Werner Zibold und seine Frau Annegret in der renaturierten Natur Foto: factum/

Artenschutz und Agrarwirtschaft gehen nicht zusammen? Von wegen: Werner Zibold aus dem Markgröninger Teilort Unterriexingen zeigt, wie das gehen kann. Obwohl das, was er getan hat, klein erscheint, ist seine Wirkung groß. Sogar der Naturschutzbund ist begeistert.

Markgröningen - Die Geschichte von Werner Zibold könnte schnell erzählt sein. Das ginge dann so: Werner Zibold hat ein paar Hecken zurechtgestutzt. Darin haust nun der Neuntöter, ein Vogel aus der Familie der Würger. Das freut Werner Zibold und auch den Neuntöter – Ende der Geschichte.

Aber die Bedeutung der Geschichte bliebe mit dieser Version verborgen. Wenn man weiß, dass Werner Zibold Landwirt ist, die Hecken auf seinen Feldern stehen und der Neuntöter ein Vogel ist, dessen Lebensraum zunehmend gefährdet ist, ahnt man, dass das, was Zibold getan hat, etwas Besonderes ist. Und wenn man dann noch weiß, dass sich Ökologie und Ökonomie in den vergangenen Jahren zu so etwas wie natürlichen Feinden entwickelt haben, wird klar, dass das, was auf Zibolds Feldern in Unterriexingen geschah, ein kleines Wunder ist. Wenn also Werner Zibold in Unterriexingen auf seinen Feldern dem Neuntöter eine Heimat bietet, dafür mit dem Naturschutzbund (Nabu) gemeinsame Sache macht und beide beeindruckt vom anderen sind – dann kann man diese Geschichte durchaus etwas ausführlicher erzählen.

Der Berater ist ein Glücksfall

Werner Zibold ist 53. Zu seinem Betrieb gehören eine Bullenmast mit 65 Plätzen, 40 Hektar Grünland und 105 Hektar Ackerland. Er baut Winterweizen an und Braugerste, Zuckerrüben und Mais. Zibold liebt seine Arbeit. Dass er den Hof von seinem Vater übernehmen würde, war seit je klar. Doch er leidet zunehmend am Image seines Berufs. Denn wer hat Schuld am Insektensterben? – Logo: die Landwirte mit ihren riesigen Monokulturen. Wer ist verantwortlich für schlechtes Grundwasser? – Ist doch klar: die Landwirte mit ihren fiesen Düngemitteln. Es ist nicht allzu lange her, da hat ein Spaziergänger Werner Zibold, der seine Feldfrüchte gegen bedrohliche Schädlinge immun machte, zugerufen: „Aha, spritzen Sie die Umwelt tot?!“

Wie gut, dass Werner Zibold dann Florian Wagner kennengelernt hat. Wagner ist in einer Funktion auf den Unterriexinger Hof gekommen, die schrecklich umständlich klingt, aber wahnsinnig praktisch ist: als Biodiversitätsberater. Wagner, promovierter Agrarbiologe aus Pliezhausen bei Reutlingen, hat sich Zibolds Hof zwei Tage lang genau zeigen lassen – und dabei die Hecken auf dessen Feldern entdeckt. Total verbuscht sind sie gewesen, weil sie lange nicht mehr geschnitten worden waren. Wozu auch? Sie hatten ja keinen Nutzen, sie standen halt da, weil das schon immer so war. Der Neuntöter jedoch, den Florian Wagner in der Unterriexinger Umgebung auch entdeckt hatte, braucht niedrige Hecken, um zu überleben. Also schlug der Biodiversitätsberater dem Landwirt vor, die Hecken auf Vordermann zu bringen. Und so geschah es.

Der Landwirt bleibt der Herr auf dem Hof

Alle 15 Meter wurde das Gestrüpp bis auf den Boden abgesäbelt, so dass die Hecke auf einer Länge von zehn Metern neu austreiben konnte. Es folgte ein langes Stück Bestandshecke, dann wieder ein kleiner Kahlschlag. Insgesamt 630 Quadratmeter Wohnraum, wenn man so will, hat Zibold so für den Neuntöter geschaffen.

