Anwohner kilometerweite Umwege in Kauf nehmen, um ans andere Ufer des Flüsschens zu kommen.

Auch etliche Protestanten haben gegen den Brexit gestimmt

Erst 2010 gab es wieder eine Brücke an dieser Stelle, diesmal aus Stahl und Beton. „Im Grunde“, formulierte es Gildernew einmal schmunzelnd, „begannen und endeten die Troubles also in Caledon.“ Als nordirische Landwirtschaftsministerin jenes Jahres 2010 hatte die Sinn-Féin-Politikerin die Ehre, die neue Brücke gemeinsam mit dem irischen Verkehrsminister einweihen zu dürfen. Ein Plakette am Brückengeländer vermerkt, dass der Bau durch Unterstützung des Regionalen Entwicklungs-Fonds der EU zustande kam. „Wir investieren in Ihre Zukunft!“ steht auf dem Hinweisschild.

Wie bitter wäre es nun, wenn der Brückenschlag prompt wieder zunichtegemacht würde? Die Frage hört man entlang der Grenze unentwegt – und das nicht nur im katholisch-nationalistischen Lager. Immerhin haben 56 Prozent aller nordirischen Wähler, also auch etliche Protestanten, gegen den Brexit gestimmt. „Jetzt Nordirland gegen seinen Willen aus Europa herauszuhebeln“, warnt der aus South Armagh stammende und heute in London lehrende Geschichtsprofessor Ian McBride unumwunden, „ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch politisch gefährlich.“ Eine solche einseitige Aktion bedeute „eine Ablehnung des fundamentalen Bilateralismus des Friedensprozesses“ – und damit eine klare Verletzung des Friedensvertrags.

Die Iren südlich der Grenzen, die diesem Abkommen zufolge mit verantwortlich für den Erhalt des Friedens im Norden sind, haben sowieso keine Wahl gehabt. Sie waren nur Zuschauer beim Volksentscheid. „Letztlich hat niemand drüben in England je durchdacht, was das alles für Irland, für uns hier, bedeuten würde“, meint Declan Fearon bitter. Er leitet am Rande der Ortschaft Jonesborough, bei Newry, ein Unternehmen für Einbauküchen. Eigentlich wäre ihm das Arbeit genug. Aber in den vergangenen Monaten ist der erfolgreiche Geschäftsmann auch zum wichtigsten Sprecher einer partei- und konfessionsübergreifenden Organisation namens „Grenzgemeinden gegen Brexit“ geworden. Er organisiert Protestaktionen, Treffen mit Politikern in Belfast, London und Brüssel.

Selbstverständlich ist hier nichts

„Wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald wieder da, wo wir vor 25 Jahren einmal waren“, warnt er nachdrücklich. Auch Fearon hat üble Erinnerungen an die Grenze – angefangen von fünfstündigen Wartezeiten seiner Lieferwagen an den Zollstellen zum Süden bis hin zu den britischen Armeehubschraubern über Jonesborough. Den Wachturm der Armee gleich hinter seinem Haus kann Fearon einem noch auf Fotos zeigen. Die Grenze lief mitten durch den Ort. Die römisch-katholische Kirche, die Fearons Familie frequentierte, befand sich auf der Nordseite von Jonesborough, in Nordirland. Der Friedhof hinter der Kirche gehörte zum Süden. Zwischen Friedhof und Kirche war der Durchgang gesperrt.

Heute schlendert man von einer Seite zur anderen, zwischen den moosebewachsenen Mauern, ohne auch nur zu bemerken, was Norden ist und was Süden. Aber selbstverständlich ist hier nichts. Der Friede, meint Fearon, stehe noch immer „auf schwachen Beinen“. In einer ehemaligen „Kriegszone“ schaue man eben besonders besorgt in die Zukunft: „Und je mehr uns von London versprochen wird, alles könne post Brexit problemlos mit einer Art virtueller Grenze, ganz ohne Zollhäuschen, geregelt werden, desto mehr fragen sich die Leute: Für wie dumm halten die uns eigentlich?“

In der Tat glaubt in Irlands Grenzgebieten kaum jemand, dass die britische Regierung es ernst meint mit ihrem Versprechen eines weiteren „weitgehend reibungslosen Verkehrs“ an der Grenze. London will Kleinbetrieben die Zollkontrolle ganz erlassen und große Lastwagen mit rein elektronischen Mitteln abfertigen. Clevere Technologie soll die Lösung sein. Auch Pässe soll man an dieser Grenze nicht vorzeigen müssen. Wenn nur die Europäer sich ähnlich konziliant zeigen würden, hat die britische Regierung erklärt, bräuchte die Grenze nicht zum Problem zu werden.

