Die A-Junioren des VfB Stuttgart hatten zuletzt als Pokalsieger allen Grund zur Freude. Doch der Übergang in den Profibereich bleibt für die Talente schwierig. Foto: dpa/Jan Kuppert

Der Nachwuchsleiter Thomas Krücken rückt beim VfB Stuttgart die Individualisierung in den Vordergrund. Doch bringt diese Form der Förderung auch mehr Talente in den Profibereich?

Stuttgart - Sein Geschäft ist die Zukunft. Das war schon vor 16 Jahren so, als Thomas Krücken noch als Jugendtrainer des 1. FC Köln tätig war und sich auch mit einem gewissen Lukas Podolski beschäftigte. Es ging um die Berufsausbildung des damaligen Toptalents. Doch noch ehe der Stürmer seine Lehre bei einem Hauptsponsor begann, zog ihn der damalige FC-Coach Marcel Koller in den Erstligakader hoch. Podolski setzte voll auf die Karte Fußball und startete seine erfolgreiche internationale Karriere.

Das ist eine nette Anekdote, aber für Krücken bei Weitem kein Paradebeispiel. Im Gegenteil. Er weiß, dass sich nur wenige Ausnahmebegabungen im Bundesligabusiness direkt durchsetzen, weshalb sich die schulische und die fußballerische Ausbildung im Gleichschritt bewegen sollten – und seit August verantwortet er diesen Bereich als Direktor Sport im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des VfB Stuttgart. „Ich bin dankbar, dass ich beim spannendsten Fußballprojekt in Deutschland dabei sein kann“, sagt Krücken.

Thomas Hitzlsperger hat den Nachwuchsexperten (zuvor beim FSV Mainz 05, Hertha BSC, der TSG Hoffenheim und Manchester City tätig) noch in seiner Funktion als Sportchef verpflichtet. In der Überzeugung, dass Krücken nicht nur den Status quo verwalten wird, sondern gemeinsam mit Rainer Mutschler (Direktor Administration im NLZ) eine neue Stuttgarter Schule etabliert. „Ich hoffe, dass wir in dieser Konstellation lange zusammenarbeiten, weil Nachwuchsarbeit von langfristigen Entwicklungen lebt“, sagt der Vorstandsvorsitzende Hitzlsperger.

Welche Qualitäten braucht ein VfB-Spieler 2024?

Nach seinen ersten Monaten an der Mercedesstraße richtet Krücken nun den Fokus immer mehr auf den einzelnen Spieler. Die VfB-Talente sollen von einem stark individualisierten Prozess profitieren. „Etwa 50 Prozent der Trainingszeit soll darauf verwendet werden“, sagt Krücken. Bis zu 20 Übungsleiter sollen dann mit den Jugendspielern in Kleingruppen extra arbeiten – mit maximal acht Teilnehmern. Im Extremfall können sich sogar zwei Trainer um ein Talent kümmern.

Alles, um die Spieler schon früh besser zu machen – und unter Krückens Leitmotiv: „Wir versuchen von der Zukunft her zu führen.“ Dazu hat sich der neue NLZ-Kopf die Frage gestellt: Was für Qualitäten und Eigenschaften braucht ein VfB-Spieler 2024? Die Antwort ist dem früheren Regionalliga-Kicker klar: „Wir müssen Entscheider entwickeln.“ Fußballer also, die in einem immer schneller werdenden Spiel unter Zeitdruck auf engstem Raum die richtigen Lösungen parat haben.

Auf vier Säulen ruht das Konzept: Erziehung/Bildung, Training/Wettkampf, Leadership/Coaching, Scouting/Analyse. Beim ersten Punkt geht es um die soziale Verantwortung den Familien gegenüber. Denn nach wie vor wird der größte Teil der Nachwuchsspieler den erhofften Sprung nicht schaffen. Eine Quote von 1,7 Spieler pro Jahrgang hat zum Beispiel Athletic Bilbao, in Spanien bekannt für seine erfolgreiche Jugendarbeit, errechnet. An einer Zahl will sich der VfB jedoch nicht messen lassen. „Wir brauchen Zeit und Geduld“, sagt Hitzlsperger, der wie Krücken davon abkommen will, im Nachwuchsbereich in Ergebnissen zu denken.

Was braucht ein VfB-Talent, um die nächste Stufe zu erreichen?

Noch immer darf sich der VfB im A- und B-Juniorenbereich mit insgesamt 17 Titeln Rekordmeister nennen. Doch der Übergang zu den Profis bleibt das Pro­blem, wie sich zuletzt bei der U 19 gezeigt hat, die im Sommer Pokalsieger und Vizemeister wurde. Um die Durchlässigkeit zu verbessern, haben die Stuttgarter eingeführt, dass sich die Nachwuchstrainer und Rainer Widmayer als Assistent von Chefcoach Tim Walter regelmäßig über Talente austauschen. Zudem dürfen die Besten aus der U 21 und U 19 zu Wochenbeginn beim Zweitligateam mittrainieren.

Eine schöne Belohnung und Motivation, aber mit den Teenagern soll in jedem Fall systematisch weitergearbeitet werden. Auf Basis von Potenzialanalysen. „Was braucht ein Spieler, um die nächste Entwicklungsebene zu erreichen“, lautet Krückens zweite große Frage. In athletischer, technisch-taktischer, aber auch sportpsychologischer Hinsicht. Als Schlüssel zum Erfolg sieht der 42-jährige Fußballlehrer, der eigentlich Gymnasiallehrer ist, dabei eine neue Form des Führens. „Die Jugendlichen ticken total anders als noch vor zehn Jahren“, sagt Krücken. Darauf will der VfB eingehen, um wieder mehr Spieler der Zukunft herauszubringen.

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