Gleise überqueren verboten: Ein Zug kommt schneller als man denkt. Foto: dpa

Immer wieder halten an Bahnhöfen und Haltestellen Gedankenlosigkeit und Leichtsinn Einzug: Menschen versuchen auf verbotenen Pfaden über die Gleise zu kommen – eine oftmals tödliche Abkürzung.

Stuttgart/Oberboihingen - Warum einen großen Umweg machen, wenn es quer über die Gleise viel schneller geht? Ein 18-Jähriger hat in Oberboihingen (Kreis Esslingen) am dortigen Bahnhof eine folgenschwere Abkürzung genommen – er wurde am Dienstagnachmittag von einem Regionalexpress nach Stuttgart erfasst und tödlich verletzt. Der junge Mann ist der zwölfte Bahntote bei einem Unfall auf Gleisen im Bereich der Bundespolizeiinspektion Stuttgart 2016.

Nach den bisherigen Ermittlungen der Polizei war der 18-Jährige am Dienstag mit der Regionalbahn 22939 von Wendlingen in Oberboihingen angekommen. Er stieg aus, lief zum Ende des Zugs und wollte dort über die Gleise zum anderen Bahnsteig wechseln. Ganz offenbar war er auf diesem unerlaubten Pfad nicht ganz bei der Sache: „Nach Zeugenangaben hatte er mit seinem Smartphone telefoniert, als er über die Schienen lief“, sagt Polizeisprecher Michael Schaal.

Zug kam mit über 100 km/h

Laut Polizeiprotokoll war es 16.11 Uhr, als in Gegenrichtung ein Regionalexpress aus Tübingen heranrauschte. Der RE 22040 nach Stuttgart hatte leichte Verspätung, hätte fahrplanmäßig seit zwei Minuten in Wendlingen sein müssen. „Dieser Zug war zum Unfallzeitpunkt mit etwas mehr als 100 Kilometern pro Stunde unterwegs“, sagt Polizeisprecher Schaal.

Der Lokführer hatte keine Chance – bei einem Bremsweg von mehreren Hundert Metern. Für den jungen Mann kam jede Hilfe zu spät. Er stammt zwar aus einem anderen Ort in Baden-Württemberg, sei aber ortskundig gewesen, heißt es bei der Polizei.

Im Bahnverkehr kam es auf der Achse Stuttgart–Tübingen zu weitreichenden Behinderungen. Die Strecke war bis kurz vor 19 Uhr voll gesperrt. Sieben Züge fielen aus, 15 Fahrten mussten auf Teilstrecken gestrichen werden. Außerdem setzte die Bahn sieben Ersatzzüge ein. Insgesamt 13 Züge sammelten mehr als 400 Minuten Verspätung.

Die 400 Reisenden im Regionalexpress kamen mit dem Schrecken davon. Der Lokführer brachte den Zug in Begleitung eines Notfallmanagers später noch bis nach Wendlingen, wo die Fahrgäste aus- und umsteigen mussten.

Schon jetzt mehr Bahntote als 2015

Mit diesem dramatischen Unfall hat es in diesem Jahr bereits jetzt mehr Tote gegeben als im gesamten Jahr 2015. Zwölf Unfallopfer verzeichnet die Statistik der Bundespolizeidirektion Stuttgart, die für den Bahnverkehr in Württemberg zuständig ist. Im vergangenen Jahr hatte es insgesamt zehn Verkehrstote gegeben, die sich im Bereich von Gleisanlagen aufgehalten hatten.

Dabei sind in der Region Stuttgart immer wieder Leichtsinn und Gedankenlosigkeit zu beobachten. Am 14. September hatte ein 17-Jähriger in Böblingen einen Schutzengel, weil der S-Bahn-Lokführer gerade noch anhalten konnte. Am 9. September waren zwei 14-jährige Mädchen auf dem Gleisvorfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs unterwegs, um mit dem Handy Selbstporträts zu knipsen. Am 5. September überfuhr eine S-Bahn in Bad Cannstatt einen 26-Jährigen, der auf den Eisenbahnschwellen unterwegs war.

Die Bundespolizei warnt immer wieder: Ein herannahender Zug sei je nach Witterung und Windrichtung oft nicht zu hören, der Bremsweg betrage bei Tempo 100 bis zu 1000 Meter.

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