Die Angst vor neuen Spannungen im Norden ist groß

Darauf haben Grenzgänger beider Seiten ungehalten reagiert. Mit „Plattitüden dieser Art“ komme man nicht weiter, erklärt etwa Declan Fearon. Sobald Großbritannien aus der Zollunion ausscheide, bleibe der EU ja nichts anderes übrig, als ihre Außengrenze gegen unerwünschte Einfuhren zu sichern: „Niemand hat uns erklären können, wie das funktionieren soll.“ Eine Studie der irischen Steuerbehörden hat britische Ideen zur Vermeidung neuer Grenzinstallationen als „ziemlich naiv“ abgetan. Vom früheren Dubliner Regierungschef Bertie Ahern bis zum Ex-Präsidenten der Welthandelsorganisation WTO, Pascal Lamy, sind sich alle einig: „Um eine richtiggehende Grenze führt kein Weg herum.“

Fearon und seine Mitstreiter sehen letztlich nur eine Möglichkeit, eine „harte Grenze“ in Irland zu verhindern, wenn Großbritannien wirklich aus Zollunion und Binnenmarkt austritt. Nordirland müsse in diesem Fall zur „speziellen Wirtschaftszone“ erklärt werden. Es müsse praktisch in der EU bleiben, ohne dass seine verfassungsmäßige Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich infrage gestellt sei. Nur so vermeide man jegliche Grenze auf der Grünen Insel und gefährliche neue Spannungen im Norden. Die neue EU-Außengrenze dürfe nicht mitten durch Jonesborough verlaufen – sie müsse sich rund um die ganze Insel ziehen.

Der Farmer stimmt dem Küchenhersteller zu

Dagegen sträuben sich Nordirlands unionistische Politiker, für die unbehinderter Zugang zu England, Wales und Schottland absolute Priorität hat. „Dieses ganze Gerede von einer Grenze in der Irischen See ist doch völliger Unfug, das kann man vergessen“, meint die Vorsitzende der Demokratischen Unionisten (DUP), Arlene Foster. „Wir glauben durchaus an einen Binnenmarkt, und zwar an den Binnenmarkt des Vereinigten Königreichs.“ Fosters DUP hält in London Theresa Mays Konservative an der Macht. Weshalb Declan Fearon die britische Regierung mahnt, sich „nicht erpressen“ zu lassen von unionistischer Seite: „Wo es einen Willen gibt, gibt es gewiss auch einen Weg.“

Zurück in Enniskillen, in Sheridans Farmhaus, stimmt der protestantische Schaf- und Rinderzüchter dem Küchenhersteller aus dem katholischen Jonesborough vorbehaltlos zu: „200 000 unionistische Wähler dürfen nicht über das Schicksal von sechseinhalb Millionen Menschen auf dieser Insel bestimmen.“ Leider, meint John Sheridan, fügten noch immer viele Unionisten aus reinem Wagenburgdenken lieber sich selbst Schaden zu, als den Realitäten ins Auge zu sehen. Aber auch in diesem Teil der Bevölkerung wachse die Unruhe, je näher man einem „harten Brexit“ rücke. Längst habe sich ja ganz Irland zu einem eng verflochtenen Wirtschaftsgebilde entwickelt, das auseinanderzubrechen „eine Katastrophe“ wäre, erklärt Sheridan. Kämen erst Welthandelstarife, Zölle und neue Grenzschranken auf ihn zu, könne er den Absatzmärkten für seine Rinder und Schafe gleich Goodbye sagen, rechnet er vor. Ganz zu schweigen von dem, was eine „harte Grenze“ für die Menschen sonst noch bedeuten würde: „Will ich dahin zurück? Das will ich auf keinen Fall.“

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