Diskussion über Kulturquartier Stuttgart erfindet sich neu

Von Nikolai B. Forstbauer 

In Stuttgart läuft die Diskussion über das Zentrum der Landeshauptstadt. Foto: StN
In Stuttgart läuft die Diskussion über das Zentrum der Landeshauptstadt. Foto: StN

OB Fritz Kuhn bleibt in der Stadtplanungsoffensive: „Stuttgarts Innenstadt hat eine intensive Dichte kultureller Einrichtungen auf höchstem Niveau. So was finden Sie nirgends“, sagt er den „Stuttgarter Nachrichten“. „Wir müssen das pflegen, erneuern, ausbauen und gut miteinander verbinden.“

Stuttgart - Lange hat in Stuttgart der ­bloße Protest gegen das Verkehrs- und Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 das doch dringend notwendige Nachdenken über die Weiterentwicklung des Zentrums der Landeshauptstadt blockiert. Nun aber werden die Stimmen für einen Neubeginn der Diskussion lauter. Chance und Misere des Ist-Stands zugleich belegt der Titel einer öffentlichen Diskussion an diesem Donnerstag im Hospitalhof. „Von der PS-Meile zum lebendigen Kulturviertel“ ist der Abend überschrieben.

„Stuttgarts Mitte“, heißt es in der Ankündigung, „braucht einen Paradigmenwechsel zu mehr urbaner Lebensqualität. Und dieser Wandel ist möglich. Das ist zumindest die Überzeugung einer Gruppe von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, die in der kommenden Sanierung des Opernhauses die ­einmalige Chance sehen, gleich das ganze Viertel um die Kulturmeile neu zu gestalten – zu einem lebendigen Quartier, ohne ­trennende Verkehrsschneise und mit dem dringend ­benötigten zweiten Konzerthaus. Auf Ein­ladung des Hospitalhofs geht die Gruppe mit ihren Ideen jetzt an die Öffentlichkeit.“

Diskussion 2002 von den StN initiiert

Das hört sich nach Neuland an. Tatsächlich aber gibt es die Diskussion über ein ­Kulturquartier schon seit 15 Jahren. „Das Kulturquartier“, schrieb unsere Zeitung im Juli 2002, „ist Realität, es muss nicht neu erfunden werden. Und doch ist es nur ein Wort und muss belebt und gelebt werden.“ Und weiter: „Der hiermit vorgeschlagene Begriff Kulturquartier weicht keineswegs vor den Problemen entlang der Adenauer­straße aus. Im Gegenteil: Die inhaltliche ­Debatte über die Stadtraumfiguration der kulturellen Einrichtungen in Stuttgarts Zentrum geben der Auseinandersetzung um die Stadtautobahn zusätzliches Gewicht. Sie vermeidet indes eine Verkürzung auf eine lineare Gestalt, wie sie der Begriff ,Kulturmeile‘ vorgibt und wie sie mit dem ­Neubau der Städtischen Galerie und dem Projekt Kunsthalle Stuttgart (im jetzigen Kunstgebäude) als Motor neuer Diskussionen im Spannungsfeld Kunst und Gesellschaft stadträumlich wie inhaltlich absurd erscheinen muss.“

15 Jahre später? Ist der 2005 eröffnete Kunstmuseum-Neubau eine nationale Größe, der Schlossplatz ist seit 2011 als offene Bühne des Internationalen Trickfilmfests etabliert, und die Bolzstraße ist mit den Innenstadtkinos feste Adresse für diverse Filmfestivals. Und gerade so, als sollten sich alle Kulturfäden noch einmal überdeutlich verknüpfen, steht das Kunstgebäude im März vor einer Neu­bestimmung als spartenübergreifende ­Veranstaltungsbühne.

Stuttgart OB Fritz Kuhn in der Stadtraum-Offensive

Für Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) Grund genug, auch im ­Zentrum der Landeshauptstadt in die Stadtraum-Offensive zu gehen. Im vergangenen November überraschte Kuhn mit einem Bündel an Kulturprojekt-Ideen: ­Ausbau des Theaterhauses am ­Pragsattel, Sanierung der Wagenhallen am Nordbahnhof, Neubau des Linden-Museums auf dem an den Bonatzbau angrenzenden Entwicklungsareal von Stuttgart 21. Und – fast schon nebenbei – als Alternative zu einem von Kuhn selbst ins Spiel gebrachten Standort am Mercedes-Museum einen Ausweich-Theaterbau für Oper und Ballett während der Opernhaus-Sanierung am Planetarium.

Erstmals formulierte Kuhn seinerzeit auch offensiv, dass die Dichte der Kultur­einrichtungen als Stadtraum von ­hoher Qualität erlebbar sein müssten – als Kulturquartier. Daran schließt Stuttgarts OB an, wenn er jetzt unserer Zeitung sagt: „Stuttgarts ­Innenstadt zeichnet sich aus durch eine intensive Dichte kultureller Einrichtungen auf höchstem Niveau. So was finden Sie nirgends. Wir müssen das pflegen, ­erneuern, ausbauen und gut miteinander verbinden.“ Und er nimmt das Nachdenken über das Zentrum zugleich als ­Maßstab: „Das künftige Rosenstein-Quartier“, sagt Kuhn weiter, „müssen wir unter diesem kulturellen Auftrag ­gestalten.“

Damit könnte aus einer „verpassten ­Chance“ (­Stuttgarts vormalige Kunstmuseums­direktorin Marion Ackermann) doch noch ein Zukunftsmodell werden.

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