Winfried Hermann verweist auf lange Realisierungszeiträume bei Bahnprojekten. Foto: dpa/Marijan Murat

Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) begrüßt die Idee eines neuen Tunnels auf den Fildern, verweist aber auf lange Planungs- und Realisierungszeiträume. Der Koalitionspartner von der CDU sieht hingegen den großen Wurf – und hätte sich im Vorfeld mehr Unterstützung gewünscht.

Stuttgart - Am Tag nachdem unsere Zeitung die Überlegungen für einen neuen Tunnel zwischen der Gäubahn und dem Flughafen- und Messegelände auf den Fildern öffentlich gemacht hat, wie sie der Bund im Zusammenhang mit dem Fahrplankonzept „Deutschland-Takt“ derzeit anstellt, fällt die Bewertung durch die Landespolitik zwiespältig aus. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagte in einer eilends angesetzten Pressekonferenz, dass es sich um „interessante und gute Vorschläge“ handle. Er wolle auch keinesfalls als Bedenkenträger auftreten, aber für den nun in Rede stehenden Tunnel brauche es eine Planung, eine Genehmigung und eine Finanzierung. „Würde das vor dem Jahr 2030 fertig werden, würde das einen absoluten Rekord in Deutschland darstellen“, so der Minister.

 

Hermann unternimmt neuen Anlauf für Kopfbahnhofgleise

Für Hermann stellt sich die Frage, ob angesichts der sich damit abzeichnenden noch längeren Unterbrechung der Gäubahn Richtung Hauptbahnhof die Idee eines Interimshalts beim Stuttgarter Nordbahnhof noch richtig sei. Auch will er die Argumente der Stadt Stuttgart – namentlich seines Parteifreunds Peter Pätzold als Baubürgermeister – nicht mehr gelten lassen, dass eine vorübergehende Führung der Gäubahn zum Kopfbahnhof nach Inbetriebnahme von Stuttgart 21 die städtebaulichen Ambitionen der Landeshauptstadt beeinträchtigen würde. Hermann weist zudem darauf hin, dass eine Änderung der Pläne auf den Fildern „tief in bestehende Vertragsverhältnisse“ eingreifen würden. „Wir brauchen deshalb eine Lösung im Konsens“.

Unterstützung bekommt Hermann aus seiner Partei von Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Es sei im Licht der neuen Überlegungen umso wichtiger, „dass der Hauptbahnhof über die innerstädtische Gäubahntrasse anfahrbar bleibt.“ Zudem plädiert er für eine Ergänzungsstation in der City. „Es liegt insbesondere an der Landeshauptstadt und dem Verband Region Stuttgart, sich darauf einzulassen.“ Gedanken auch zu einer solchen Station macht sich seit knapp einem Jahr eine Arbeitsgruppe unter Führung des Landesverkehrsministeriums, in der anfänglich auch die Bahn vertreten gewesen ist.

Landtags-CDU geißelt bisherigen „faulen Kompromiss“

Der Koalitionspartner der Grünen im Land unterstreicht hingegen die Chancen, die die neue Idee aus seiner Sicht bietet. Kultusministerin Susanne Eisenmann, die die CDU-geführten Ministerien in der Landesregierung koordiniert, sagte unserer Zeitung: „Der nun skizzierte Vorschlag der Gutachter zum Deutschland-Takt überzeugt mich, weil er eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich bringt.“ Der untersuchte Tunnel bringe „echten Lärmschutz für die Anwohner auf den Fildern. Und er verhinderte sowohl eine längere Phase ohne S-Bahn-Verkehr in Richtung Filderstadt als auch einen späteren Mischverkehr mit Zügen der S-Bahn sowie des Fern- und Regionalverkehrs.“ Nicole Razavi, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, lässt durchblicken, dass sie sich für den Gäubahntunnel aber auch für die Lösung eines neuen Nordzulaufs zwischen der A 81 und Feuerbach mehr Unterstützung gewünscht hätte. „Wir haben lange – auch gegen erhebliche Widerstände – für die Anmeldung beider Projekte für den Deutschland-Takt gekämpft.“ Aus ihrer Sicht sei das bisherige Konzept „drittes Gleis am Terminal“ immer Murks und nur ein fauler Kompromiss gewesen. „Das neue Gäubahn-Konzept ist dem haushoch überlegen.“

Die Projektgegner flüchten sich angesichts der neuen Ideen in Sarkasmus. „Hier wird Wahnsinn mit Wahnsinn bekämpft“, sagt Frank Distel von der Schutzgemeinschaft Filder. Zwar behebe ein solcher Tunnel die bekannten Schwachpunkte der bisherigen Lösung wie etwa den Mischverkehr zwischen langsamen S-Bahnen und schnellem Regional- und Fernverkehr. „Aber man muss die mit Blick auf die Kosten die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen“, so Distel, der rund eine Milliarde Euro für den neuen Gäubahntunnel für realistisch hält. Dass man sich nun überhaupt solche Gedanken mache, zeige „schonungslos die zahllosen Mängel und Fallstricke des Filderabschnitts auf.“

Der Flughafen hält die Kasse zu

Auch am Flughafen beobachtet man die neue Entwicklung aufmerksam. „Wir sind immer offen für Verbesserungen bei der Flughafenanbindung. Schließlich profitiert die gesamte Region von der Verkehrsdrehscheibe am Landesairport“, sagt Walter Schoefer, Sprecher der Geschäftsführung des Manfred-Rommel-Airport. Allerdings will der Flughafenchef verbindliche Regelungen ehe man sich von der bisherigen Lösung verabschiede – und erteilt schon einmal vorsorglich einem weiteren Griff in die Unternehmenskasse eine Absage. „Die bisherige Planung zum Anschluss der Gäubahn würden wir aber erst aufgeben, wenn die neue Lösung planerisch verbindlich und rechtlich wasserdicht vereinbart ist und die Flughafengesellschaft damit keine Mehrkosten zu tragen hat.“