Artenschutz in Stuttgart Hunderttausende Euro für zwei Eidechsen

Von Jürgen Bock und Sven Hahn 

Neues Eidechsenhabitat auf dem Killesberg: Steinwüste statt Wiese. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Neues Eidechsenhabitat auf dem Killesberg: Steinwüste statt Wiese. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eidechsen sind streng geschützt. Das kann bei Bauprojekten enorme Probleme machen. In Stuttgart nimmt die Suche nach Ausweichquartieren inzwischen bizarre Formen an.

Stuttgart - Ein Wohngebiet in Bad Cannstatt. Hier will die Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH (WHS) 49 Wohnungen bauen. Vor Beginn steht die naturschutzrechtliche Untersuchung des Grundstücks auf dem Programm. „Auf einem kleinen Teil davon wurden zwei Zauneidechsen gesehen. Dadurch wurde rechnerisch ein Bestand von etwa acht Eidechsen bestimmt“, berichtet Marc Bosch, der Leiter Wohn- und Gewerbebau bei der WHS.

Die Folge: Keine Baufreigabe für die 49 Wohnungen. „Aufwendige und kostenintensive Ausgleichsmaßnahmen mussten ergriffen werden“, so Bosch. Ein Biologe wird beauftragt, ein Konzept zu entwickeln, um einerseits die artenschutzrechtlichen Probleme zu lösen und trotzdem das Bauvorhaben realisieren zu können. „Wir mussten längere Verhandlungen mit der unteren Naturschutzbehörde der Stadt Stuttgart und mit dem Regierungspräsidium führen“, so Bosch.

Das Ergebnis: Der Bauherr erhält die Auflage, ein sogenanntes Ausgleichsgrundstück zu erwerben. Die Eidechsen sollen eingesammelt und zunächst in ein Zwischenquartier gebracht werden. In der Zwischenzeit soll das Unternehmen das Ausgleichsgrundstück so herrichten, dass die Eidechsen in ihrer neuen Heimat später guten Gewissens ausgesetzt werden können. Also kauft die WHS ein Grundstück in einem Weinberg, welches dann nach den Vorgaben des Biologen vorbereitet wird. Der Boden wird ausgiebig untersucht. Und: „Baumbestände wurden teilweise gerodet“, erzählt der Bauherr. Die WHS errichtet Mauern und stellt ein mustergültiges Biotop für die Eidechsen her.

Keine einzige Eidechse zeigt sich

Doch es gibt ein Problem. „Kurioserweise wurde am Tag des Einfangens keine einzige Eidechse gefunden“, erzählt Bosch. Dennoch habe man die angeordneten Ausgleichsmaßnahmen umsetzen müssen – das neue Grundstück also für die nicht vorhandenen Eidechsen vorbereiten. Diese Ausgleichsmaßnahmen waren inzwischen Bestandteil der Baugenehmigung geworden.

Die Folgen dieses aufwendigen Artenschutzes: Es haben sich ein Bauverzug von sechs Monaten sowie Mehrkosten beim Erdbau und zusätzliche Baukosten für das Ausgleichsgrundstück und die Herstellung des Biotops ergeben. Und: „Zusätzlich musste sich die WHS dazu verpflichten, das Ausgleichsgrundstück 25 Jahre lang zu pflegen und die Entwicklung des Grundstücks sowie des Eidechsenbestands zu überwachen.“ Dies werde in den Folgejahren weiteres Geld kosten, so Bosch. Alle dies habe dazu geführt, „dass pro Quadratmeter Wohnfläche Mehrkosten in Höhe von etwa 75 Euro entstanden sind. Für zwei gesehene und dann nicht mehr gefundene Eidechsen“.

Die Tiere sind in der gesamten EU und in Deutschland per Bundesgesetz seit 2007 streng geschützt. Das heißt, dass Eidechsen, die auf Bauflächen leben, umgesiedelt werden müssen. Selbst Experten räumen ein, dass man sich bis dahin keinerlei Gedanken darüber gemacht hat, was das in der Praxis bedeutet.

