Neues Eidechsenhabitat auf dem Killesberg: Steinwüste statt Wiese. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eidechsen sind streng geschützt. Das kann bei Bauprojekten enorme Probleme machen. In Stuttgart nimmt die Suche nach Ausweichquartieren inzwischen bizarre Formen an.

Stuttgart - Ein Wohngebiet in Bad Cannstatt. Hier will die Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH (WHS) 49 Wohnungen bauen. Vor Beginn steht die naturschutzrechtliche Untersuchung des Grundstücks auf dem Programm. „Auf einem kleinen Teil davon wurden zwei Zauneidechsen gesehen. Dadurch wurde rechnerisch ein Bestand von etwa acht Eidechsen bestimmt“, berichtet Marc Bosch, der Leiter Wohn- und Gewerbebau bei der WHS.

Die Folge: Keine Baufreigabe für die 49 Wohnungen. „Aufwendige und kostenintensive Ausgleichsmaßnahmen mussten ergriffen werden“, so Bosch. Ein Biologe wird beauftragt, ein Konzept zu entwickeln, um einerseits die artenschutzrechtlichen Probleme zu lösen und trotzdem das Bauvorhaben realisieren zu können. „Wir mussten längere Verhandlungen mit der unteren Naturschutzbehörde der Stadt Stuttgart und mit dem Regierungspräsidium führen“, so Bosch.

Das Ergebnis: Der Bauherr erhält die Auflage, ein sogenanntes Ausgleichsgrundstück zu erwerben. Die Eidechsen sollen eingesammelt und zunächst in ein Zwischenquartier gebracht werden. In der Zwischenzeit soll das Unternehmen das Ausgleichsgrundstück so herrichten, dass die Eidechsen in ihrer neuen Heimat später guten Gewissens ausgesetzt werden können. Also kauft die WHS ein Grundstück in einem Weinberg, welches dann nach den Vorgaben des Biologen vorbereitet wird. Der Boden wird ausgiebig untersucht. Und: „Baumbestände wurden teilweise gerodet“, erzählt der Bauherr. Die WHS errichtet Mauern und stellt ein mustergültiges Biotop für die Eidechsen her.

Keine einzige Eidechse zeigt sich

Doch es gibt ein Problem. „Kurioserweise wurde am Tag des Einfangens keine einzige Eidechse gefunden“, erzählt Bosch. Dennoch habe man die angeordneten Ausgleichsmaßnahmen umsetzen müssen – das neue Grundstück also für die nicht vorhandenen Eidechsen vorbereiten. Diese Ausgleichsmaßnahmen waren inzwischen Bestandteil der Baugenehmigung geworden.

Die Folgen dieses aufwendigen Artenschutzes: Es haben sich ein Bauverzug von sechs Monaten sowie Mehrkosten beim Erdbau und zusätzliche Baukosten für das Ausgleichsgrundstück und die Herstellung des Biotops ergeben. Und: „Zusätzlich musste sich die WHS dazu verpflichten, das Ausgleichsgrundstück 25 Jahre lang zu pflegen und die Entwicklung des Grundstücks sowie des Eidechsenbestands zu überwachen.“ Dies werde in den Folgejahren weiteres Geld kosten, so Bosch. Alle dies habe dazu geführt, „dass pro Quadratmeter Wohnfläche Mehrkosten in Höhe von etwa 75 Euro entstanden sind. Für zwei gesehene und dann nicht mehr gefundene Eidechsen“.

Die Tiere sind in der gesamten EU und in Deutschland per Bundesgesetz seit 2007 streng geschützt. Das heißt, dass Eidechsen, die auf Bauflächen leben, umgesiedelt werden müssen. Selbst Experten räumen ein, dass man sich bis dahin keinerlei Gedanken darüber gemacht hat, was das in der Praxis bedeutet.

Wildschweinrotte als Spielverderber

Bizarre Beispiele gibt es viele. Eine Bundesinstitution, die nicht namentlich genannt werden will, hat so ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Auf einem Baugrundstück fanden sich 17 Eidechsen. Eine mögliche Umsiedlungsfläche, die man bereits besaß und nutzen wollte, wurde von den Naturschutzbehörden abgelehnt. Also machte man sich auf die Suche – und wurde schließlich fündig. Für mehrere Hunderttausend Euro erwarb man ein Grundstück am Waldrand und hübschte es mit allem auf, was vorgeschrieben ist. Danach zogen die Tierchen um. In der darauffolgenden Nacht machte sich eine Rotte Wildschweine über das Gelände her. Keiner der kleinen Neubürger kam mit dem Leben davon.

Solche Probleme gibt es in Baden-Württemberg immer wieder – doch mit Abstand am größten sind sie in der Landeshauptstadt. Das liegt nicht nur daran, dass dort im Zuge von Stuttgart 21 große Flächen mit zahlreichen Eidechsen umgestaltet werden. Eine gewichtige Rolle spielt der genetische Code der Tiere. Hubert Laufer, der als größter Eidechsenexperte des Landes gilt, bezeichnet sie als „Mischmasch“. Futtertiere, die einst für die Wilhelma gedacht waren, haben den Weg in die Freiheit gefunden und sich mit einheimischen Tieren vermischt. Herausgekommen ist die Stuttgarter Eidechse, die Einsprengsel aus Italien und Frankreich in sich trägt.

Das ändert nichts am Schutz. Aber Experten wissen nicht, welchen Einfluss auf die Population es hätte, wenn sie außerhalb der Stadt ein neues Zuhause finden und dabei auf ortsansässige Exemplare treffen würde. Deshalb sollen die Tiere in Stuttgart bleiben. Das macht die Suche nach Ausweichquartieren in einer Stadt mit enormen Grundstückspreisen schwer. „Ähnlich große Probleme wie in Stuttgart gibt es unseres Wissens nach im Land nicht, insofern ist das ein Ausnahmefall“, sagt ein Sprecher des Umweltministeriums.

