Die Mauereidechse macht in Stuttgart Probleme, weil sie zwar in großer Zahl vorhanden, aber dennoch streng geschützt ist. Foto: dpa

In Stuttgart leben zahlreiche streng geschützte Mauereidechsen. Das hat ein Gutachten vor einigen Monaten gezeigt. Die Tiere stehen vielen Bauvorhaben im Weg. Jetzt ist die Untersuchung den Stadträten vorgestellt worden. Es zeigt sich: Die Stadt steckt im Dilemma.

Stuttgart - So einmütig fallen die Reaktionen im Gemeinderat selten aus. „Wir haben ein Riesenproblem“, stellt Beate Bulle-Schmid von der CDU fest. „Und jetzt? Wir sind an der Grenze unserer Handlungsmöglichkeiten angekommen“, bekräftigt Hans H. Pfeifer von der SPD. „Wir haben ein Problem in der Stadt, einen klassischen Zielkonflikt“, sagt Grünen-Vertreterin Gabriele Munk. Und FDP-Mann Michael Conz nennt diesen Konflikt leicht überspitzt beim Namen: „Mensch gegen Eidechse.“

Was die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt und Technik in derartige Ratlosigkeit stürzt, ist der Artenschutz. Und zwar in Gestalt der Mauereidechse. Die Stadt hat das Vorkommen der streng geschützten Tiere untersuchen lassen. Und das Ergebnis ist gleichermaßen verblüffend wie problematisch. Mit geschätzt 140 000 Tieren leben viel mehr als vermutet in Stuttgart. „Die Art hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark ausgebreitet“, sagt der Gutachter Gunther Matthäus. Und noch mehr: Der Besiedlungsdruck ist so groß, dass die Echsen inzwischen sogar in Gebieten leben, in denen man das vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Für Bauvorhaben ist das ein Problem. Denn überall, wo Mauereidechsen gefunden werden, müssen sie umgesiedelt werden. Das kostet viel Zeit und Geld. Und ist in Stuttgart nicht mehr möglich. Das ist die zweite Botschaft der Untersuchung. Weil die Stuttgarter Mauereidechse genetisch sehr speziell ist, hat das Regierungspräsidium festgelegt, dass sie nur innerhalb eines Teils der Stadt umziehen darf und keinesfalls außerhalb der Stadtgrenzen – obwohl sie das von alleine erwiesenermaßen tut.

Es gibt keine Flächen mehr

„Das ist eine Vorgabe, die die Handlungsfähigkeit sehr beschränkt“, weiß Matthäus. Denn das Gutachten hat auch mehrere Hundert mögliche Umsiedlungsgrundstücke untersucht. Das Ergebnis: Es gibt keinerlei geeignete Flächen mehr. Das erfährt zum Beispiel die Bahn, die seit Jahren für mindestens 5000 Tiere eine neue Heimat sucht, um den künftigen Abstellbahnhof in Untertürkheim bauen zu können. Aber sie findet keine. Auch die Stadt selbst ist immer wieder betroffen und wird es erst recht sein, wenn künftig die frei werdenden Stuttgart-21-Flächen bebaut werden sollen.

Eine Lösung, die sowohl der Stadtentwicklung als auch dem Artenschutz gerecht wird, kann es unter den derzeitigen Vorzeichen nicht geben. Weder ist vorstellbar, dass in Stuttgart künftig jegliches Bauprojekt wegen Eidechsen abgeblasen wird, noch dass sich plötzlich riesige Umsiedlungsflächen innerhalb der Stadt finden. Bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder lässt das Regierungspräsidium zu, dass die Tiere auch anderswo hingebracht werden dürfen – oder jedes Bauprojekt braucht eine Ausnahmegenehmigung, damit die Tiere nicht umgesiedelt werden müssen. Und damit trotz Schutzes mutmaßlich sterben. Denn die enorme Zahl der Tiere, die jetzt festgestellt worden ist, ließe so ein Schlupfloch denkbar erscheinen. Doch die Behörden winden sich. Niemand will diese Entscheidung treffen, weil immer, egal wie sie ausfällt, von juristischen Klagen auszugehen ist.

„Ich habe das Gefühl, beim normalen Bürger erodiert das Verständnis für den Artenschutz so langsam. Wir brauchen doch Wohnungen“, sagt Conz. Und Linken-Vertreter Christoph Ozasek betont, dass der weitere Weg „etwas Grundsätzliches ist, weil wir noch mehr solcher Probleme bekommen werden“. Nur: Was tun? Die Stadträte sind sich einig, dass die Verwaltung mit den übergeordneten Behörden reden soll. „Wir sind in intensiven Gesprächen mit dem Regierungspräsidium und dem Umweltministerium“, sagt Städtebau-Bürgermeister Peter Pätzold. Die Rechtslage sei nicht einfach, warnt er und weist darauf hin, dass man die Lage für jedes Projekt einzeln abwägen müsse. Was die Ratlosigkeit nicht nur bei den Stadträten, sondern auch bei den Bauherren nicht gerade verringern dürfte.

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