Stuttgart 21 Der Artenschutz rettet die Eidechsen nicht mehr

Von Jürgen Bock 

Die Mauereidechse ist streng geschützt – aber in Stuttgart so zahlreich, dass ihr der Artenschutz in manchen Fällen nicht mehr helfen dürfte. Foto:  
Die Mauereidechse ist streng geschützt – aber in Stuttgart so zahlreich, dass ihr der Artenschutz in manchen Fällen nicht mehr helfen dürfte. Foto:  

Diese Studie hat es in sich: In Stuttgart leben mindestens 140 000 streng geschützte Mauereidechsen. Die Tiere müssen bei Bauprojekten umgesiedelt werden. Doch angesichts der hohen Zahl und fehlender Ersatzflächen könnte es vielen künftig an den Kragen gehen.

Stuttgart - Das Gutachten ist in seiner Art einmalig in Deutschland. Und es war der Stadt 130 000 Euro wert. Viel Geld für die Untersuchung einer Eidechsenpopulation, könnte man meinen. Doch die Studie, die unserer Zeitung vorliegt, ist von entscheidender Bedeutung. Nicht nur für den Artenschutz, sondern auch für Bauherren. Denn die haben regelmäßig mit streng geschützten Mauereidechsen zu tun – und den teuren Folgen von Vergrämung, Umsiedlung, Überwachung und anderen Maßnahmen. Wie auch die Bürger, zuletzt auf dem Killesberg, als es Proteste gegen die Umwandlung einer Grünfläche am Rand der Feuerbacher Heide in ein Ersatzhabitat gegeben hat.

Die Ergebnisse der Studie haben selbst die Experten überrascht. Sieben Reptilienkundler sind im vergangenen Jahr im Auftrag der Stadt systematisch durch Teile des Stadtgebiets gestreift. Jede Fläche ist dabei dreimal begangen worden. Die Erkenntnisse dort wurden hochgerechnet. Dabei kam heraus: In Stuttgart leben mindestens 140 000 erwachsene Mauereidechsen auf rund 1000 Hektar Fläche. Die Art siedelt in manchen Gebieten „in teilweise sehr hohen Bestandsdichten“, heißt es da. Der Erhaltungszustand sei deshalb günstig.

Die Tiere leben vor allem entlang der Gleisanlagen im Neckartal und an der Gäubahnstrecke, in Hanglagen mit Weinbergen, in Gärten, auf Grünflächen und Wiesen. Selbst im dicht besiedelten Stuttgarter Westen sind sie reichlich vorhanden – bis hinauf auf den Birkenkopf, wo sich mindestens 70 Exemplare heimisch fühlen.

Keinerlei Ersatzflächen mehr vorhanden

Interessant ist aber auch ein zweiter Aspekt der Studie. Sie hat nämlich auch mögliche Ersatzhabitate untersucht. Und kommt zu dem Schluss, den viele Beteiligte schon vorher für sich gezogen haben: Es gibt im dicht besiedelten Stuttgart keine Ausweichflächen mehr, auf die man die Tiere umsiedeln könnte. Die Experten haben sich 275 Hektar solcher Flächen angeschaut – und keine einzige davon war geeignet. Meistens, weil sie bereits von Mauer- oder Zauneidechsen besiedelt waren. Oder aber weil es zu Konflikten mit Weinbau, Landwirtschaft und anderen Nutzungen kommen würde. Oder weil die Stadt keinen Zugriff bekommt. Im Formaldeutsch der Studie klingt das so: „Die Erwartung, dass im Rahmen der Bestandserfassungen konkrete Flächen für Maßnahmen zur Herstellung neuer Habitate für die Mauereidechsen identifiziert werden, konnte nicht erfüllt werden.“

Angesichts der Zahlen dürften viele Bauherren, die eigentlich Ersatzflächen für Eidechsen finden müssen, aufhorchen. Besonders die Bahn hat das Gutachten geradezu sehnlich erwartet. Sie muss im Zuge des Projekts Stuttgart 21 für ihren künftigen Abstellbahnhof in Untertürkheim dringend neue Genehmigungsunterlagen beim Eisenbahn-Bundesamt (Eba) einreichen. Sonst drohen neue Verzögerungen und Kostensteigerungen. Dort leben allerdings 5900 Mauereidechsen. Die Bahn hat trotz der Prüfung von 200 Arealen keine geeigneten Ersatzflächen für die Tiere gefunden. Zuletzt hatten sich sogar zahlreiche Gartenbesitzer gemeldet, um ihre Gärten anzubieten. Die sind aber aufgrund der hohen Auflagen des Artenschutzes ungeeignet.

Mit der Studie eröffnet sich jetzt eine neue Möglichkeit. Die Einschätzung der Naturschutzbehörden beim Regierungspräsidium und bei der Stadt bildet nämlich die Grundlage für das Eba. Kommen die Behörden zum Schluss, dass der Gesamtbestand durch eine einzelne Baumaßnahme nicht gefährdet ist, kann das Eba eine Ausnahmegenehmigung vom Artenschutz erteilen. Sprich: Die Bahn müsste die 5900 Tiere nicht umsiedeln. Sie würden dann einfach im Baufeld bleiben, was für die meisten der streng geschützten Echsen wohl den sicheren Tod bedeuten würde.

Stadträte sollen sich beraten

Über das weitere Vorgehen hält sich die Stadtverwaltung noch bedeckt. Über die Ergebnisse der Untersuchung hat man sich mit dem Regierungspräsidium allerdings bereits eng abgestimmt. „Die Studie liegt dem Gemeinderat seit Dienstag vor“, bestätigt Stadtsprecher Sven Matis. Sie solle „Klarheit bieten für weitere Baustellen in der Stadt – große wie kleine“. Über die allgemeinen Schlüsse daraus müsse man aktuell aber noch beraten.

Bei mindestens 140 000 erwachsenen Mauereidechsen dürfte aber klar sein: Die Population ist so groß, dass die Behörden um Ausnahmegenehmigungen kaum noch herumkommen dürften. Und um große Diskussionen. Denn künftig wird sich wohl jeder Bauherr, der keine Ersatzflächen findet, auf das Gutachten berufen.

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