Darüber wird diskutiert: Neues Schloss in Stuttgart Foto: www.7aktuell.de | David Skiba

„Beamte raus aus dem Neuen Schloss“ – diese Forderung kommt immer wieder, wenn über Stuttgarts Stadtmitte diskutiert wird. Jetzt eröffnet die notwendige Sanierung des Mitteltraktes Chancen, das Neue Schloss öffentlich zu nutzen. Ein Schritt mit Folgen, zeigt „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer.

Stuttgart - Sind in Stuttgart hochrangige Gäste zu begrüßen, bittet das Land in den Marmorsaal oder in den Speisesaal im ­Zentrum des Neuen Schlosses. Doch der Glanz, der den niederländischen König ­Willem-Alexander ebenso betören soll wie zuletzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder auch Staats-Delegationen, trügt.

Der Schloss-Mitteltrakt muss saniert werden

Längst ist klar: Die Repräsentationsräume des Landes im ­Neuen Schloss müssen­ ­saniert werden. „Der Mitteltrakt des Neuen Schlosses soll dem aktuellen Stand der Technik angepasst werden“, bestätigt das für die Repräsentationsräume zuständige baden-württembergische Staatsministeriums.

Murawski sieht neue Chancen

Doch bei der Bestandsaufnahme der Sanierungsmaßnahmen soll es nicht bleiben. In der Regierungszentrale in der Villa Reitzenstein denkt man weiter. Auf ­Anfrage ­bestätigt Staatsminister Klaus-Peter Murawski (Grüne): „Die Sanierung des Neuen Schlosses bietet die einmalige Chance, nicht nur technische und umwelttechnische, sondern auch geschichtliche, städtebauliche und gesellschaftliche Aspekte mit in die ­Planung einfließen zu lassen.“

Erinnerung an Milla-Konzept von 2012

Offene Türen für das Neue Schloss? War da nicht etwas? In unserer Zeitung stellte im August 2012 Johannes Milla, als Kommunikationsexperte unter anderem verantwortlich für die erfolgreichen deutschen Weltausstellungsauftritte in Shanghai (2010) und Mailand (2015) seine Konzeption eines durchgängig öffentlich genutzten Ortes vor. Millas Überschrift: „Neues Bürgerschloss“.

Und nun? Ginge der Satz „Das Bürgerschloss kommt“ deutlich zu weit, heißt es aus Kreisen des Staatsministeriums. „Die von Ministerpräsident Kretschmann praktizierte Politik des Gehörtwerdens und der Gedanke eines Bürgerschlosses könnte bei der Sanierung Berücksichtigung finden“, sagt Staatsminister Murawski auf Anfrage.

Milla zielte 2012 auf einen „Ort der politischen Bildung“

Inhaltlich ist Millas Bürgerschloss-Vision indes überraschend nahe an den Zielen des Landes. 2012 sagte Milla unserer Zeitung: „Aus dem Neuen Schloss soll das Neue ­Bürgerschloss werden. Ein Ort, in dem ­internationale oder regionale Besucher oder Stuttgarter erfassen können: Hier ist Baden-Württemberg. Ein Ort der Vergewisserung und des Auffindens von Identität. Wenn Sie so wollen, ein Ort der Heimat. Aber auch ein Ort der politischen Bildung und des ­Bewusstseins.“ Und weiter: „Es geht um ­Gemeinsinn und Solidarität – auch mit ­Menschen, die noch nicht einen deutschen Pass haben. Es wird zum Beispiel ein Politiklabor für Schulklassen geben.“

Öffnung auch zum Landtag hin?

Bräuchte ein solcher Ort nicht aber auch eine Öffnung des Neuen Schlosses in Richtung Landtag und in Richtung der Lern- und Bildungsorte Haus der Geschichte, Staatsbibliothek, Landesbibliothek und Stadt­museum? „Diese Aspekte“, heißt es im Staatsministerium knapp, „sind Gegenstand eines aktuell ­erteilten Prüfauftrags“.

