Die Transferfrist in der Bundesliga ist am Montagabend zu Ende gegangen. Während der FC Bayern und Borussia Dortmund auch weiter investiert haben, mussten viele andere Clubs eisern sparen. Zu den Profiteuren der neuen Zurückhaltung könnte auch der VfB Stuttgart zählen.
Stuttgart - Die vorerst letzte Hoffnung von Kevin Stöger auf einen neuen Arbeitgeber aus der Bundesliga platzte kurz vor dem Ende der Transferfrist. Tagelang war der Österreicher als möglicher Neuzugang bei Werder Bremen gehandelt worden – dann entschieden sich die Hanseaten doch noch gegen den ehemaligen Jungprofi des VfB Stuttgart. Für Stöger, bis 1. Juli bei Fortuna Düsseldorf unter Vertrag, geht das quälende Warten damit ebenso weiter wie das individuelle Training, mit dem sich der 27-Jährige seit drei Monaten auf den Tag X vorbereitet.
Das Beispiel Stöger illustriert, wie sich der Transfermarkt in Zeiten von Corona und dramatisch zurückgegangenen Einnahmen verändert hat. Ein ablösefreier, technisch versierter und torgefährlicher Spielmacher, der vom „Spiegel“ vergangenes Jahr zum „besten Unbekannten der Liga“ geadelt wurde – an Angeboten hätte es für einen solchen Mann früher nicht gefehlt. Jetzt jedoch überlegen sich jene Clubs, für die er interessant gewesen wäre, ganz genau, ob sie es sich wirklich leisten können, neue Profis zu engagieren.
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„Viele Spieler haben diese Situation total unterschätzt“, sagt der frühere VfB-Profi und heutige Spielerberater Karlheinz Förster – und sieht sich in den Prognosen, die er schon zu Beginn der verlängerten Corona-Transferperiode geäußert hat, bestätigt: Dass für die absoluten Topspieler wie Kai Havertz, Leroy Sané oder seinen Mandanten Timo Werner noch immer viel Geld bezahlt wird; dass die Zahl der arbeitslosen Spieler stark ansteigt; dass es für viele Clubs auf der Suche nach Einsparmöglichkeiten vor allem darum geht, den Kader zu verkleinern.
Die Rekordsumme von 705 Millionen Euro hatten die 18 Bundesligisten im Sommer 2019 ausgegeben. Diesmal investierten sie bis kurz vor Toreschluss rund 320 Millionen und nahmen, anders als im Vorjahr, mit 324 Millionen etwas mehr ein, als sie ausgaben. Nach dem Ende der Transferfrist lässt sich die Liga in drei Klassen unterteilen.
Die Unabhängigen:
Mag sein, dass auch der FC Bayern die Folgen der Corona-Krise zu spüren bekommt. Die gewaltigen Einnahmen der vergangenen Jahre und das prall gefüllte Festgeldkonto erlauben es dem Rekordmeister aber weiterhin, auf dem Transfermarkt entschlossen zuzugreifen. Der 50-Millionen-Transfer von Leroy Sané wurde bereits ganz am Anfang perfekt gemacht; am Ende kamen in Angreifer Eric-Maxim Choupo-Moting (Paris St-Germain), Flügelstürmer Douglas Costa (Juventus Turin), dem Mittelfeldmann Marc Roca (Espanyol Barcelona) und Rechtsverteidiger Bouna Sarr (Olympique Marseille) vier weitere neue Spieler hinzu.
Größere Sparrunden sind auch beim Bayern-Rivalen aus Dortmund nicht nötig, sonst hätten die Westfalen kaum der Versuchung widerstanden, den Engländer Jadon Sancho für einen dreistelligen Millionenbetrag an Manchester United zu verkaufen. Transfereinnahmen von 5,5 Millionen Euro stehen bei der Borussia Ausgaben in Höhe von 48 Millionen gegenüber – fast identisch ist die Differenz bei den Bayern, die 64 Millionen ausgegeben und 22 Millionen eingenommen haben. Kein Wunder also, dass Karlheinz Förster sagt: „Die Schere wird durch Corona noch weiter auseinandergehen.“
Die Profiteure:
Klar im Vorteil ist, wer auch in den fetten Jahren mit Vernunft und Augenmaß gewirtschaftet hat – Clubs wie der SC Freiburg, der mit dem Zehn-Millionen-Neuzugang Baptiste Santamaria mitten in der Corona-Krise einen neuen Rekordtransfer vermeldete. Reserven aus der Vergangenheit ermöglichten es Eintracht Frankfurt, den zuvor nur ausgeliehenen Torjäger André Silva für neun Millionen fest zu verpflichten, obwohl eigene Verkäufe nur sieben Millionen brachten.
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Die Mehrheit der Clubs war gezwungen, Überschüsse zu erwirtschaften – was dazu führt, dass auch der VfB auf gewisse Weise zu den Profiteuren des veränderten Transfermarkts zählt. Zwar ist auch der Aufsteiger zum Sparen gezwungen, doch wurde der große Umbruch bereits im Sommer 2019 vollzogen. Auch an der Zurückhaltung der Konkurrenz liegt es, dass sich der VfB berechtigte Hoffnungen machen darf, nicht erneut abzusteigen.
Die Verlierer:
Bitter rächt sich bei Schalke 04 die Risikobereitschaft der vergangenen Jahre, in denen der Revierclub Unsummen ausgab, um ganz oben mitzuspielen. Das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag stand in denkbar schlechtem Verhältnis – weshalb die Schieflage nun besonders besorgniserregend ist. Um die größten Lücken zu stopfen, war eine Landesbürgschaft nötig, ganze zwei Millionen Euro standen für Transferaktivitäten zur Verfügung. Zu den Abgängen gehört auch Sebastian Rudy, der auf Leihbasis nach Hoffenheim zurückkehrt – zumindest teilweise aber weiter von Schalke bezahlt werden muss.
Auch Werder Bremen bleibt vorerst nur die dunkle Erinnerung an bessere Zeiten. Dem einstigen Europapokalsieger blieb nichts anderes übrig, als Kapitän Davy Klaassen für elf Millionen Euro an Ajax Amsterdam zu verkaufen, um die Transfers der bisherigen Leihspieler Leonardo Bittencourt (sieben Millionen) und Ömer Toprak (vier Millionen) refinanzieren zu können. Vertragsgemäß mussten beide fest verpflichtet werden – zu überhöhten Tarifen aus Vor-Corona-Zeiten.
Kevin Stöger, von Werder verschmäht, bleibt ein Trost: Vertragslose Spieler dürfen weiterhin verpflichtet werden – nicht nur in Portugal, den Niederlanden, der Schweiz oder Russland, wo der Transfermarkt ohnehin länger geöffnet hat. Sondern auch in der Bundesliga. Viel besser dürfte die finanzielle Lage vorerst zwar nicht werden – doch die nächste sportliche Krise und der Ruf nach einem Retter kommt bei manchem Club ganz bestimmt.