Kritik an Artenschutz-Behörden bei Stuttgart 21 Selbst Hamburger wollen Stuttgarter Eidechsen retten

Von Jürgen Bock 

Stuttgarter Mauereidechsen sind nicht selten, aber geschützt. Weil sie nur innerhalb der Stadt umgesiedelt werden dürfen, stehen Bahn und Behörden vor einem Dilemma. Foto: dpa
Stuttgarter Mauereidechsen sind nicht selten, aber geschützt. Weil sie nur innerhalb der Stadt umgesiedelt werden dürfen, stehen Bahn und Behörden vor einem Dilemma. Foto: dpa

Ganz Deutschland sorgt sich um Stuttgarter Eidechsen. Braunkohlereviere, FKK-Vereine und Golfclubs wollen die 6000 Tiere aufnehmen, die dem neuen Abstellbahnhof weichen müssen. Doch alle Hilfe scheint vergebens.

Stuttgart - Die Solidaritätswelle rollt. Das Schicksal Tausender streng geschützter Stuttgarter Mauereidechsen treibt die Leute weit mehr um, als die Beteiligten wohl jemals gedacht hätten. Die Tiere müssen dem künftigen Abstellbahnhof in Untertürkheim weichen, es findet sich aber keine geeignete Fläche. „Wir haben zwischen 60 und 70 Hilfsangebote bekommen“, sagt Claus Wiltschko. Er kümmert sich beim Bahnprojekt Stuttgart 21 als Teamleiter um Natur- und Artenschutz. Tatsächlich verbergen sich dahinter noch ganz andere Zahlen. Denn unter den Absendern befinden sich auch Netzwerke und Verbände mit Tausenden Mitgliedern.

Die Rettungsversuche gehen dabei weit über Stuttgart hinaus. „Wir bekommen bundesweit Angebote“, weiß Wiltschko. Ein FKK-Verein aus der Region hat sich ebenso gemeldet und sein Gelände angeboten wie ein Braunkohlerevier in Nordrhein-Westfalen oder ein Zusammenschluss von Golfclubs. Selbst aus Hamburg gab es Meldungen, man wolle Stuttgarter Eidechsen aufnehmen, um sie vor dem Tod zu bewahren. Mit manchen Helfern in spe hat es zuletzt sogar persönliche Gespräche gegeben.

Allein: Es wird alles nichts nützen. Die Projektgesellschaft hat ausschließlich Absagen erteilen müssen. „Wir schauen uns das fachlich an, aber uns sind die Hände gebunden. Uns bleibt keine Wahl, wir müssen so handeln“, sagt Wiltschko. Denn die Bahn muss sich an die Vorgaben der höheren Naturschutzbehörde beim Stuttgarter Regierungspräsidium (RP) halten. Und die haben es in sich.

80 Quadratmeter Fläche pro Tier

Die genetisch sehr speziellen Stuttgarter Mauereidechsen dürfen demnach nur innerhalb der Stadt umgesiedelt werden und auch da nicht überall. Jedes Tier braucht 80 Quadratmeter Fläche – und weil mindestens 100 Eidechsen pro Areal notwendig sind, scheidet alles unter 80 Ar aus. Hauskatzen dürfen auch nicht in der Nähe sein und keine anderen geschützten Bewohner, zum Beispiel Zauneidechsen. Im eng bebauten Stuttgart ein Ding der Unmöglichkeit. Die Bahn hat inzwischen 200 Flächen geprüft und zuletzt unter heftigen Anwohnerprotesten noch eine Grünfläche auf der Feuerbacher Heide zum Eidechsendomizil umgebaut. Mehr geht nicht. „Privatgärten scheiden aus“, bedauert Wiltschko.

Das ist bei vielen der Grünflächenbesitzer gar nicht gut angekommen. Deren Ärger richtet sich jetzt gegen die Behörden. „Ich habe das Gefühl, dass sich der Gesetzgeber selbst im Weg steht“, sagt Klaus Otto. Der Präsident des Landesverbandes der Gartenfreunde Baden-Württemberg vertritt 40 000 Privat- und Kleingärten. Und wundert sich: „Es wäre besser, gemeinsam eine Lösung zu suchen, anstatt Kriterien zu erstellen, die nicht erfüllbar sind.“ In der Facebookgruppe Urban Gardening Stuttgart, die ebenfalls ihre Hilfe angeboten und zuletzt ein Gespräch bei der Bahn hatte, ist die Rede von „Behördenmikado“. Dort heißt es: „Der Naturschutz lässt die Tiere sterben.“ Und ein Gartenbesitzer aus Stuttgart sagt unserer Zeitung: „Allen geht es nur um eine rechtssichere Lösung. Der gesunde Menschenverstand spielt nicht mehr mit bei soviel Formalismus.“

Wenn keine Ausweichfläche gefunden wird, bleiben tatsächlich nur noch zwei Möglichkeiten. Das RP könnte die strengen Auflagen lockern, beispielsweise eine Umsiedlung außerhalb der sogenannten Gebietskulisse Stuttgart erlauben. Davon ist aber weiterhin nicht auszugehen. Zuletzt wurde eine Ackerfläche in Zazenhausen, direkt angrenzend an das erlaubte Gebiet, abgelehnt. „Eine Veränderung der Grenzen ist aktuell nicht angezeigt“, sagt eine RP-Sprecherin. Der Suchraum sei sinnvoll und beruhe auf Artenschutz-Erkenntnissen.

Gutachten mit brisantem Inhalt

Bleibt Möglichkeit zwei: Die Eidechsen bleiben im Baufeld und sterben. Dafür muss das Eisenbahn-Bundesamt eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Die hängt maßgeblich ab von einer Stellungnahme der Naturschutzbehörde beim RP. Die wiederum wird sich auf ein Gutachten der Stadt Stuttgart berufen. Das liegt im Entwurf vor und sagt offenbar aus, dass es weit mehr als 100 000 geschützte Mauereidechsen in Stuttgart gibt. Die Art wäre somit durch das Ableben von 6000 Exemplaren wohl nicht gefährdet. Wann das Gutachten veröffentlicht wird? Da halten sich alle Beteiligten bedeckt: Es finde „bis zur Sommerpause noch eine fachliche Abstimmung beim RP zwischen den Naturschutzbehörden statt“, heißt es bei der Stadt. Danach werde man sich besprechen, „wie und wann die Ergebnisse kommuniziert werden“.

Bis dahin hängt alles in der Luft. Dem Vernehmen nach will die Bahn das neue Genehmigungsverfahren so schnell wie möglich auf den Weg bringen. Doch auf dem sitzen noch 6000 Eidechsen. Um die sich überraschend viele Menschen sorgen.

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