Mauereidechsen wie dieses Exemplar sind inzwischen unter den Stuttgarter Bauträgern gefürchtet Foto: dpa/Sina Schuldt

Ein kleiner Stuttgarter Bauträger verzweifelt an einem Grundstück in Feuerbach. Denn nach zwei Jahren Planungsphase hat das Amt für Umweltschutz dort Mauereidechsen gesichtet

Stuttgart - Cornelia Traub wollte ihren Augen kaum trauen. Gut zwei Jahre war die kleine Immobilienfirma ihrer Familie schon in Besitz eines Hanggrundstücks am Rande von Stuttgart-Feuerbach. Wo bislang ein einzelner Bungalow in einem großen Garten steht, sollten längst sechs Wohnungen gebaut werden. Doch anderthalb Jahre allein dauerte die Abstimmung mit Baurechts- und Planungsamt für das Baugesuch, dann wurde eine Habitatpotenzialanalyse für geschützte Tiere angeordnet. Der Gutachter kam zu einem für die Bauherren erfreulichen Ergebnis: Er fand keine geschützten Arten auf dem Grundstück. Nun wollte man loslegen – doch weit gefehlt.

Streng geschützte Art gesichtet

Wenige Wochen später trudelte ein Schreiben vom Baurechtsamt ein. Ausgerechnet die streng geschützten Mauereidechsen seien auf dem Grundstück gesichtet worden. Damit liegt das Bauvorhaben erst einmal auf Eis.

Mitarbeitern des Amts für Umweltschutz waren Zweifel an dem Gutachten gekommen, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt gegenüber unserer Zeitung. In der Umgebung von Trockenmauern und Streuobstbeständen sei das Vorkommen von Reptilien durchaus bekannt. Deshalb sei zunächst das Baugrundstück genauer in Augenschein genommen und „nach Sichtnachweisen der Arten“ betreten worden. Wie die Mitarbeiter der Naturschutzbehörde auf das von einer Mauer umgebene Grundstück gekommen sind, ist Cornelia Traub schleierhaft. Das Betreten ist laut Stadt aber auch ohne Vorankündigung nach dem Landesnaturschutzgesetz erlaubt.

Cornelia Traub wundert sich nicht nur über das Vorgehen: „Angeblich gibt es Fotos von den Tieren auf dem Grundstück. Aber die haben wir nie gesehen“, sagt die Unternehmerin. Sie erfuhr nach eigenen Angaben erst dreieinhalb Wochen später – im September – von dem Ortstermin. Zu spät, um noch in diesem Jahr tätig zu werden. Denn die Eidechsen, so wurde ihr beschieden, hielten nun Winterruhe. Ein neues Gutachten könne erst im Frühjahr 2020 erstellt werden.

Existenzielle Folgen

Dass die geschützten Eidechsen in Stuttgart Bauvorhaben ausbremsen können, ist bekannt. Die Deutsche Bahn siedelte gut 3000 in einem eigens geschaffenen Gebiet am Killesberg an. Auch am Neckarpark sorgte die Umsiedlung der Tiere für Verzögerung. Für das kleine Familienunternehmen Hausbau Traub mit nur vier Mitarbeitern aber ist es ein GAU mit existenziellen Folgen.

„Falls sich tatsächlich mittlerweile Mauereidechsen angesiedelt haben sollten, stellt sich die Frage, ob das Bauvorhaben überhaupt noch realisierbar ist“, sagt Cornelia Traub. Denn neben den hohen Grundstückspreisen müssten inzwischen angefallene Zinsen und Kosten für die Gutachten auf die Wohnungen umgelegt werden . Parallel versucht die Firma nun den Bungalow, der eigentlich abgerissen werden sollte, bewohnbar zu halten, um das Grundstück notfalls im alten Zustand zu verkaufen. Denn ob man im Falle einer angeordneten Umsiedlung überhaupt ein erschwingliches Grundstück als neue Wohnstatt für die Tiere finden könne, ist unklar. Flächen, die sich als Habitat für die Mauereidechsen eignen, sind in Stuttgart rar und teuer.

Artenschutzpläne könnten helfen

Den Mauereidechsen gefällt es in Stuttgart gut: Ein Gutachten der Stadt schätze die Zahl der streng geschützten Tiere im vergangenen Jahr auf 140 000. In der vom Land einberufenen Wohnraum-Allianz wird derzeit diskutiert, ob Artenschutzpläne zur Vereinfachung von Bauvorhaben nicht ein gangbarer Weg wären. Sie machen Ausnahmen unter dem EU-Artenschutzrecht möglich, wenn in einem Gebiet genug Tiere einer geschützten Art vorkommen. Die Stadt empfiehlt bislang, sich so früh wie möglich mit Artenschutz zu beschäftigen. „Oft werden diese Belange erst berücksichtigt, wenn das Vorhaben durchgeplant ist und bereits kurz vor der Genehmigung steht“, heißt es beim Amt für Umweltschutz.

Für den kleinen Bauträger Traub kommt dieser Ratschlag allerdings zu spät. „Da fragt man sich, ob man in Stuttgart überhaupt noch bauen soll“, sagt Cornelia Traub. Eines aber ist sicher: „In Feuerbach werden wir kein Grundstück mehr erwerben.“

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