Beim Bundesparteitag der AfD zeigt sich, dass es in der Führung der jungen Partei rumort. In Stuttgart will man keine Personaldebatten führen. Doch die Vorsitzende Frauke Petry wirkt zunehmend verunsichert.

Stuttgart - Natürlich wird bei Parteitagen viel getratscht. Das ist auch bei der AfD so. Dem Mittvierziger in der fünften Reihe des Versammlungssaals fällt gleich zu Beginn des Parteitags Unangenehmes auf. „Was ist denn das für eine rot-grüne Kombination“, sagt der Mann zu seinem Nachbarn. Dass sich die AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry am Samstag mit hellgrünem Sakko und rotem Rock auf dem Podium präsentiert, missfällt dem AfD-Mitglied. Diese Äußerung wäre kaum einer Bemerkung wert, wenn Petry nicht selbst einige Stunden später die Wahl ihrer Kleidung erklären würde. Wenn manche ob des rot-grünen Farbtupfers im Parteivorstand irritiert seien, dann sollte dies als Aussage gewertet werden, dass Rot-Grün in Deutschland am Ende sei, sagt Petry. Die AfDler blieben bei ihrer blauen Parteifarbe. Am Sonntag zeigt sie sich dann im knielangen schwarzen Kleid (siehe Foto).

Was bei Petry heiter und leicht klingen soll, wirkt verkrampft. Die Vorsitzende steht unter Druck. Wer erwartet hatte, dass die junge Frau nach den Intrigen und der Abspaltung des Flügels um den früheren Chef Bernd Lucke die unbestrittene Nummer eins würde, fährt vom Parteitag mit anderen Eindrücken zurück. In der Führung rumort es. Auffallend ist, dass häufig nicht Petry, sondern andere Vorstandsmitglieder den Kurs vorgeben. Zu den Wortführern in der Islam-Debatte zählten die Vorstände Alexander Gauland und Beatrix von Storch. Eine Frage wird oft gestellt: Was hat Petry noch zu sagen?

Petry spricht kaum mit Meuthen und Gauland

Die Zweifel an ihrem Einfluss sind während des Parteitreffens gewachsen. Die Vorsitzende selbst trägt dazu bei. Ursprünglich wollte die AfD in Stuttgart „großes Kino geben“, wie es ein Vorstand ironisch formuliert. Die Partei hat gelernt, dass sie nach den Wahlerfolgen von der Öffentlichkeit genau beäugt wird. Anders als früher sollen nicht Personalquerelen im Vordergrund stehen. Bundesvize Alexander Gauland appelliert zu Anfang an die Disziplin der mehr als 2100 Mitglieder. „Dieses Wochenende wird der Grundstein für den Einzug in den Bundestag gelegt“, so Gauland. Nach drei Jahren soll das erste Grundsatzprogramm verabschiedet werden. Auch Petry mahnt Einigkeit an.

Mit der Harmonie ist es jedoch nicht weit her. Wer Petry beobachtet, wie sie auf dem Tagungspodium agiert, bekommt einen Vorgeschmack. Zwischen ihrem Platz in der ersten Reihe auf dem Podium und dem Stuhl des Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen liegt ein besonders großer Abstand. Die beiden sprechen kaum miteinander. Auch mit ihrem Vize Alexander Gauland nimmt Petry wenig Kontakt auf. Einmal, als sich die Fotografen vor den Parteioberen versammeln, stellen sich die drei Führungsleute zum Foto zusammen. Das soll Einigkeit demonstrieren. Tatsächlich ist es um Petry einsam geworden.

