Lebensmittel Auf den Spuren der Wegwerfgesellschaft

Von Anja Tröster 

In diesem Laden werden Birnen mit braunen Flecken nicht weggeworfen, sondern gegessen:  Eine Mitarbeiterin verteilt Waren an Bedürftige in der Lebensmittelausgabe „Laib und Seele“ der Berliner Tafeln. Foto: dpa
In diesem Laden werden Birnen mit braunen Flecken nicht weggeworfen, sondern gegessen: Eine Mitarbeiterin verteilt Waren an Bedürftige in der Lebensmittelausgabe „Laib und Seele“ der Berliner Tafeln. Foto: dpa

Verbraucher werfen viel Nahrung weg. Der Soziologe David Evans hat dafür eine Erklärung gefunden.

Stuttgart - Weltweit wird der Welternährungsorganisation (FAO) zufolge bis zu ein Drittel aller Nahrungsmittel ungenutzt weggeworfen. In Deutschland landen im Durchschnitt von den 456 Kilogramm an Lebensmitteln, die in privaten Haushalten pro Kopf und Jahr verbraucht werden, 81 Kilogramm im Müll, wie das Umweltbundesamt schreibt. Könnte ein Haushalt diese Verschwendung vermeiden, würde er 235 Euro im Jahr sparen.

Dass die Verschwendung von Lebensmitteln ein großes Problem darstellt, ist längst ins Bewusstsein der Verbraucher gerückt. Das zeigt eine Umfrage, die von der Initiative „Zu gut für die Tonne“ im Februar veröffentlicht worden ist. 87 Prozent der Befragten waren überzeugt, dass Verbraucher für einen großen Teil des Problems verantwortlich sind. Zwei Drittel glauben deshalb auch, dass der Einzelne viel zur Lösung des Problems beitragen kann. Und doch gelingt es bisher nur schleppend, die Verluste einzudämmen. Woran liegt das?

Der britische Soziologe David Evans hat bereits 2011 versucht, dem Problem mit den Methoden der klassischen Feldforschung auf den Grund zu gehen. Sein Buch „Verschwendung – wie aus Nahrung Abfall wird“ ist nun zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Darin zieht er Schlüsse, die Beachtung verdienen. Auch seinen Versuchspersonen war durchaus bewusst, wie viel sie verschwendeten. Dass sie überschüssige Lebensmittel trotzdem – wenn auch mit schlechtem Gewissen – entsorgten, hatte einen guten Grund: Das Ideal, sich und mehr noch die eigene Familie „richtig“ zu ernähren, war wichtiger.

Viele denken, dass gesunde Ernährung bedeutet, nur frische Zutaten zu verwenden

Bei Evans’ Feldversuch handelt es sich wohlgemerkt nicht um eine repräsentative Studie. Der Soziologe hatte sich vielmehr in einem Viertel von Manchester zwei Straßenzüge ausgesucht und seine Versuchspersonen mehrmals beim Einkaufen und Kochen begleitet. Bei diesen Begegnungen verfolgte er, wie aus Nahrung erst Überschuss und dann Ausschuss wird.

Dabei kristallisierten sich zwei Erkenntnisse heraus: Viele der Befragten betrieben einen großen Aufwand, um Lebensmittel sorgsam zu nutzen. Aber alle teilten auch die Idee, dass gesunde Ernährung bedeutet, nur frische Zutaten zu verwenden. In Verbindung mit wenig durchdachten Einkäufen unter Zeitdruck führte das immer wieder dazu, dass welkes Gemüse aussortiert wurde anstatt es noch zu verwenden. Frisches mit altem zu mischen, erschien den Probanden ebenfalls falsch. Die Übereinstimmung bei der Definition, was „richtiges Essen“ ist, war offenbar über alle soziologischen Unterschiede hinweg groß.

Die Schuld nur bei den Verbrauchern zu suchen, ist aus Sicht von David Evans falsch. „Nicht jeder Akt der Verschwendung in einem Haushalt ist vom einzelnen Verbraucher verursacht“, betont er. Verpackungsgrößen seien ebenfalls ein Problem. Hier wäre es aus seiner Sicht wichtig, besser auf den Bedarf einzugehen.

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