Und weil er zugleich die ebenfalls verwachsenen Grasstreifen zwischen den Äckern gewissermaßen frisierte, findet der Vogel auch genug zu fressen. Denn dort tummeln sich nun auch jede Menge Insekten. Manchmal hält Werner Zibold mit seinem Traktor einfach an und bewundert das neue Stück Natur. „Da wachsen jetzt auch Blumen und Kräuter“, sagt der Unternehmer, der noch immer begeistert ist – vor allem darüber, dass er bestimmen durfte, was passiert. „Uns wurde nichts übergestülpt“, sagt Werner Zibold.

An dieser Stelle kommt der Nabu ins Spiel. Der Nabu, das zur Erinnerung, hat den Bauernpräsidenten Joachim Rukwied voriges Jahr mit dem Negativpreis „Dinosaurier des Jahres“ bedacht. Rukwied, so die Begründung, habe die Verantwortung der Landwirtschaft für das Artensterben abgestritten. Der Landesverband Baden-Württemberg des Nabu jedoch hat im Jahr 2015 das Dialogforum Landwirtschaft gegründet. Ein Projekt, das aktuell seine zweite Auflage erfährt und über ein Budget von 200 000 Euro verfügt; 90 Prozent davon stammen vom Umweltministerium. „Ein Erfolg auf den Flächen vor Ort kann am besten geschehen, wenn Naturschutz, Landwirtschaft und Verwaltung zusammenarbeiten“, sagt Dominique Aichele, die als Projektleiterin Workshops und Exkursionen in acht Landkreisen organisiert. Auch zu Werner Zibold nach Unterriexingen, der sich quasi zu einem Vorzeigebetrieb entwickelt hat.

Gras bleibt stehen, Blumen dürfen blühen

Denn tatsächlich gibt es wohl kaum einen Landwirt, dem die Umwelt egal ist. Allerdings ist es oft so, dass Landwirte die Sorge haben, nicht Herr zu sein auf dem eigenen Land. Und es ist ja auch nicht so, dass Landwirte nicht bereits in vielen Zwängen stecken. Das Wetter, die Politik, die Bank.

Deshalb war auch Werner Zibold zunächst skeptisch, als seine Frau Annegret die Biodiversitätsberatung von Florian Wagner entdeckte und verfügte: „Das machen wir!“ Dass sie an zwei Tagen in der Woche das Umweltamt in Pleidelsheim leitet, erleichterte ihre Argumentation. Ebenso, dass der Landschaftserhaltungsverband (LEV) bei der Vermittlung des Angebots half, das dazuhin mit 90 Prozent (1210 Euro) gefördert wurde. „Jeder Landwirt kann etwas tun“, hat Werner Zibold gelernt, der auf Flächen, die er mit dem Traktor schlecht erreicht, nun Blumen wachsen lässt, und der nicht jedes Altgras abmäht, damit in den hohlen Stängeln Insekten überwintern können. Auch das Vorschläge des Biodiversitätsberaters.

Naturschutz, so das pragmatische Credo des baden-württembergischen Nabu, muss für die Landwirte auch praktikabel umsetzbar sein. Wenn sich Landwirtschaft und Naturschutz auf Augenhöhe begegnen, sei viel erreicht, sagt Dominique Aichele, überzeugt, dass Landwirte „großen Respekt verdient haben, weil sie unsere Lebensmittel produzieren“.

Der Mann, der Werner Zibold vor nicht allzu langer Zeit vorgehalten hat, die Umwelt totzuspritzen, wusste noch nichts vom Neuntöter-Projekt. Als Zibold ihm davon berichtete, staunte der Mann. Und manchmal, das merkt man Werner Zibold an, staunt er selbst auch noch.

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