Die Uhr auf dem abfotografierten Bild (r.) ist die echte – sagt die Frau. Sie sehe der falschen zum Verwechseln ähnlich – bis auf ein Detail... Foto: Caroline Holowiecki

Eine 89-Jährige von der Filderebene schwört Stein und Bein: Ein Uhrmacher hat während eines Auftrags ihr teures Schmuckstück durch ein anderes ersetzt. Der ist empört über die Vorwürfe. Und jetzt? Eine Masche ist weder Polizei noch Gericht bekannt.

Filder - So hat sich die Frau das Älterwerden nicht vorgestellt. „Senioren sind seit einiger Zeit absolut die Dummen!“, wettert sie. 89 ist die Frau, die auf der Filderebene lebt, und ihre Erfahrungen haben sie offenbar gelehrt: „Über 80, da ist man automatisch dement. Mit uns Alten glauben sie, Michele treiben zu können.“ Sie meint: Betrug. Kaum habe sie die Acht vorne gehabt, habe eine nahestehende Person bereits nach dem Besitz getrachtet. Ominöse Anrufe hätten sie auch erreicht, „ich lege immer gleich auf“. Die frühere Lehrerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, wirkt munter und robust, erzählt lebhaft und pointiert. Trotz des hohen Alters wirkt sie topfit. Und dennoch, so sagt sie, sei sie Opfer eines Nepps geworden. „Deswegen bin ich so böse auf mich.“

Eine mehr als verzwickte Geschichte

Die Geschichte ist mehr als verzwickt. Die Frau schwört Stein und Bein, dass ein Uhrmacher sie abgezockt hat. Sie habe ihm eine teure Umhängeuhr zur Reinigung gebracht und einen anderen, minderwertigeren Anhänger zurückerhalten, der dem Original jedoch fast aufs Schräubchen gleiche. Das Problem: Der Fall liegt bereits zwei Jahre zurück. Aufgefallen sei es jüngst nur, weil die Uhr seither nicht zuverlässig gehe und schon x-mal bei dem Uhrmacher gewesen sei. „Jetzt im Frühjahr dachte ich, Donnerwetter, was ist denn mit dieser Uhr, und machte hinten den Staubdeckel auf“, da sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen. Denn statt eines Glases, durch das sie nach eigenen Angaben immer ins Uhrwerk blicken konnte, sei da ein Metalldeckel gewesen.

Der Uhrmacher weist einen Tausch – mutwillig oder versehentlich – vehement von sich. „Nach Jahren kommt sie plötzlich daher. Das ist utopisch“, selbst der Innungsobermeister habe dies längst bestätigt. „Das ist eine einmalige Uhr“, beteuert der Mann. „Ich meine, dass die Frau etwas verwirrt ist“, glaubt er.

Die Seniorin wiederum ist sich sicher, dass sie getäuscht wurde. Gut erinnere sie sich, wie sie ihren einstigen Schülern das Uhrwerk durchs Glas gezeigt habe. Könnte sie von denen einen auftreiben, könne er das bezeugen, glaubt sie. Die Uhr hat für die alte Frau einen ideellen Wert. „Meine Mutter hatte so eine.“ 1200 D-Mark habe sie sich vor mehr als 30 Jahren das Stück aus der Zeit um 1880 kosten lassen. Heute seien derartige Uhren um die 2000 Euro wert. Am Montagmorgen hat sie den Fall zur Anzeige gebracht.

Kennt die Polizei eine solche Masche?

Eine neue Masche? Beim zuständigen Amtsgericht Nürtingen ist nichts dergleichen anhängig, von Schmucktausch-Fällen ist auch weder dem Sprecher der Polizei Stuttgart etwas bekannt noch dem Kollegen in Reutlingen, der für die Filder zuständig ist. „Das höre ich zum ersten Mal“, sagt der Sprecher Christian Wörner. Ausschließen, dass der Frau Unrecht widerfahren ist, will er jedoch nicht. Jeder, dem so etwas widerfahre, solle Anzeige wegen Betrugs erstatten, betont er.

Dass die Frau misstrauisch ist, kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich haben es Ganoven häufig auf Senioren abgesehen. Insbesondere beim Telefonbetrug suchen sie sich gezielt eine Adelheid oder einen Erich aus dem Telefonbuch – in der Hoffnung, dass der und die Angerufene leichtgläubig oder gar senil ist. Beliebt sind der Enkeltrick – „Oma, ich brauche rasch Geld!“ – oder der Falsche-Polizisten-Trick, bei dem der Anrufer vorgaukelt, das Hab und Gut sei in Gefahr und müsse schleunigst abgeholt werden. „Wir geben fast wöchentlich Warnmeldungen raus“, sagt Christian Wörner. Auch bei Kaffeefahrten gelangen in erster Linie Betagte ins Visier. Die Landespolizei hat mehrere Spezial-Ratgeber für Ältere aufgelegt, die vor Haustür-Geschäften oder Trickdiebstahl warnen.

Senioren werden immer wieder gewarnt

Auch Jürgen Rittershaus (76), Sprecher des Stadtseniorenrats von L.-E., weiß, dass immer wieder versucht wird, Leute in seinem Alter über den Tisch zu ziehen, „wir haben erst vor vier Wochen deswegen eine Sicherheitswoche veranstaltet“. Auch sei nicht von der Hand zu weisen, dass in manchen, wenn auch seiner Ansicht nach in seltenen Fällen, Senioren weniger geglaubt oder ihrem Jahrgang eine besondere Bedeutung zugemessen werde, etwa bei Unfällen. „Da wird meistens das Alter der Älteren hervorgehoben.“

Ob am vermeintlichen Uhren-Trick etwas dran ist, bleibt indessen unklar. Aussage gegen Aussage, und bis etwas bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung. Grundsätzlich sagt Jürgen Rittershaus: „Man muss eben wirklich wachsam sein.“ Egal, wie alt man ist.

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