Nick Fennell (Mi.): Der langjährige Dritt- und Regionalligaspieler bezieht derzeit Arbeitslosengeld und sucht einen neuen Verein. Foto: imago/Eibner

Vertragslose Fußballer aus der dritten und vierten Liga bekommen die Einschnitte während der Corona-Pandemie besonders hart zu spüren. Einziger Vorteil: Sie können auch noch nach Ende der Transferperiode ablösefrei verpflichtet werden.

Stuttgart - Nick Fennell hat Zeit. Viel Zeit. Vor kurzem schaute er sich das Oberligaspiel der Stuttgarter Kickers in Göppingen an. Natürlich hat es den Vollblutfußballer gejuckt, selbst mitzuspielen. Doch der langjährige Dritt- und Regionalligaspieler wartet auf ein höherklassiges Angebot. „Der Markt ist überschwemmt. Die Vereine sparen, weil sie keine Sicherheit haben“, hat Fennell bei den Verhandlungen festgestellt.

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Am 30. Juni lief sein Vertrag bei Regionalligist TSG 1899 Hoffenheim II aus. Seitdem ist er arbeitslos. Wie viele andere Profifußballer auch. Die Pandemie macht allen Beteiligten das Leben schwer. Regionalliga- und Drittligaspieler trifft es aber noch viel härter als die Stars der Branche in Liga eins oder zwei. „Je tiefer ich nach unten komme, desto mehr sind die Vereine abhängig von den Zuschauerzahlen und den Zuschauereinnahmen“, erklärt Ulf Baranowsky, der Geschäftsführer der Vereinigung für Vertragsfußballer (VdV), „da die Einnahmen wegbrechen, müssen die Gürtel enger geschnallt werden.“ Erschwerend hinzu kämen Insolvenzen bei Clubs wie dem 1. FC Kaiserslautern und dem Wuppertaler SV.

Einer der gefragtesten Drittligaspieler

Nick Fennell macht sich nicht verrückt. Der Familienvater (ein Kind) hat einen Beruf erlernt. Er ist Kaufmann für Versicherungen und Finanzen. Seine Leidenschaft aber gehört dem Fußball. Er verspürt noch keinerlei Lust, etwas anderes zu machen. „Warum sollte ich aufgeben. Ich fühle mich fit, bin voll im Saft und habe Bock, noch ein paar Jährchen zu spielen“, sagt der Defensiv-Allrounder. Baranowsky stellt fest, dass junge Spieler im Vorteil sind. Zum einen liegt es in der Natur der Sache, dass sie ein größeres Marktsteigerungspotenzial haben und damit interessanter für die Clubs sind. Zum anderen sind sie auch eher bereit, Gehaltsabstriche zu machen, da sie nur über Spiele, die Chance haben, nach oben kommen. Fennell aber ist bereits 31. Von einsamen Waldläufen und stickigen Stunden in Krafträumen von Fitnessclubs hat er genug. Zuletzt hat sich der ehemalige Spieler der Stuttgarter Kickers, des VfR Aalen, der Würzburger Kickers und des Halleschen FC beim 1. Göppinger SV fitgehalten. „Ich war einer der gefragtesten Drittligaspieler. Es ist nicht mein Ziel, arbeitslos zu bleiben, aber das Angebot muss auch passen“, stellt er klar.

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Das Arbeitslosengeld hilft ihm vorerst, über die Runden zu kommen. Um es sofort nach Ablauf des Vertrages beziehen zu können, hat er sich drei Monate vorher arbeitslos gemeldet. Die sogenannte Beitragsbemessungsgrenze, de facto eine Obergrenze, liegt bei einem Brutto-Monatsgehalt von 6900 Euro (im Osten bei 6450 Euro). Der klassische Fußballmillionär also bekommt dann genauso wie ein Zweit- und Drittligaprofi nach der Berechnung am Ende ein monatliches Arbeitslosengeld von 2861 Euro (ohne Kind 2280 Euro). Die Berechnung kann im Übrigen jeder Bürger auf der Arbeitsagentur-Internetseite für sich selbst durchführen.

Zweites Standbein nimmt Druck

Wer länger als ein Jahr arbeitslos ist, kann natürlich Probleme bekommen. Baranowsky erzählt die Geschichte von einem ehemaligen Drittligaprofi. Der sei mehr als ein Jahr lang vereinslos gewesen und finanziell in Richtung Hartz-IV-Niveau gerutscht. Die VdV gab alles, besorgte ihm zumindest für den Übergang einen Job als LKW-Fahrer. Doch als es mit einer Schulung bei der Dekra losgehen sollte, stand nur der LKW da – der Ex-Profi nicht. „Da können wir dann auch nicht mehr helfen“, sagt Baranowsky. Er empfiehlt grundsätzlich ein zweites berufliches Standbein. „Das nimmt den Druck, macht den Kopf frei, nimmt Ängste“, sagt der VdV-Chef und betont: „Die Bundesligaspieler sind nur die Spitze des Eisbergs, sie haben Luxusprobleme.“

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Baranowsky ist stolz darauf, bereits zum 18. Mal das VdV-Proficamp in Duisburg anbieten zu können. Es hilft den Spielern, die Tiefen ihres Jobs zu überbrücken. Die Profis sind glücklich, dass für sie dort der Ball rollt, hinzu kommt eine professionelle Leistungsdiagnostik, sportpsychologische Betreuung und Laufbahncoaching. Die Teilnahme ist für Mitglieder kostenlos. Weshalb ein vereinsloser Profi solch ein Angebot in der wirtschaftlichen Krise eigentlich nicht ausschlagen kann. Zumal rund 80 Prozent aller Teilnehmer des Camps bisher einen Club gefunden haben.

Wechsel auch nach 5. Oktober möglich

Nick Fennell hofft, auch ohne das Camp wieder seiner Lieblingsbeschäftigung Fußball nachgehen zu können. Der Vorteil: Vertragslose Spieler kosten keine Ablöse und können auch nach Ende der Transferperiode, in Deutschland war das der 5. Oktober, verpflichtet werden.

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