Wildschweinrotte als Spielverderber

Bizarre Beispiele gibt es viele. Eine Bundesinstitution, die nicht namentlich genannt werden will, hat so ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Auf einem Baugrundstück fanden sich 17 Eidechsen. Eine mögliche Umsiedlungsfläche, die man bereits besaß und nutzen wollte, wurde von den Naturschutzbehörden abgelehnt. Also machte man sich auf die Suche – und wurde schließlich fündig. Für mehrere Hunderttausend Euro erwarb man ein Grundstück am Waldrand und hübschte es mit allem auf, was vorgeschrieben ist. Danach zogen die Tierchen um. In der darauffolgenden Nacht machte sich eine Rotte Wildschweine über das Gelände her. Keiner der kleinen Neubürger kam mit dem Leben davon.

Solche Probleme gibt es in Baden-Württemberg immer wieder – doch mit Abstand am größten sind sie in der Landeshauptstadt. Das liegt nicht nur daran, dass dort im Zuge von Stuttgart 21 große Flächen mit zahlreichen Eidechsen umgestaltet werden. Eine gewichtige Rolle spielt der genetische Code der Tiere. Hubert Laufer, der als größter Eidechsenexperte des Landes gilt, bezeichnet sie als „Mischmasch“. Futtertiere, die einst für die Wilhelma gedacht waren, haben den Weg in die Freiheit gefunden und sich mit einheimischen Tieren vermischt. Herausgekommen ist die Stuttgarter Eidechse, die Einsprengsel aus Italien und Frankreich in sich trägt.

Das ändert nichts am Schutz. Aber Experten wissen nicht, welchen Einfluss auf die Population es hätte, wenn sie außerhalb der Stadt ein neues Zuhause finden und dabei auf ortsansässige Exemplare treffen würde. Deshalb sollen die Tiere in Stuttgart bleiben. Das macht die Suche nach Ausweichquartieren in einer Stadt mit enormen Grundstückspreisen schwer. „Ähnlich große Probleme wie in Stuttgart gibt es unseres Wissens nach im Land nicht, insofern ist das ein Ausnahmefall“, sagt ein Sprecher des Umweltministeriums.

Stadt investiert im Neckarpark vier Millionen Euro

Aber einer, der den Beteiligten die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Nicht nur bei den Immobilienunternehmen und gewöhnlichen Bauherren. Bei der Stadtverwaltung zeigt man sich zwar gelassen, aber auch dort muss man für jedes einzelne Baufeld Lösungen finden. Das geht ins Geld. Im Neckarpark etwa, wo das derzeit größte neue Stadtquartier entsteht, hat man vor Beginn der Maßnahmen eine Population von 2000 Eidechsen errechnet. „Wie viele es heute sind, weiß kein Mensch“, sagt ein Sprecher. Wohl aber, was das Ersatzhabitat am Rande des Geländes und die Vergrämung dahin kosten: fast vier Millionen Euro. Macht 2000 Euro pro Tier. Derzeit erarbeitet die Verwaltung ein Konzept für Mauer- und Zauneidechsen. Es soll bis Mitte des Jahres vorliegen und sowohl die bisherigen Lebensräume als auch mögliche Ersatzflächen aufzeigen.

Härter trifft es die Bahn. Sie muss im Zuge der Arbeiten zu Stuttgart 21 allein aus Untertürkheim noch rund 5000 Tiere umsiedeln. Ein paar Hundert sind auf Vorschlag von Stadt und Regierungspräsidium bereits auf dem Killesberg gelandet. Zu diesem Zweck ist eine Wiese am Rande des Landschaftsschutzgebiets in eine Steinwüste verwandelt worden. Der Protest dagegen ließ nicht lange auf sich warten.

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