Hierzulande sind circa 50 000 Arzneimittel erhältlich. Bis zu sieben Prozent von ihnen können süchtig machen. Foto: psdesign1 - Fotolia

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig von Medikamenten. Mit leichtfertigen Verschreibungen tragen oft auch Ärzte dazu bei, dass ein Patient süchtig wird.

Stuttgart - Kopfschmerzen, Nervenschmerzen, Rückenschmerzen: Wer den Alltag aufgrund von körperlichen Beschwerden kaum mehr bewältigen kann, ist froh über schmerzstillende Medikamente. Allerdings ist die Einnahme solcher Arzneimittel nicht ganz ungefährlich: Selbst wenn sie ärztlich verordnet und korrekt eingesetzt werden, können sie zu einer Abhängigkeit führen.

In Deutschland sind rund 1,5 Millionen Menschen abhängig von Medikamenten. Das sind etwa fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Insgesamt sind nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit rund 4,7 Millionen Menschen süchtig nach Alkohol, Medikamenten sowie illegalen Drogen. Mit etwa 3,4 Millionen Betroffenen stellt die Alkoholsucht die größte Sparte dar.

Was Schmerzmedikamente so gefährlich macht, ist, dass sie nicht die Ursache des Schmerzes, sondern nur seine Symptome ausschalten. Zudem können sie zahlreiche Nebenwirkungen verursachen. „Bestimmte Schmerzmittel können unmittelbar eine Magenschleimhaut-Entzündung auslösen“, sagt Peter Walger, leitender Arzt für Internistische Intensivmedizin und Infektiologie an den Evangelischen Kliniken in Bonn. Bei einer unkontrollierten Einnahme sei das Risiko von Magenblutungen verdoppelt bis vervierfacht. Nicht selten bleiben Magenblutungen aber unentdeckt, ziehen Eisenmangel und chronische Blutarmut nach sich.

Zwischen vier und sieben Prozent der Medikamente in Deutschland machen abhängig

Bei einer unkontrollierten Einnahme von Schmerzmitteln bestehe darüber hinaus das Risiko, dass die Nieren Schaden nehmen – vor allem bei älteren Menschen. „Auch steigt im Fall von Vorerkrankungen die Gefahr, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden“, sagt Walger.

In Deutschland sind circa 50 000 verschiedene Arzneimittel erhältlich. Zwischen vier und sieben Prozent davon können süchtig machen – darunter Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens IMS Health ist der Absatz von Schmerzmitteln hierzulande zuletzt leicht gestiegen. 2015 wurden knapp 162 Millionen Packungen Analgetika – so der medizinische Fachausdruck – verkauft. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Plus von 2,4 Prozent.

Mit leichtfertigen Verschreibungen von Schmerzmitteln tragen häufig auch Ärzte dazu bei, dass ein Patient süchtig wird. „Wir Ärzte stecken in einem Dilemma“, so Marcus Schiltenwolf, Leiter des Fachbereichs Schmerztherapie der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg. „Denn wir wollen unsere Patienten irgendwie zufrieden machen. Dabei sind eine Schmerzklage und ein ausgestelltes Opioidrezept oft Ausgangspunkt für eine Medikamentenabhängigkeit.“

Warnsignale deuten auf eine Abhängigkeit hin

Oft können Mediziner aber nichts dafür, dass ihr Patient eine Sucht entwickelt. Hält die Wirkung des Schmerzmittels nicht mehr so lange an wie zu Beginn der Behandlung, lassen sich manche Patienten zusätzliche Medikamente von anderen Ärzten verschreiben – die meist nichts von ihrem bereits behandelnden Kollegen wissen. Durch dieses sogenannte „Ärzte-Hopping“ kommt es bei den Betroffenen häufig zu einer Überdosierung von Schmerzmedikamenten, die irgendwann in eine Sucht mündet.

