Gute Förderung von Anfang an, soll der Pakt zur frühkindlichen Bildung bewirken. Foto: dpa

Schon vor der Einschulung sollen Kinder bestmöglich gefördert werden. Dafür geben Land und Gemeinden 80 Millionen Euro zusätzlich aus. Aber auch die Eltern werden in die Pflicht genommen.

Stuttgart - Kinder in Baden-Württemberg sollen schon vor der Einschulung möglichst gut gefördert werden. „Wenn wir die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler verbessern wollen, müssen wir bereits in den Kitas ansetzen“, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Mit den Kommunen hat sich das Land nach langen, in Eisenmanns Einschätzung „teilweise mühsamen Verhandlungen“ darauf verständigt, dass die Qualität der frühkindlichen Bildung und Betreuung verbessert werden soll. Jährlich sollen 80 Millionen Euro zusätzlich dafür fließen. Das sieht der Pakt für gute Bildung und Betreuung zwischen Land und Kommunen vor.

Kitagruppen vergrößern

Die Gruppengröße in den Kitas ist noch ein Zankapfel. Erzieherinnen sind knapp. Die Kommunen drängen deshalb darauf, dass sie zwei bis drei Kinder mehr in die Gruppen aufnehmen dürfen als bisher, bis der Fachkräftemangel abgemildert ist. Das passe zwar nicht mit dem Anspruch der Qualitätssteigerung zusammen, deutet Eisenmann an. Sie spielt den Ball an die Regierungsfraktionen der Grünen und CDU weiter, die darüber entscheiden müssten.

Mehr Erzieherinnen wollen Land und Kommunen gewinnen, indem sie die duale Ausbildung PIA (praxisorientierte Ausbildung zur Erzieherin) deutlich ausbauen. 1000 zusätzliche Auszubildende erhofft sich Eisenmann – ein Viertel mehr als jetzt. Bis das Ziel erreicht ist, soll jeder Träger, der einen neuen PIA-Ausbildungsplatz anbietet, pro Azubi monatlich 100 Euro als Anreiz bekommen. Anders als in der Fachschulausbildung zu Erzieherin erhalten PIA-Azubis während der dreijährigen Ausbildung eine Vergütung. Das kann das Land bis zu 36 Millionen Euro kosten. Über den Pakt hinaus will das Land Kitaleiterinnen für die Leitungsaufgaben teilweise freistellen. Das soll jedoch über den Bund finanziert werden.

Schwerpunkt Sprachförderung

Bei fast jedem dritten Kind stellen die Experten bei der Einschulungsuntersuchung im vorletzten Kindergartenjahr einen intensiven Sprachförderbedarf fest. In Zukunft wird es ein verpflichtendes Gespräch über die individuellen Fördermaßnahmen geben, an dem die Eltern der Vierjährigen teilnehmen müssen. Sollte das nicht die gewünschte Wirkung haben, deutet Eisenmann an, in einem zweiten Schritt die Fördermaßnahmen der Kinder zur Pflicht zu machen. Gefördert wird nach den bisherigen Förderprogrammen „Spatz“ und „Singen-Bewegen-Sprechen“. Das Konzept soll aber erweitert werden um Motorik, Sozialverhalten und mathematische Vorläuferfähigkeiten.

Der Orientierungsplan zur Bildung im Kindergarten ist in seiner jetzigen Fassung inzwischen sieben Jahre alt. Er soll Grundlage der pädagogischen Arbeit im Kindergarten bleiben. Eisenmann will ihn aber evaluieren lassen und eventuell anpassen. Das wird 200 000 Euro kosten. Die FDP moniert, dass der Plan noch immer nicht verbindlich wird.

Modellversuch zur Inklusionsbegleitung

Inklusionskinder zählen in Zukunft bei der Bezuschussung durch das Land doppelt. Das haben die Kitaträger seit langem gefordert. In einem Modellversuch in fünf oder sechs Regionen will das Land zudem testen, was mobile Fachdienste und Qualitätsbegleiter bewirken können. Sie sollen Erzieherinnen und Erzieher beraten und weiterqualifizieren. Sollte der mobile Fachdienst Inklusion flächendeckend eingeführt werden, könnte das 31 Millionen Euro kosten.

Mehr Geld für Tagesmütter

Tagesmütter können auf bessere Bezahlung in der Betreuung von Kindern über drei Jahren hoffen. Pro Kind und Stunde sind ein Euro mehr, also 5,50 Euro vorgesehen. Land und Kommunen übernehmen je die Hälfte der Erhöhung. Das koste das Land 3,5 Millionen Euro zusätzlich zu den bereits etatisierten Zuschüssen von 17 Millionen Euro, so Eisenmann. Auch in der Tagespflege soll die Qualität steigen. Sofern die Pflegepersonen keinen deutschen Schulabschluss haben, müssen die sprachlichen Kompetenzen nachgewiesen werden. Auch die Qualifizierung soll weiter entwickelt werden. Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule wird von Lehrerinnen und Erzieherinnen gemeinsam gestaltet. Bisher erhalten jedoch nur die Grundschulen eine Wochenstunde für die Kooperation. Jetzt erhalten auch Kitas eine Stunde für die gemeinsame Arbeit.

Neues Forum frühkindliche Bildung

Umstrukturierungen gibt es auch im Kultusministerium. Geplant ist ein „Forum frühkindliche Bildung“, das die Träger berät und die Qualität nach landesweiten Standards weiterentwickeln soll. „Wir müssen uns stärker an wissenschaftlich fundierten Standards orientieren“, erklärt dazu die Kultusministerin. Es wird eine enge Zusammenarbeit mit dem künftigen Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung sowie dem neu entstehenden Institut für Bildungsanalysen angestrebt. Neue Stellen sind laut Eisenmann nicht vorgesehen.

Kommunen bestehen auf größeren Gruppen

Erste Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Der Landkreistag zeigt sich „dankbar, dass es mit dem Pakt zu deutlichen Qualitätsverbesserungen in der Bildung kommen wird“, so sein Präsident Joachim Walter. Gemeindetagspräsident Roger Kehle betont, die Ausbildungsoffensive sei eine zwingend notwendige Grundlage für Qualitätssteigerungen. Da sie mittelfristig wirke, müsse die Höchstgruppenstärke flexibilisiert werden. Das sei ein „unbeliebtes, aber notwendiges Mittel.“ Zwei, drei Kinder pro Gruppe mehr aufzunehmen sei „immer noch besser, als diesen Kindern gar keinen Platz anzubieten.“ Dem erteilt die oppositionelle SPD eine klare Absage. Der Verband der Tagesmütter betrachtet die Erhöhung als „wichtigen ersten Schritt zu einer besseren Bezahlung“ und hofft, dass sie noch in diesem Jahr umgesetzt wird.

GEW fordert mehr Studienplätze

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt, mit größeren Gruppen gebe es keine bessere Qualität. Die Landesvorsitzende Doro Moritz klagt auch dass der Orientierungsplan bisher aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt wurde. Zur Gewinnung von Fachkräften sollten nicht nur die PIA-Ausbildungsplätze erhöht werden, sondern auch mehr Studienplätze angeboten werden.

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