Stadt investiert im Neckarpark vier Millionen Euro

Aber einer, der den Beteiligten die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Nicht nur bei den Immobilienunternehmen und gewöhnlichen Bauherren. Bei der Stadtverwaltung zeigt man sich zwar gelassen, aber auch dort muss man für jedes einzelne Baufeld Lösungen finden. Das geht ins Geld. Im Neckarpark etwa, wo das derzeit größte neue Stadtquartier entsteht, hat man vor Beginn der Maßnahmen eine Population von 2000 Eidechsen errechnet. „Wie viele es heute sind, weiß kein Mensch“, sagt ein Sprecher. Wohl aber, was das Ersatzhabitat am Rande des Geländes und die Vergrämung dahin kosten: fast vier Millionen Euro. Macht 2000 Euro pro Tier. Derzeit erarbeitet die Verwaltung ein Konzept für Mauer- und Zauneidechsen. Es soll bis Mitte des Jahres vorliegen und sowohl die bisherigen Lebensräume als auch mögliche Ersatzflächen aufzeigen.

Härter trifft es die Bahn. Sie muss im Zuge der Arbeiten zu Stuttgart 21 allein aus Untertürkheim noch rund 5000 Tiere umsiedeln. Ein paar Hundert sind auf Vorschlag von Stadt und Regierungspräsidium bereits auf dem Killesberg gelandet. Zu diesem Zweck ist eine Wiese am Rande des Landschaftsschutzgebiets in eine Steinwüste verwandelt worden. Der Protest dagegen ließ nicht lange auf sich warten.

Tausende Tiere sind noch übrig

Wohin also mit dem Rest? Aus Bahnkreisen verlautet, man habe inzwischen über 200 Flächen geprüft. Heißer Favorit waren zuletzt Weinberghänge am Esslinger Schenkenberg. Zwar nicht in Stuttgart, aber doch sehr dicht dran und wohl grundsätzlich genehmigungsfähig. Dort könnte man alle 5000 Mauereidechsen unterbringen und die Probleme damit auf einen Schlag lösen. „Wir haben im Rahmen des laufenden Planfeststellungsverfahrens die Umsiedlung dorthin beantragt“, sagt ein Projektsprecher. Dummerweise sind bei der Untersuchung des Gebiets Ureinwohner gefunden worden. „Der Schenkenberg fällt als Umsiedlungsfläche aus, weil dort die Zauneidechse lebt, die mit der Mauereidechse nicht harmoniert“, heißt es im Umweltministerium. Alles zurück auf null.

Eineinhalb Jahre Verzögerung

Für die Bahn sind solche Erfahrungen nichts Neues. Bereits bei der Neubaustrecke nach Ulm sind in manchen Abschnitten mehr Eidechsen gefunden worden als noch einige Jahre zuvor – und an anderen Stellen. Das hat die Arbeiten zum Teil um eineinhalb Jahre verzögert, weil ein Planänderungsverfahren notwendig geworden ist und die Tiere zudem nur zu bestimmten Zeiten eingesammelt werden können. Offiziell will man sich bei der Projektgesellschaft trotzdem nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, um weitere Konflikte zu vermeiden. Dementsprechend vorsichtig klingt die Stellungnahme. Man befinde sich bei der Artenschutzproblematik in Untertürkheim „in enger, konstruktiver und lösungsorientierter Abstimmung mit den Landesumweltbehörden“. Denen lägen „umfangreiche Erkenntnisse zu Verbreitung, Entwicklung und Erhaltungszustand vor“.

Hinter den Kulissen freilich rauchen die Köpfe. Es gilt für alle Beteiligten, aus dem Dilemma herauszukommen, ohne den Artenschutz zu verletzen. Dafür wären mehrere Varianten denkbar. Die eine ist die Erweiterung der sogenannten Gebietskulisse Stuttgart – also des Gebiets, in dem Stuttgarter Eidechsen leben und umgesiedelt werden können. Sie entspricht Teilen des Stadtgebiets und geht am Neckar auch etwas darüber hinaus.

„Aus unserer Sicht ist sie gültig und adäquat“, heißt es im Umweltministerium. Das lässt wenig Spielraum. Deshalb läuft im Hintergrund eine zweite Diskussion. Darüber, ob Artenschutz wirklich bedeutet, jedes einzelne Exemplar umzusiedeln oder nur generell den Bestand nicht zu gefährden. Bei 5000 Tieren eine heikle Sache. Und Ausnahmegenehmigungen stehen offenbar nicht zur Debatte.

Im Ausland nimmt man’s nicht so genau

Eine weitere Möglichkeit scheidet aus: Ignorieren. „Der Artenschutz gilt zwar EU-weit, aber in anderen Ländern ist die Umsetzung völlig anders“, sagt ein Insider. Dort könne man es sich schlicht nicht leisten, auf Eidechsen Rücksicht zu nehmen, und keinen interessiere das. „Aber bei uns“, sagt er, „setzen wir natürlich alles peinlich korrekt um.“

Auch für zwei Tiere, die hochgerechnet acht sind und dann doch noch vor dem Umzug ausziehen. Und: Diese achtsame Auslegung des Artenschutzes hat noch ganz andere, ungewollte Folgen. Wird ein Ausgleichsgrundstück einmal nicht benötigt, beginnt der Handel. Marktkenner berichten von astronomischen Summen, die in der Baubranche für genehmigungsfähige, aber ungenutzte Ausweichquartiere für Eidechsen geboten werden. Einzelnen Bauherren soll bereits das Zehnfache der ursprünglichen Erstellungskosten eines solchen Biotops angeboten worden sein.

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