Für den Deutschland-Takt, einem Fahrplankonzept für bessere Anschlüsse und kürzere Reisezeiten, prüft der Bund derzeit, wo das deutsche Schienennetz ausgebaut werden muss. Überraschend kommt nun ein weiterer Tunnel auf den Fildern südlich von Stuttgart ins Gespräch.
Stuttgart - Bei den Untersuchungen des Bundes für das Fahrplankonzept Deutschland-Takt sind die Planer in der Region Stuttgart auf zwei Stellen gestoßen, an denen sich aus ihrer Sicht Investitionen ins Schienennetz denkbar sind. Damit könnten Fahrzeiten zwischen Stuttgart und anderen Städten so verbessert werden, dass Anschlüsse zuverlässiger funktionieren und sich deutlich verkürzte Reisezeiten ergeben. Ausbauten, die diesem Ziel dienen, haben gute Chancen, in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen zu werden, in dem der Bund die von ihm ins Auge gefassten Projekte zusammenstellt.
Bislang war bekannt, dass die Planer über einen zehn Kilometer langen neuen Tunnel zur Beschleunigung der Fahrzeit zwischen Stuttgart und Mannheim nachdenken. Offensichtlich sind sie aber auch im Süden der Landeshauptstadt fündig geworden. Dort geht es um Verbesserungen an der Gäubahn. Die Bundesrepublik hat sich vertraglich gegenüber der Schweiz verpflichtet, die Verbindung in Richtung Zürich zu beschleunigen. Dies könnte unter anderem mit einem neuen langen Tunnel auf den Fildern passieren.
Wie sieht die neue Idee aus?
Mit dem nach Informationen unserer Zeitung im Rahmen des Deutschland-Takts untersuchten sogenannten Gäubahntunnel ließen sich nicht nur die Anschlüsse in Richtung Bodensee und Schweiz verbessern. Mit den Röhren ließen sich auf den Fildern und im Bereich des Manfred-Rommel-Flughafens auch die verschiedenen Zugarten voneinander trennen und so verhindern, dass sich S-Bahnen sowie Züge des Fern- und Regionalverkehrs gegenseitig aus dem Takt bringen. Züge auf der Gäubahn in Fahrtrichtung Stuttgart würden zwischen Böblingen und Stuttgart-Rohr in einen langen Tunnel abtauchen. In ihm unterqueren sie Oberaichen und die bestehende S-Bahnstrecke bei Leinfelden. In gerader Linienführung ginge es weiter unter der B 27 und der A8 hindurch. Dort geht der Tunnel in eine Kurve Richtung Süden über und mündet schließlich in den geplanten Fern- und Regionalbahnhof unter der Messepiazza. Nach einem Stopp dort könnten die Züge ihre Fahrt durch den Fildertunnel in Richtung Hauptbahnhof fortsetzen. Der bisher vorgesehene Ausbau der bestehenden S-Bahnstation mit einem dritten Gleis für die Gäubahnzüge hätte sich damit erübrigt. Für diese Erweiterung hätte die S-Bahn nach bisheriger Planung ein Jahr lang nicht zum Flughafen und weiter nach Filderstadt fahren können. Entlang der bestehenden Strecke durch Leinfelden-Echterdingen hätten Lärmschutzwände die Anwohner vor den Geräuschen der durchfahrenden Züge abschirmen sollen. Groß war in der Messestadt auch die Angst davor, der Fahrplan der S-Bahn könne zugunsten von mehr Fahrmöglichkeiten für die Fernzüge ausgedünnt werden.
Wie ist der Verfahrensstand?
Der Stuttgart-21-Abschnitt im Flughafen ist zweigeteilt. Für einen Teil, von der Bahn 1.3a genannt, hat das Bundesverwaltungsgericht Mitte Juni grünes Licht gegeben, die Bauarbeiten nehmen Fahrt auf. Der andere Teil, 1.3b, der die Gäubahnführung über die sogenannte Lösung „Drittes Gleis“ am Flughafen beschreibt, ist noch in der Genehmigungsphase. Das Prozedere ruht derzeit aber coronabedingt. Denkbar wäre, den neuen Gäubahntunnel gar nicht als eigenständigen Abschnitt einzuordnen, sondern die genehmigten Pläne für 1.3a einem Änderungsverfahren zu unterziehen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass die Zeit, die bei der Umplanung verloren gehe, durch die deutlich einfachere Bauweise des Tunnels vor allem unter landwirtschaftlich genutzten Flächen mittels einer Tunnelbohrmaschine wieder wettgemacht werden könne.
Wie geht es weiter?
Stuttgart 21 taugt offensichtlich in der grün-schwarzen Landesregierung weiterhin als Zankapfel. Komme das Thema auf die Tagesordnung, sei schnell die maximale Eskalationsstufe am Kabinettstisch erreicht. Einigkeit scheint nur soweit zu herrschen, dass der bisher gefundene Kompromiss Drittes Gleis eigentlich keinen der beiden Regierungspartner vollkommen überzeugen konnte. Die Schlussfolgerungen daraus waren aber höchst unterschiedlich. Während das von Winfried Hermann (Grüne) geführte Landesverkehrsministerium immer wieder Sympathie dafür erkennen ließ, die Gäubahnzüge weiter über die Panoramastrecke in den Talkessel zu führen und dafür sogar einen unterirdischen Kopfbahnhof ins Spiel brachte, ließen die Christdemokraten ihre Drähte nach Berlin glühen, um eine andere Lösung zu finden. Diese könnte aus dem Gäubahntunnel bestehen. Dem Vernehmen nach wird Anfang Juli Hermanns Amtschef Uwe Lahl in die Bundeshauptstadt reisen, um mit Vertreten des Bundes das weitere Vorgehen abzustecken.
Gibt es weitere Alternativen?
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts nochmals ein Innehalten am Flughafen gefordert. Der Bau der Strecke Richtung Ulm sei davon ausgenommen. Mit Blick auf die bislang geplanten Bahnhöfe am Airport kommt der VCD allerdings zum Schluss. „Eine funktionierende Verkehrsdrehscheibe sieht anders aus. Statt drei Bahnhöfen am Flughafen müsste dort ein gebündelter Bahnhof für den Fern-, Regional- und S-Bahnverkehr entstehen“, konstatiert VCD-Landeschef Matthias Lieb. Ein Gutachter im Auftrag der Stadt Leinfelden-Echterdingen hatte sich auch für einen gemeinsamen Bahnhof für alle Zugarten direkt vor den Terminals ausgesprochen.