Sanierungsbeginn 2020

2020 sollen die Arbeiten im Neuen Schloss beginnen, 2022 abgeschlossen sein. Mit ­Folgen auch für das Kunstgebäude am Schlossplatz. „Das Kunstgebäude“, so der Sprecher im Staatsministerium Arne Braun, „erweist sich nach gründlicher Prüfung der vorhandenen innenstadtnahen Gebäude aufgrund seiner Größe und Lage als ­Interimsgebäude für die Veranstaltungen der Landesregierung während der ­Sanierungsphase des Mitteltraktes Neues Schlosses als passend.“

Landes-Empfänge im Kunstgebäude

Doppelt pikante Situation

Eine doppelt pikante Situation. Zum einen hatte 2003 der Vorstoß des damaligen CDU-Staatsministers Christoph Palmer, das Kunstgebäude in eigens definierten Zeiträumen als erweiterte Bühne für ­Empfänge oder Kongresse des Landes zu nutzen, für Empörung bei den Grünen im Stuttgarter Landtag geführt. Nicht weniger der ­Kabinettsbeschluss von 2004, der das Kunstgebäude zur „Kunst­halle des Landes“ machte.

Kollision mit neuem Kunstgebäude-Konzept?

Zum anderen ist das von Klaus-Peter ­Murawskis Parteikollegin Theresia Bauer gelenkte Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst feder­führend in der Neukonzeption des Kunst­gebäudes. ­Danach sollen der zentrale Kuppelsaal, die große Verteilerhalle sowie die umlaufenden Räume im Erdgeschoss und im Obergeschoss des Altbaus als Veranstaltungsbühne unterschiedlicher Kunstformen ertüchtigt werden.

Der Vierecksaal und die Glastrakt-Verbindung zum Kuppelsaal bleiben dem für Ausstellungen internationaler Gegenwartskunst bekannten Württembergischen Kunstverein Stuttgart vorbehalten. Der Kunstverein wiederum ist mitgestaltende Kraft in der Projektgruppe zur Zukunft im Kunstgebäude – wie auch das Schauspiel Stuttgart, das Theater Rampe, das Institut für Auslandsbeziehungen, die Kunstakademie Stuttgart und die ­Akademie Schloss ­Solitude.

Wderstreitende Interessen

Durchaus widerstreitende Interessen kommen hier zusammen – und ­sehen sich mit einem neuen Akteur ­konfrontiert: einer auf Repräsentationsräume angewiesenen Landespolitik. Um welche Räume geht es im Kunstgebäude? „Die Erdgeschossräume für Veranstaltungen. Drei Büros im Obergeschoss sowie Lagermöglichkeiten im Untergeschoss“, so ein Sprecher des Staats­ministeriums.

Kunststaatssekretärin Olschowski sieht „Chancen“

Petra Olschowski, parteilose Staats­sekretärin im Ministerium für Wissenschaft, ­Forschung und Kunst, hebt „die positive ­Seite“ hervor. „Wir sehen die Chance“, sagt ­Olschowski unserer Zeitung, „einen zeit­gemäßen Kunst- und Repräsentationsort zu entwickeln – und noch mehr Aufmerksamkeit für das Kunstgebäude zu wecken“.

Kultur als „Gewinner“?

­Olschowski sieht auch die Kultur als ­Gewinner. „Da die Sanierungen im Neuen Schloss dringlich sind“, sagt die Staatssekretärin, „können nun auch die für eine interdisziplinäre, flexible kulturelle Nutzung nötigen Umbaumaßnahmen im Kunstgebäude vorgezogen und deutlich schneller umgesetzt werden“. Grundlage für die ­Umbauten bliebe, so ­Olschowski, „die Vorstellungen, die die Kunstseite in den vergangenen zwei Jahren formuliert hat“. Umgekehrt unterstreicht man im Staats­ministerium: „Die geplanten, abgestimmten Großveranstaltungen des Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst werden auch in der Interimszeit stattfinden ­können.“

Politik und Kultur in neuem Dialog

Für das Kunstgebäude bisher nur Absichtserklärungen

Bis jetzt gibt es für die Sanierung und den Umbau des Kunstgebäudes zur sparten­übergreifenden Kunstbühne nur Absichtserklärungen. Von einem Kabinettsbeschluss zur Finanzierung ist man noch weit entfernt. Wird also die Not des Staatsministeriums zum Glück der Kulturszene? „Jetzt ist möglich, baulich das zu erreichen, was wir zusammen mit den Vertretern der Kunstszene der Stadt für eine langfristige Nutzung entwickelt haben“, sagt Petra ­Olschowski. Und die Staatssekretärin ergänzt: „Ich ­sehe auch in der gemeinsamen Nutzung des Kunstgebäudes nach der Umbauphase einen Gewinn: Wir haben die einmalige Möglichkeit, die viel angemahnte ­Einheit von Kultur und Politik an einem zentralen Ort in ­Stuttgart ­umzusetzen“.