Warnsignale, die auf eine Abhängigkeit hindeuten, sind beispielsweise ein häufiger Arztwechsel, aggressives Verhalten sowie Probleme im Beruf oder in der Familie, sagt Michael Soyka, Ärztlicher Direktor der Schweizer Privatklinik Meiringen. Habe sich die Abhängigkeit erst vor Kurzem eingestellt, sei fast immer noch ein ambulanter Entzugmöglich. „Patienten mit einem langjährigen Missbrauch sollten stationär behandelt werden“, sagt Soyka.

Dabei liegt die Betonung auf sollten: Von den rund 60 000 Menschen, die sich jedes Jahr in eine Sucht-Rehabilitation begeben, ist die große Mehrheit alkoholabhängig (78 Prozent der Männer, 67 Prozent der Frauen). Weitere 14 Prozent der Männer sowie 22 Prozent der Frauen begeben sich wegen anderer Drogen in die Reha, sagt Soyka. Nur zwei Prozent der Männer wegen Medikamenten. „Da Arzneimittelsüchtige nicht in der Reha landen, sind die Therapiekonzepte längst nicht so ausgereift wie beim Alkoholmissbrauch.“

Dabei sei das Leiden in den meisten Fällen behandlungsbedürftig, sagt Hans Joachim Abstein, Referatsleiter Suchthilfe des AGJ-Fachverbandes für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg. Dass sich viele Betroffene nicht nach Hilfe umsehen, habe verschiedene Gründe, sagt er: „Viele haben eine völlig falsche Vorstellung davon, wie schwierig ein Entzug ist – sie gehen von vornherein davon aus, dass sie ihn nicht schaffen würden. Andere schämen sich für ihre Sucht.“

Den Abhängigen ist ihre Sucht oft nicht bewusst

Das mag auch daran liegen, dass Süchtige in unserer Gesellschaft noch immer häufig stigmatisiert werden. „Ihnen wird häufig eine Charakterschwäche, eine moralische Schwäche oder gar eine Verhaltensstörung nachgesagt“, sagt Paula Hezler-Rusch, Vorsitzende des Ausschusses Suchtmedizin der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

Ein weiteres Problem: Den Abhängigen ist ihre Sucht oft nicht bewusst. Zum Beispiel, weil sie die Medikamente einnehmen, um eine Alkohol- oder Opiatabhängigkeit (etwa von Morphin oder Heroin) zu behandeln. Oder, weil sie frei verkäufliche Arzneimittel wie Diclofenac oder Ibuprofenals harmlos einstufen. Das sei aber gefährlich, sagt Abstein: „Eine Selbstmedikation ist oft der Einstieg in die Sucht.“

Bei chronischen Schmerzen Schmerzen also, die länger als drei Monate anhalten – sei es ohnehin unrealistisch, dass diese sich durch die Einnahme von Schmerzmitteln verbessern, sagt Schiltenwolf: „Man muss immer sehen: Wenn wenig nicht hilft, hilft mehr auch nicht.“ Der Mediziner rät daher dazu, gut zu beobachten, ob sich durch ein Medikament eine Verbesserung einstellt. Oft seien ganz andere Faktoren – insbesondere psychischer Natur – an der Entstehung von Schmerzen beteiligt. „Häufig übersehen Ärzte die Person hinter dem Menschen auf dem Behandlungsstuhl.“ Seinen Kollegen empfiehlt Schiltenwolf deshalb, Patienten ganzheitlich zu behandeln. Schmerzmittel, sagt er, könne man gut und gern für eine Woche verschreiben. Länger nicht: „Bezüglich der Nützlichkeit von Opioiden sitzen wir einer gefährlichen Fehleinschätzung auf.“

Hilfsangebote

Hilfsangebote

Eine erste Anlaufstelle für Abhängige sind auch die Suchtberatungsstellen des AGJ-Fachverbandes. www.agj-freiburg.de

Entwöhnungsbehandlungen bei Suchterkrankungen gehören zum Reha-Angebot der gesetzlichen Rentenversicherung. Infos zur Sucht-Reha findet man unter www.deutsche-rentenversicherung.de

Der Baden-Württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation ist seit 90 Jahren Träger der Suchthilfe in Baden-Württemberg. Mehr Informationen findet man unter www.bw-lv.de

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