Jörg Meuthen: „In der Partei gibt es einfach ein breites Meinungsspektrum“

Klar wird dies, als der Vorsitzende Meuthen am ersten Tag des Parteitags das Grußwort hält. Daraus wird eine viel beklatschte Grundsatzrede. Der Finanzwissenschaftler, der nach Luckes Abgang als unbeschriebenes Blatt zum Vorsitzenden gewählt wurde, hat sich in knapp einem Jahr in den Vordergrund gespielt. Der Beifall im Saal macht deutlich, dass Meuthen ankommt. Nachdem sich der Parteitag stundenlang mit Satzungs- und Geschäftsordnungsdebatten aufhält, sagt der Co-Vorsitzende, der AfD sei der Diskurs wichtig. „Mein Gruselbild ist der Parteitag der CDU in Karlsruhe“, so Meuthen, der zum reinen Jubelparteitag geraden sei. „Wir sind keine CDU-Duracell-Klatschhäschen“, meint Meuthen. Aus seiner Sicht gebe es zwar gelegentlich Meinungsverschiedenheiten, das habe aber mit Zerstrittenheit nichts zu tun. In der Partei gebe es einfach ein breites Meinungsspektrum.

Meuthens Grußwort gerät zur Kursbestimmung. Es gefällt den Mitgliedern, wenn der Vorsitzende von einem gesunden Patriotismus spricht. Der Ruf des Muezzins könne in Deutschland nicht dasselbe Recht für sich beanspruchen wie das christliche Glockengeläut, sagt Meuthen. Das spricht den Anhängern aus dem Herzen.

Petry und ihr Lebensgefährte ließen sich für Homestory in Illustrierten ablichten

Die Parteitagsregie hat vorgesehen, dass unmittelbar auf Meuthens Rede die Vorsitzende Frauke Petry folgt. Das führt zum direkten Vergleich. Ihre Ansprache gerät zu einem diffusen Gemisch aus Vorwürfen an andere Parteien und Medien. Petry spricht davon, dass die AfD-Mitglieder diffamiert würden und die Repräsentanten „entmenschlicht“ würden. Das bezieht sie auch auf sich selbst. Dass sie auf dem Titel des „Spiegels“ als Hasspredigerin dargestellt worden ist, hat sie tief getroffen.

Doch auch die ständigen Querschüsse aus den eigenen Reihen nerven sie. Die Führungsriege sei auf Loyalität und Respekt angewiesen, sagt Petry. „Ich brauche Sie als loyale Mitglieder genauso dringend, wie Sie mich als einen maßgeblichen Repräsentanten in der Öffentlichkeit.“ Das ist ein bemerkenswerter Satz, der auch als indirekte Drohung verstanden werden kann. In der Partei hat es in den vergangenen Wochen Kritik gegeben, dass sich Petry und ihr Lebensgefährte und AfD-Europaabgeordnete Marcus Pretzell in einer Homestory in einer Illustrierten ablichten ließen. „Wir wollen keine Personaldebatten“, ruft Petry in den Saal. Für ihre Rede spendet der Parteitag nur höflichen Applaus.

Petry trägt selbst zum Eindruck bei, dass sie Alleingänge in der Partei unternimmt

Während Meuthen den Mitgliedern aus der Seele spricht, wirkt Petry fahrig. Wie es aus der Partei heißt, haben die beiden Vorsitzenden vorher nicht miteinander über ihre Reden gesprochen. Auch das deutet darauf hin, dass Petry isoliert ist. Als später ihre schriftliche Rede verteilt wird, steht darin die Überschrift: „Gemeinsam statt einsam.“ Das ist auch eine Selbstbeschreibung. Dabei trägt Petry selbst zum Eindruck bei, dass sie es ist, die Alleingänge unternimmt. Sie spricht sich dagegen aus, dass die AfD „ewige Oppositionspartei“ bleibt. Ziel der AfD müsse es sein, Mehrheiten zu erringen und regierungsfähig zu werden. Das sehen viele im Bundesvorstand anders.

In der AfD-Führung geht es längst um die Aufstellung zur Bundestagswahl. Manche wollen verhindern, dass Petry die Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl wird. So überlegt der 75-jährige Alexander Gauland, ob er für den Bundestag kandidiert. Petry hat einen schweren Stand.

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