Welche Rolle spielt der Württembergische Kunstverein?

Politik spielt bereits jetzt eine große Rolle im Kunstgebäude – ausdrücklich positionieren Iris Dressler und Hans D. Christ als Direktoren den Württembergischen Kunstverein Stuttgart als Forum gesellschaftspolitischer Analyse. Vor allem sie dürften darauf ­drängen, dass bisher für die Kunstgebäude-Zukunft geplante Diskussions-Formate durch den erwartbaren Glanz landespolitischer Repräsentation nicht zur Randnotiz werden. Äußern wollten sie sich zu der neuen Lage zunächst nicht. Ganz scheint die Kultur dem neuen Allianz-Glück mit der Politik nicht zu trauen.

Diskussion um Stuttgarts Stadtmitte befeuert

Wie es weiter geht? Der Sanierungsbedarf im Neuen Schloss wird geprüft, ebenso die Notwendigkeiten und Möglichkeiten im Kunstgebäude. Erst danach, heißt es aus beiden Häusern, könne der Finanzbedarf festgestellt werden. Klar ist: Die Pläne für eine Öffnung des Neuen Schlosses wie die Konsequenzen für das Kunstgebäude am Schlossplatz befeuern die Diskussion um eine Neudefinition des Zentrums der Landeshauptstadt.

Staatsminister Murawskis Idee

Staatsminister Murawski gibt für die Schloss-Zukunft doch noch einen Ausblick: „In diesen Zeiten ist der Aspekt der politischen ­Bildung wichtiger denn je, und der könnte etwa bei der Planung temporärer Ausstellungen eine wichtige Rolle spielen.“

Das Neue Schloss

1744 nennt der 16-jährige Herzog Carl Eugen als Bedingung für die Rückverlagerung der württembergischen Residenz von Ludwigsburg nach Stuttgart den Bau eines neuen Schlosses. Leopoldo Retti erhält die Generalplanung.

1746 wird der Grundstein gelegt. Nach dem Tod Rettis 1751 übernimmt Philippe de La Guêpière die Projektplanung.

1762 brennt der Gartenflügel aus. 1764 verlegt Carl Eugen seine Residenz nach Ludwigsburg, die Arbeiten in Stuttgart werden gestoppt. 1775 kehrt Carl Eugen nach Stuttgart zurück, der Schlossbau geht weiter.

1792 stirbt Carl Eugen, Herzog Friedrich II. überträgt die Vollendung des Schlosses an an Nikolaus Friedrich von Thouret.

1806 ist das Neue Schloss vollendet. Bis 1841 gibt es Ein- und Umbauten.

1918 geht das Schloss mit der Abdankung von König Wilhelm II. in Staatsbesitz über. 1920 werden das gesamte Obergeschoss und das Erdgeschoss des Stadtflügels Museum.

1944 wird das Neue Schloss durch Luftangriffe nahezu vollständig zerstört.

1957 beschließt der Landtag von Baden-Württemberg den Wiederaufbau.

1964 wird das Schloss Sitz von Landesministerien.

2012 stellt der Kommunikationsexperte Johanes Milla seine Konzeption „Neues Bürgerschloss“ vor.

2020 soll der für Empfänge der Landesregierung genutzte Mittelblock des Neuen Schlosses saniert werden. Nicht davon berührt sind die beiden Flügel – Sitz des Finanzministeriums beziehungsweise des Wirtschaftsministeriums.

2022 soll die Sanierung abgeschlossen sein – mit einer erweiterten öffentlichen Nutzung im Erdgeschoss. Empfänge der Landesregierung finden von 2020 bis 2022 im Kunstgebäude am Schlossplatz statt.

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