Spannende Figurationen im Obergechoss Foto: Foto: Steffen Schmid

Stuttgart hat es schwer mit sich – und macht es sich gerne einfach. Bestaunt das Dorotheen-Quartier, als sei das Zentrum neu entdeckt. Klammert sich trotzig an die Segnung der Stadtautobahn als Kulturmeile und denkt auch sonst gerne von einer Häuserecke zur nächsten. Zu kurz, meint unser Titelautor Nikolai B. Forstbauer.

 
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Stuttgart - Stuttgart ächzt leidenschaftlich unter sich selbst. Wieder einmal und nun erst recht. Zu viele Autos, zu enge Straßen, zu viel Beton, zu viel Stadt irgendwie und jetzt auch noch eine Innenstadtbebauung, die sich in ihrer Wertigkeit (auch darin, verschüttete Straßen- und Raumbeziehungen neu zu beleben) nicht eilends als zweit- oder gar drittklassig abqualifizieren lässt. Prompt sorgt das Dorotheen-Quartier für ein Reaktionsfeuerwerk, als sei eine Stadt neu gegründet.

Stuttgart macht es sich gerne einfach

Ja, Stuttgart hat es schwer mit sich – und macht es sich auch deshalb gerne einfach. Ruft zum „Aufbruch“, um dann in der 40 Jahre alten Diskussion über einen Kilometer einer doch real nahezu 15 Kilometer langen Stadtautobahn zu versinken. Kulturmeile – das war ein Werbebegriff, um das Ungeheuer Adenauer-Straße zu legitimieren und der Landeshauptstadt einen urbanen Anstrich zu geben. Kulturmeile, das war aber immer auch eine Verengung, eine Zementierung der zielorientiert genutzten Gerade, eine Absage an weiterführende Beziehungen.

Kulturmeile ist eine Vorgarten-Diskussion

Mehr denn je gilt: Wer das Vorgärtchen Kulturmeile pflegt, begrenzt die Stadt, lässt sie nicht atmen, lässt sie keine Fragen stellen. Eine Linie ist überschaubar. Eine Linie, die ausgreift, die sich biegt, die ein Geviert umreißt, wie zwischen Staatsgalerie, Landes- und Stadtbibliothek, Institut für Auslandsbeziehungen, Landesmuseum, Kunstmuseum, Kunstgebäude und Staatstheater-Areal, eine Linie, die eine eigene Figuration entwickelt, wird unüberschaubar, begründet und behauptet damit das Unerwartete. Was aber anderes ist das spannungsvoll Urbane? Mutlos jedoch bleiben Stuttgarts Rollenspiele – von der ‚Stadt am Fluss‘ bis eben hin zu jenem umfassenden Geviert, das unsere Zeitung seit mehr als 15 Jahren als Kulturquartier skizziert. Nicht für ein nettes Schild, sondern um die inhaltliche Kraft der Beteiligten aufzuzeigen und auch einzufordern.

Gastronomie ist kein Allheilmittel

Stuttgart aber verliert sich in heilloser Fragmentierung. Kaum ist das Dorotheen-Quartier eröffnet, erklärt man den Platz kaum 50 Meter weiter zur toten Fläche – gerade so, als gebe es keinen Markt auf diesem Platz, als sei ein Platz ohne gastronomisches Dauerfeuer kein Platz. Dann feiert man die wirtschaftlich dringend benötigte Aufwertung der Tübinger Straße, als habe man eben die Stadt der Zukunft erfunden, schreibt wiederum das Gerberviertel ab und hofft auf eigenwillig stille Weise, die Feinstaub- und Stickoxidfragen würden das Milaneo und den ebenso eigenwillig wie wunderbar trotzig belebten Unort Europaviertel gleich mit pulverisieren. Und weil Stadtraumgestaltung nun mal teuer ist und viel politischen Durchhaltewillen sowie belastbare Rückendeckung der Bürgerschaft braucht, belässt man es lieber beim technischen Begriff Sanierung des Opernhauses, als offen und selbstbewusst über eine dann auch als bürgerschaftliche Investitionsaufgabe zu verstehende stadträumliche Neugestaltung des Staatstheater-Areals zu reden.