Mehr als 30 Jahre sind seit ihrer ersten Gemeinderatssitzung vergangen. Wie war das damals, Anfang der 1990er Jahre? Und was hat sich in all den Jahren geändert? Zwei Frauen aus dem Landkreis Ludwigsburg berichten.
Die Kommunalwahl wirft ihre Schatten voraus. Auf den Listen der Fraktionen der 39 Landkreis-Kommunen stehen unzählige Namen. Viele davon sind neu, andere lange bekannt – zumindest in den jeweiligen Orten. So wie der von Margit Liepins und Martina Glees-Brück. Beide Frauen sind schon ihr halbes Leben im Gemeinderat aktiv. Margit Liepins sitzt seit 34 Jahren für die SPD im Ludwigsburger Gemeinderat, Martina Glees-Brück seit 31 Jahren für die Grünen im Gemeinderat Erdmannhausen.
Heute ist Margit Liepins 67 Jahre alt. Bei der Wahl am 9. Juni wird sie noch einmal auf der Liste stehen. „Wirklich das letzte Mal“, sagt sie. Im Ludwigsburger Gemeinderat ist sie Dienstälteste, ein Titel, auf den sie gar keinen so großen Wert legt. Aber so ist es nun mal. Margit Liepins kam im Frühjahr 1990 als Nachrückerin in den Ludwigsburger Gemeinderat. Damals war sie 33 Jahre alt. Da sie nicht berufstätig war, konnte sie sich Zeit für die Kommunalpolitik nehmen, während die beiden Kinder in der Schule waren.
„Ältere Männer, die das Sagen hatten“
Die 1990er Jahre waren im Gemeinderat, sagt sie, von älteren Männern geprägt, „die das Sagen hatten“. Wer neu dazu kam, sollte nach deren Meinung im Gemeinderat erst einmal zwei bis drei Jahre nur zuhören. Und noch dazu als Frau!
Eine Erfahrung, die Martina Glees-Brück in Erdmannhausen auch gemacht hat. 1993 kam sie, damals 31 Jahre alt, als Nachrückerin ins Gremium. Dort war sie zwar nicht die erste, aber zu dieser Zeit die einzige Frau. „Sehr geehrte Herren . . .“ hieß es damals immer. „Da hab ich gleich nein gesagt, so nicht“, erzählt Martina Glees-Brück. Schnell musste sie feststellen, dass Männer sie nicht ernst nahmen. Eine Grüne, eine junge Frau und aus dem Rheinland neig’schmeckt noch dazu. Die alten Gemeinderatskollegen mussten sich an all das gewöhnen.
Ihren Platz im Gremium hat sich Martina Glees-Brück inzwischen längst erkämpft. Einen Vorwurf will sie ihren Kollegen von damals aber nicht machen. „Wir hatten einfach ganz andere Lebenswirklichkeiten.“
Auch heute schaut die 62-Jährige auf diese unterschiedlichen Ansichten. Dass altgediente und junge Räte in einem Gremium sitzen, findet sie enorm wichtig. „Man kann nicht immer im eigenen Saft kochen“, sagt sie. Und: „Eine Diskussion mit ganz frischem Kopf zu starten kann so befreiend sein.“
Apropos. Beide Frauen, die beide Spaß am kommunalpolitischen Gespräch haben, finden, dass sich die Art der Diskussionen im Gemeinderat verändert hat. „Früher gab es auch innerhalb der Fraktionen mehr verschiedene Meinungen“, sagt Martina Glees-Brück.
Lautere und härtere Diskussionen
Überhaupt seien die Diskussionen anno dazumal lauter und härter geführt worden, findet Margit Liepins. Das fehlt ihr heute etwas. Auch die Disziplin. „Jeder spricht zu jedem Thema, egal, ob er Ahnung hat oder nicht.“ Früher habe in der Regel einer aus der Fraktion gesprochen, heute gehe es Runde um Runde immer noch weiter. Den Mobilitätsausschuss, dem sie angehört, nennt sie deshalb „unsere Plauderstunde“. Das sollte sich ändern, hofft die SPD-Stadträtin.
Denn es stehen wichtige Themen an. Angesichtes des 200 Millionen Euro teuren Bildungszentrums West, „haben wir Herausforderungen, die es in den vergangenen 34 Jahren so nicht gab“, sagt Margit Liepins. „Wo sparen wir? Das wird spannende Diskussionen geben.“
Als spannend beschreibt auch Martina Glees-Brück ihre Arbeit als Gemeinderätin. „Ein tolles Ehrenamt, bei dem man sich mit so vielen verschiedenen Dingen beschäftigt.“ Rückblickend hätte sie sich nie vorstellen können, dass sie das so lange macht. Durch die schwierige Anfangszeit habe sie gelernt, Dinge nicht persönlich zu nehmen, und vor allem: „Immer im Gespräch bleiben.“